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Thomas W. Gaehtgens zur Kathedrale von Reims

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Von: Jörn Funke

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Der Kunsthistoriker Thomas W. Gaehtgens
Der Kunsthistoriker Thomas W. Gaehtgens © Getty Research Institute

Die Kathedrale von Reims zählt zu den Weltwundern der Architektur. Das gotische Bauwerk war die Krönungskirche der französischen Könige und stand vor 100 Jahren im Mittelpunkt einer deutsch-französischen Propagandaschlacht im Ersten Weltkrieg. Die schweren Zerstörungen durch deutschen Beschuss wurden von der einen Seite als militärische Notwendigkeit, von der andern als gezielter Angriff auf die französische Kultur an sich gesehen.

Der Kunsthistoriker Thomas W. Gaehtgens hat ein kluges Buch über die Kathedrale und die Rolle der Kultur im Krieg geschrieben.

Wer heute nach Reims reist, findet eine Stadt voller geschichtsträchtiger Bauten vor, und mittendrin die riesige Kathedrale Notre-Dame, eines der Hauptwerke der Gotik. Dass Stadt und Kirche 1914 in Trümmern lagen, mag man sich heute kaum vorstellen.

Der deutsche Vormarsch in Frankreich war nach der Marne-Schlacht gerade gestoppt, als die Kathedrale am 19. September 1914 in Brand geschossen und schwer beschädigt wurde. Die Franzosen hätten Artilleriebeobachter auf den Türmen postiert, rechtfertigte sich die deutsche Seite anschließend, die französische Armee wies das empört zurück.

Die deutsche Armee war bereits in Belgien durch ihr brutales Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung aufgefallen, der Brand der Universitätsbibliothek von Löwen hatte international Empörung ausgelöst. Der Beschuss der Kathedrale passte ins Bild und wurde von der französischen Propaganda gezielt aufgegriffen.

Deutschland, so der Tenor französischer Verlautbarungen, Denkschriften und Karrikaturen, gehe es nicht um das Besiegen, sondern um das Vernichten des Gegners und seiner Kultur.

Die deutsche Seite hatte dem Barbaren-Vorwurf zunächst nicht viel entgegenzusetzen; im Gegenteil, eine späte deutsche Reaktion auf die Vorgänge in Löwen und Reims machte alles nur noch schlimmer. Deutsche Intellektuelle unterstützen das Vorgehen des Militärs öffentlich bedingungslos: Niemand sei kunstsinniger als die Deutschen, aber man wolle nicht die Erhaltung eines Kunstwerkes mit einer deutschen Niederlage erkaufen.

Gaehtgens sieht hier das Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Kulturbegriffe: Das deutsche Verständnis ordnet die Kathedrale den Erfordernissen des Krieges und dem Leben der (deutschen) Soldaten unter. Der französische Zivilisationsbegriff erhebt das Bauwerk dagegen zum Symbol der Nation, das mit allen Mitteln verteidigt werden muss. International war die französische Position erfolgreich, die Empörung über den Kulturverlust schlug Wellen, die zahlreichen zivilen Todesopfer bei der letztlich erfolglosen Beschießung von Reims spielten in der Öffentlichkeit praktisch keine Rolle.

Reims war ein Bruch in den deutsch-französischen Kulturbeziehungen, der den Ersten Weltkrieg überdauern sollte, schreibt Gaehtgens. Als Albert Einstein 1922 zu Vorträgen nach Paris reiste, bestand er auf einem Besuch in Reims. Die Frankreich-Visite war in beiden Ländern umstritten; auf deutscher Seite zeigten die Reaktionen, wie wenig man über die Kriegszerstörungen in Frankreich wusste und wissen wollte.

Gaehtgens‘ Buch endet versöhnlich mit dem Besuch Konrad Adenauers und Charles de Gaulles in Reims 1962. Ein sorgfältig inszenierter Akt, für den die inzwischen restaurierte Kathedrale wie für eine Krönung zurechtgemacht wurde. Das Symbol der Gotik, des französischen Mittelalters und der Kriegszerstörung sollte in einen deutsch-französischen Erinnerungsort umgedeutet werden. Und das gelang: Die deutsch-französische Freundschaft ist immer noch mit den Bildern des Kanzlers und des Präsidenten in der Kathedrale verbunden. Der grundlegende Elysée-Vertrag wurde erst im Jahr danach abgeschlossen.

Thomas W. Gaehtgens: Die brennende Kathedrale. Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg. Verlag C. H. Beck, München. 351 S., 29,95 Euro

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