Werke von Pablo Picasso aus den Kriegsjahren 1939 bis 1945 in Düsseldorf

Ein Werk der Trauer: Pablo Picassos „Stillleben mit Stierschädel“ (5.4.1942) ist in Düsseldorf zu sehen. Foto: Walter Klein/ © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019

Düsseldorf – Der Stierschädel grinst furchtbar. Wie ein archaisches Opfer liegt er auf dem Tisch vor einem Fenster, durch das man auf Schwärze blickt. Gemalt hat Pablo Picasso das „Stillleben mit Stierschädel“ am 5. April 1942, im von den Deutschen besetzten Paris. Es liegt nah, das Werk auf die Verhältnisse zu beziehen. Die Gewalt, der Schrecken, der Tod.

Ein Stück weit mag das stimmen. Picasso, der von Knochen fasziniert war, malte viele solche Stillleben mit Tierschädeln. Aber dieses bestimmte Bild war auch Ausdruck der Trauer. Kurz zuvor war Picassos Freund gestorben, der spanische Bildhauer Julio González. Das Fensterkreuz, das Violett, die Dunkelheit sind geradezu sakrale Bildelemente.

Das Werk gehört der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf. Es bildet einen Kristallisationspunkt der Ausstellung „Pablo Picasso – Kriegsjahre 1939 bis 1945“. Mit rund 70 Gemälden, Skulpturen und Arbeiten auf Papier sowie vielen Zeitdokumenten werden Leben und Werk des Künstlers in jener kurzen und extremen Zeit beleuchtet. Die Schau war zuerst im Musée de Grenoble zu sehen.

Eigentlich war die Haltung Pablo Picassos (1881–1973) eindeutig. Er hatte schon im spanischen Bürgerkrieg Partei genommen, indem er 1937 das monumentale Historienbild „Guernica“ malte, das die Schrecken der Bombardierung der Stadt im Baskenland fixierte. Als der Krieg ausbrach, war das Werk gerade in den USA als Kern einer großen Ausstellung im Museum of Modern Art in New York. Ein Triumph für den Künstler. Weil das Bild nicht zurückkehren konnte, wurde es in einer Ausstellungstournee in den USA gezeigt.

Schon 1939 reist Picasso mit seiner Geliebten Dora Maar nach Royan an der Atlantikküste. Aber selbst als die Deutschen große Teile Frankreichs besetzen, besucht er Paris. Ende August 1940 kehrt er dorthin zurück, zieht schließlich in sein Atelier. Er ist durchaus gefährdet, gilt den Nazis als „entarteter Künstler“ und erhält Ausstellungsverbot. Zudem ist er Ausländer und muss immer wieder seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern. Und er sorgt sich um seine Werke, die er im Tresorraum einer Bank einlagert. Picasso war durch seinen Ruhm zwar geschützt. Und Arno Breker, einer der führenden Bildhauer der NS-Zeit und überzeugter Nationalsozialist, behauptete später, er habe zugunsten Picassos in Berlin interveniert. Wie gefährdet er war, das zeigt die Schau anhand eines Artikels, den der Maler Maurice de Vlaminck in der Zeitschrift „Comoedia“ publizierte, einem Blatt der Kollaborateure. Darin warf er seinem Kollegen vor, für den Niedergang der französischen Kunst verantwortlich zu sein.

Der spanische Maler folgte in gewisser Weise den Regeln, versicherte zum Beispiel den Behörden, dass er keine jüdische Vorfahren habe. Nach der Befreiung, am 4. Oktober 1944, gab der Künstler seinen Entritt in die Kommunistische Partei bekannt. Das wirkt im Nachhinein schon etwas opportunistisch. Nun feierte er große Erfolge, hatte gleich Ausstellungen – und wurde von Kollaborateuren und Reaktionären massiv attackiert. Produktiv blieb er zwischen 1939 und 1945: Rund 2200 Werke entstanden in dieser Zeit. Diese Bilder sind vordergründig unpolitisch. Keine direkten Reaktionen auf Ereignisse. Stattdessen beschäftigt er sich mit dem, was er schon immer dargestellt hat: Stillleben, Frauenporträts, Akte, einige häusliche Szenen. Es ist so etwas wie eine innere Emigration, ein ästhetischer Eskapismus, den man in vielen Werken bemerkt. Andererseits hatte er nach dem Krieg gesagt, er habe den Krieg zwar nicht gemalt, sei aber sicher, „dass der Krieg Eingang genommen hat in die Bilder, die ich geschaffen habe“.

