„Vice“ bei der Berlinale: Christian Bale spielt Dick Cheney

Im Weißen Haus: Szene aus Adam McKays „Vice“ mit Christian Bale (links) und Sam Rockwell. Foto: Kennedy/Annapurna Pict..

Berlin – Dick Cheney, US-Politiker, Vizepräsident unter George W. Bush, machtvoll und einflussreich. Zur Zeit Donald Trumps ist Cheney hierzulande eigentlich kein Thema mehr. Doch das US-Kino bringt immer wieder Filme hervor, in denen die Mächtigen beleuchtet werden. Zeit der Abrechnung.

Auf den Filmfestspielen in Berlin ist ein kritisches Biopic über den Machtpolitiker Cheney zu sehen, der den Irak-Krieg initiierte und half, US-Truppen nach Afghanistan zu schicken: „Vice“. Es ist erstaunlich, wie schnell Regisseur und Drehbuchschreiber Adam McKay seine Analyse bietet. Vielleicht haben politische Stoffe in den USA nach der TV-Serie „House of Cards“ einen neuen Markt. Cheney könnte der Held für so eine Serie sein, denn seine Methoden in „Vice“ erinnern an den ruchlosen Frank Underwood, gespielt von Kevin Spacey. Christian Bale verkörpert in „Vice“ den Politiker, der für einen republikanisch-konservativen Wertewandel steht, der mit Donald Trump eine neue Stufe erreicht hat. Der Film fragt, wie der Weg dieses Mannes verlief. Zudem stellt er die Kernfrage des demokratischen Amerikas: Wie kommt es, dass solche Politiker die liberale Gesellschaft angreifen?

Aber statt mit den Zähnen zu knirschen, klärt „Vice“ phasenweise humorvoll auf und nimmt mit einer Spur Selbstironie das Genre Politikerfilm hoch. Das Motto: Es wird sie immer wieder geben. Dick und seine Frau Lynn sprechen einmal einen Shakespeare-Dialog im Bett. Das Paar aus Wyoming ist für literarische Theatralik aber nicht zuständig. Glaubwürdiger ist, dass Cheney als trinkfreudiger Student die Uni in Yale verlassen musste. Lynn stellt ihn ruppig zur Rede, und Dick wird so zielstrebig, wie es Lynn fordert. Amy Adams spielt das blonde Antriebsmittel an seiner Seite. Christian Bale, der sich die Körpermasse von Cheney angefressen hat, zeigt einen Anfänger im Politgeschäft, der sich „Rums“ Rumsfeld anschließt und unter Nixon und Ford erste Erfahrungen macht – bis Jimmy Carter gewinnt und Solarzellen in den USA montiert werden. Wie Ronald Reagan zurück zum Öl fand und die Energiepolitik bei der Irak-Offensive eine Rolle spielte, wird durch kurze Hinweise als Kontinuität für US-Politik plausibel gemacht. Multinationale Konzerne beeinflussen die Administrationen im Weißen Haus. Das ist nichts Neues.

Immer wieder bemüht McKay das Bild vom Fliegenfischen, eine Metapher für die Technik im Politikalltag, den Gesprächspartner zu lenken. Auch George W. Bush hängt an Cheneys Angel. Sam Rockwell spielt den US-Präsident beschränkt und mit diesem verschmitzten Lächeln, das die eigene Einfalt nicht leugnet. Als Cheney das Angebot eingeht, Vize unter Bush zu werden, zeigt der Film, wie Cheney seine Macht ausbaut, wie Colin Powell gedrängt wird, vor der UNO den Irak anzuklagen, um einen Angriff zu rechtfertigen. Zeitgeschichte wird packend erzählt, auch die Operationen gegen Al Kaida zählen dazu und wie Cheney Folter in Guantanamo als Verhörtechniken legalisierte. Nun ist das Biopic zu einem Thriller geworden. US-Soldaten sterben bei Anschlägen. Und die US-Öffentlichkeit erkennt, dass der Irak-Krieg unnötig war. Cheney scheitert und hat nur Verachtung für seine Gegner. Bale zeigt ihn als schweren Koloss, verbittert und einsam trotz Küsschen von Lynn.

Weshalb der Familienvater, der wegen seiner lesbischen Tochter nicht nach dem höchsten Amt gegriffen hat, zunehmend verrohte, kann der Film nicht erklären. Seine Tochter verliert dann doch die Loyalität des Vaters, weil er am Ende seine zweite Tochter stützt, die für Wyoming Politik machen will und gegen die Homoehe sein muss. „Vice“ ist etwas für Kinogänger, die Michael Moores Politsatiren zu laut finden, aber zugespitzte Analysen lieben (ab 21. 2. in deutschen Lichtspielhäusern).

Für die Berlinale ist „Vice“ die einzige Chance, einen Hollywoodstar wie Christian Bale auf dem roten Teppich zu präsentieren. Es ist ein historischer Tiefpunkt des A-Festivals, dass kein Beitrag der größten Filmindustrie der Welt sich dem Wettbewerb um den Goldenen Bären stellt. Irgendetwas stimmt nicht mehr in Berlin. „Vice“ läuft außer Konkurrenz. Christian Bale hat schon den Golden Globe für „Vice“ erhalten. Die Nachfolger von Festivalleiter Dieter Kosslick müssen den US-Independentfilm zurückholen, die innovativen US-Regisseure für die Berlinale begeistern. Ansonsten verliert das Filmfest seinen Stellenwert als A-Festival. Cannes und Venedig stehen mit qualitätvollen Filmen und mehr Stars besser da.

Quelle: wa.de

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