„Zeitinsel“ zum Komponisten George Benjamin im Konzerthaus Dortmund

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Wuchtige Musik im Konzerthaus Dortmund: Christopher Purves, Tim Mead und Barbara Hannigan (von links) in der konzertanten Aufführung der Oper „Written on Skin“.

DORTMUND - Das Wissen darum liegt nicht in jedem Kunstwerk an der Oberfläche, aber es ist eine Tatsache, dass, wer Kunst schafft, auch einen Akt der Machtergreifung begeht. Dies liegt im Kern der Oper „Written on skin“, der zweiten des Messiaen-Schülers George Benjamin.

Vor vier Jahren uraufgeführt, ist es sehr erfolgreich für ein so junges Werk, mit mehr als 100 Aufführungen. „Written on skin“ war Höhepunkt und Abschluss einer eindrücklichen Zeitinsel am Konzerthaus Dortmund. Neben „Into the little hill“ (2006), Benjamins erster Kammer-Oper, gab es ein Gesprächskonzert mit Purcell-Arrangements und Kammermusik-Arbeiten, eine seltene Gelegenheit zur Information aus erster Quelle.

Die zwei Benjamin-Opern sind Arbeiten über die Verführungsmacht der Kunst. „Into the little hill“, in der Uraufführungsbesetzung gespielt vom Mahler Chamber Orchestra und gesungen von der Finnin Anu Komsi und der walisischen Altistin Hilary Summers, bearbeitet die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln. Die beiden Sängerinnen stellen die Figuren dar und erzählen gleichzeitig, so ist in der Handlung immer die Distanz, die Draufsicht gegenwärtig. Ein Minister verkörpert die politische Macht, der Fremde die Macht der Musik: beide sind unerbittlich. Der Kinderraub ist eine furchtbare Rache, eine Zerstörung. Ausgemalt wird das in einer lakonischen, anspielungsreichen Partitur, in der wenige Streicher und eine ungewöhnliche Bläser-Besetzung – mit Kornett und Bassetthörnern – Stimmungen einfärben und ins Schauermärchenhafte ziehen. Eine Bassflöte schafft Horroratmosphäre. Die Sopranistin Anu Komsi, gesegnet mit einer leuchtend-lyrischen Stimme, spannt hohe Bögen und zieht die Vokale ins Fahle, als sie die Macht der Musik beschwört. Hillary Summers beherrscht als Minister einen pompösen Lügenton, der sich in Schrecken verfärbt.

Das Libretto stammt, wie das zu „Written on skin“, vom britischen Dramatiker Martin Crimp. Die Texte sind dicht, aber sparsam mit Metaphern ausgestattet, klarsichtig bis zum Sarkasmus. In beiden Opern sind die Szenen durch Schlüsselbegriffe in Beziehung zueinander gesetzt: Lichtsymbolik; Schrift als Akt der Wahrnehmung und der Verletzung; die Frau Eva, die bei Nichtgehorsam als Schlange diffamiert wird.

Die Musik ist dicht und klar gegliedert. Sie vermittelt, dass sie sagt, was es eben zu sagen gibt. Der dritte und finale Part von „Written on skin“ dringt unter die Haut, das ist auch eine Zumutung.

Barbara Hannigan singt die weibliche Hauptrolle, Agnès, eine Frau, die von ihrem gewalttätigen Ehemann, dem „Protector“, für eine verbotene Liebe gestraft wird. Er gibt ihr das Herz ihres Geliebten zu essen. Die Geschichte geht auf provenzalische Troubadoure zurück und wurde im Decamerone aufgegriffen. Hannigan legt Schwelltöne über das Orchester, in denen ein fast wahnsinniger Drang liegt: zu lieben, selbst zu schaffen. Ihr Geliebter, der „boy“, ist Maler. Sie selbst ist vom Schaffensprozess abgeschnitten, kann weder lesen noch schreiben.

Der „boy“ ist zugleich Beobachter. Er ist einer von drei Engeln, die in die Handlung eingreifen. Benjamins Musik fasst das in einem herrlichen Moment: Der Engel beschreibt ein Bild, auf dem Agnès zu sehen ist. Sie ist aus dem Fenster gesprungen, Engel tragen sie in den Himmel, kühle Sterne funkeln. Violinen im Flageolett und eine Glasharmonika ziehen den Klang in eisige Höhen.

Die Musik ist oft brachial und, wie in „Into the little hill“, in Schichten gegliedert. Starke dynamische Kontraste leiten das Gehör, außerdem sind die Auftretenden einer Klangfarbskala zugeordnet. Die warmen Streicher und Blechbläser, die den Protector begleiten, schlagen in brutale Grabschwärze um. In den dramatischen Höhepunkten ballt sich der Klang wie eine Riesenfaust. Das Mahler Chamber Orchestra verbindet auf außergewöhnliche Weise Präzision und magnetische Anziehung.

Die Anderweltlichkeit des „boys“ wird angezeigt durch eine Mischung von Glasharmonika und Bassgambe. Die Bläser haben Übergewicht im Orchester und machen den Klang scharfkantig, drillen ihn wie ein Bohrer ins Gehör. George Benjamin dirigierte selbst, die Besetzung entsprach wieder der Uraufführung. Man kann sich kaum Eindringlicheres vorstellen als Hannigan, die an der Grenze zur Besessenheit navigiert, und den Countertenor Tim Mead als „boy“, der in seinen lyrischsten Ausbrüchen noch Unberührbarkeit vermittelt. Als Protector gibt Christopher Purves einen zischenden, Laute spuckenden Gewaltmenschen, einen Täter aus Prinzip. Man braucht Zeit, um sich von dieser intensiven Aufführung zu erholen, auch weil die halbszenische Inszenierung von Benjamin Davis die Seelenschmerzen der Figuren in klare Gesten fasst und sie so noch näher bringt.

Quelle: wa.de

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