Aber bei seinen Werken war Picasso nicht bereit zu Kompromissen oder Anpassung. In den Porträts seiner Geliebten zum Beispiel steigerte er die Deformation der menschlichen Figur noch gegenüber „Guernica“. Die „Frau im Lehnstuhl“ (12. Oktober 1941) zum Beispiel entfesselt zwar eine Farbenpracht und prunkt mit einer Vielfalt der Oberflächengestaltung durch raffinierte Schraffuren. Aber er löst den Frauenkopf kubistisch auf, dass die Darstellung allen Regeln der Anatomie und des Realismus Hohn spricht. Picasso beharrt auf seiner Kunstsprache. Bei der „Frau in grau und weiß“ (15. Oktober 1941) verzerrt er die Darstellung so weit, dass kaum noch die Frau auszumachen ist. Ihre Arme werden zu stachelbewehrten Keulen, ihre Zahnreihen blecken wie bei einem Dämon, die Nase ist wie ein Rüssel zur Seite gereckt.

Selbst ein so idyllisches Motiv wie ein spielendes Kind gerät zur verstörenden Groteske. Der „Junge mit Languste“, gemalt am 21. Juni 1941 in Paris, ist eine Erinnerung an das Leben am Meer. Der sitzende Junge mit entblößtem Unterleib schwenkt das Tier umher. Sein Mund voller Zahnlücken, die verdrehten Glieder nehmen dem Bild alle Gemütlichkeit.

Aber er konnte auch anders, wie seine zärtliche Hommage an Nusch Éluard (19. August 1941) zeigt: Da verzichtet er auf die Deformationen. Er scheint auf seine rosa Periode zurückzugreifen und schildert die Frau, die krank war und unter der schlechten Versorgung litt, als ätherische, fast durchscheinende Gestalt.

Er widerstand den Einschränkungen, zeigte in kleinem Rahmen seine Werke, schaffte es sogar, Skulpturen gießen zu lassen, während gleichzeitig andere Metallobjekte eingeschmolzen wurden für Kriegszwecke. Leider ist in Düsseldorf nicht der „Mann mit Schaf“ zu sehen, den Picasso im Frühjahr 1943 schuf. Davor hatte er eine Ausstellung mit den heroisierenden Monumentalfiguren Arno Brekers gesehen. Der „Mann mit Schaf“ wird als Gegenentwurf zum faschistischen Menschenbild gesehen: eine Beschützerfigur, verwundbar, unperfekt. Aber ein Großfoto sowie eine Reihe von Zeichnungen und Entwürfen bringen dieses zentrale Werk in die Schau.

Die Arbeiten werden in streng chronologischer Abfolge präsentiert: Jedem Jahr ist ein Saal gewidmet. Durchgängig ist die eher düstere Palette, der Hang zu Grau- und Brauntönen. Selbst über erotischen Motiven wie den großen Akten von 1942 und 1943 hängt eine Stimmung von Vergänglichkeit. In der Version von 1942 hat die Liegende die Augen geschlossen und wirkt leblos.

Indirekt spiegeln die Stillleben die zunehmend schlechte Versorgungslage in der Stadt. Das Buffet des Restaurants Catalan, das Picasso 1943 gleich zweimal malte, hat außer einer Schale Kirschen nicht viel aufzuweisen. Und bei dem Stillleben von 1945 krümmen sich ein paar Lauchstengel vor einem Schädel und einem Krug: Da sieht das Gemüse aus wie Knochen. Auf einem anderen Gemälde sind mit geradezu sakraler Strenge ein Krug, eine Kasserole und eine brennende Kerze arrangiert. Dazu hatte Picasso gesagt: „Auch eine Kasserole kann schreien!“

Bis 14.6., di – do 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 8381 204, www.kunstsammlung.de, Katalog, Wienand Verlag, Köln, 39 Euro

Quelle: wa.de

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