Wolfgang-Borchert-Theater spielt „Bezahlt wird nicht!“ von Dario Fo

Ein Gruß in Coronazeiten und ein Gespräch unter Männern: Carabiniere (Jürgen Lorenzen, links) und Giovanni (Florian Bender) in „Bezahlt wird nicht!“ Foto: lefebvre

Münster – Theater in Corona-zeiten ist keine leichte Sache. Für das Ensemble des Wolfgang-Borchert-Theater war es am Wochenende doppelt schwer. Dario Fos Satire „Bezahlt wird nicht!“ (1974/2009) musste einen Tag vor der Premiere umbesetzt werden. Monika Hess-Zanger, Schauspielerin der Antonia, hatte sich den Arm ausgekugelt und zweimal gebrochen. Ein Schock für das Theaterhaus in Münster, das dann aber auf Rosana Cleve setzen konnte. Die Darstellerin – seit 2017 am Bochert-Theater – gab ihre Figur der Margeritha ab und übernahm die Hauptrolle in „Bezahlt wird nicht!“. Markus Hennes sprang als Antonias Freundin ein. Margerithas Weiblichkeit wurde mit seinem männlichen Charme und kessem Hängekleidchen ausgestellt. Das gab dem komödiantischen Treiben noch einen zusätzlichen Kick. Dem Publikum, das auf Abstand platziert war, gefiel diese Spielart.

Beherzt und professionell setzte das Ensemble eine Inszenierung von Tanja Weidner um, die Dario Fos Blick auf die Not einfacher Leute mit heutigen Beispielen aktualisierte. So verfallen Giovanni und Luigi, die Männer von Antonia und Margeritha, kurzzeitig in die Bewegungsmotorik, die am Fließband nötig wird, wenn sie Fleischteile zerlegen. Solche Zwangshandlungen aus der Tönnies-Welt sind weit weg vom Ziel der Arbeiter, selbstbestimmter zu leben und mehr Geld zuverdienen.

Unfreiwillig belegt die Stückefassung in Münster, wie rigoros sich Arbeitsrechte in Europa verschlechtert haben. Luigi fordert einmal, dass der Firmenbesitzer auch die Anfahrt zur Arbeit bezahlen müsse. Solche patzigen Anwürfe von damals gehen im Alltag von Saisonarbeitern aus Rumänien unter, die heutzutage für ihre billige Bleibe noch horrende Miete abtreten müssen. Da wirkt Dario Fos Ansatz von 1974, den er 2009 in einer zweiten Fassung politisch erweiterte, ein bisschen wie Folklore.

Und tatsächlich ruft der italienische Dramatiker und Polit-Agitator nicht zur Revolte auf. In „Bezahlt wird nicht!“ bleiben Arbeiter, Hausfrauen und Polizisten unter sich. Antonia hatte sich im Supermarkt über steigende Preise beklagt. „Bezahlt wird nicht!“ ist die situative Losung, um der eigenen Ohnmacht zu begegnen, um Geldnot und die Allmacht der Konzerne anzuprangern. Rosana Cleve spielt Antonia als selbstbezogene Italienerin, die ihr Schicksal angenommen hat, aber laut wird, wenn sie ihre Würde beschädigt sieht. Sie ist der energievolle Mittelpunkt in Münster. Da mit Giovanni, ihrem Ehemann, ein Macho auftritt, der aus arm und ehrlich, gleich seinen Stolz zieht, sind Reibereien angesagt. Bei Dario Fo, der die politische Uneinigkeit in Italien immer mitdenkt, misstrauen sich schon die Eheleute. Antonia hat die geklauten Lebensmittel unters Sofa geschoben. Die Wohnküche (Bühne und Kostüme: Annette Wolf) ist aus Sperrholzmöbeln. Ein Kühlschrank raunzt gefährlich und zum Bad geht es durch eine Luke, die unter der Straße liegt. „Arte Povere“ lässt grüßen. Darüber visualisieren Wandplakate und Bekenntnisse als Street-Art-Collage die 70er-Jahre.

Tanja Weidners Inszenierung zielt vor allem auf das Zwischenmenschliche. Wie Antonia ihrem Giovanni erklärt, dass Margeritha schwanger ist, obwohl unterm Mantel nur geklaute Nudeln, Öl und Oliven stecken, ist der Anfang verrückter Flunkereien bis zur Fötus-Transplantation. Einem Mann kann man ja alles erzählen. Der Carabiniere bekommt zu hören, dass Frauen mit Lebensmitteln unterm Mantel der heiligen Eulalia huldigen, weil die 60-Jährige einst eine Kind bekam. Jürgen Lorenzen spielt den Gesetzeshüter als sonoren Kerl (und vier weitere Rollen), den solche Zoten nicht verunsichern. Bis ihm Antonia nach dem Stromausfall eine Blindheit einredet. Er fällt drauf rein, und das Stück wird zur Farce. In Münster fehlt letztlich das Tempo für diesen Parforceritt. Trotz „Azzurro“ von Adriano Celentano.

Weidner bleibt Dario Fos Figurenspiel verpflichtet und lässt Giovanni Säcke mit Mehl und Zucker einsammeln, die über die Grenze verschoben wurden. Der artige Arbeiter wird ein bisschen Rebell, denn sein Kollege Luigi sagt: „Wer nicht klaut, ist blöd.“ Und wer will schon blöd sein? Johannes Langer gibt Luigi selbstgefällig und tumb. Wie er das Hundefutter aus der Dose gabelt und als Pastete feiert, zählt zu den Ekelszenen – wie auch die Oliven nach Margarithas Niederkunft. Luigi schmeckt’s.

Florian Bender zeigt Giovanni als aufgeweckten Kerl, der sich schrittweise seiner Frau und den sozialen Umständen ergibt. Am Ende muss die schäbige Wohnung geräumt werden, weil Antonia die Miete nicht bezahlt hat. Dass in Münster gleich der ganze Straßenzug saniert werden soll, um Wohndomizile für Besserverdiener zu schaffen, dass hätte sich Dario Fo wohl nicht vorstellen können. Das Wort Betongold kommt aus Deutschland.

Tel. 0251/399 070

www.wolfgang-borchert-theater.de

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