Mit einem spanischen Herzen: Zum Tod des stilprägenden Jazz-Pianisten Chick Corea

Gut gelaunter Jazz-Klassiker: Pianist Chick Corea beim Klavier-Festival Ruhr in Essen.
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Gut gelaunter Jazz-Klassiker: Pianist Chick Corea hier beim Klavier-Festival Ruhr in Essen.

Mitten in der Zugabe wandte sich Chick Corea zum Publikum. Ein Fingerzeig genügte, und das Publikum in der ausverkauften Philharmonie Essen stimmte das Thema von „Spain“ an. Er dirigierte. Alle sangen, erstaunlich textsicher übrigens und ohne dass das angekündigt worden wäre. Der US-Pianist war eben nicht nur Jazzvirtuose. Er wusste sein Publikum zu bezaubern.

Am Dienstag ist der Musiker in Tampa, Florida, im Alter von 79 Jahren gestorben. Auf seiner Facebok-Seite wurde mitgeteilt, dass er einer seltenen Krebsart erlag. Armando Anthony „Chick“ Corea, geboren 1941 als Sohn eines Trompeters, gehörte zu den stilprägenden Musikern des Jazz. Er hat 23 Grammys gewonnen, den letzten 2020 für das Album „Antidote“. Und er gehörte zu den wenigen Jazzern, die auch außerhalb der Szene populär waren.

Corea begann als Vierjähriger mit dem Klavier, mit acht bekam er Unterricht. Vor allem Latin- und Soul-Jazz waren seine frühen Einflüsse, er selbst nannte Horace Silver und Bud Powell. Erste professionelle Auftritte hatte er anfang der 1960er Jahre mit Latin-Jazz-Stars wie Mongo Santamaria und Willie Bobo, aber auch mit dem Saxofonisten Stan Getz und dem Flötisten Herbie Mann. Den Durchbruch erlebte er aber in der Band von Miles Davis als Nachfolger von Herbie Hancock. Als Davis den Jazz elektrifizierte, saßen zeitweise drei Pianisten an den Tasten: Keith Jarrett, Joe Zawinul und eben Corea. Von hier aus entwickelte sich der Jazzrock, mit den prägenden Bands Weather Report (um Zawinul und den Saxofonisten Wayne Shorter) und Coreas Formation „Return To Forever“.

Das waren All Star Bands, die in großen Hallen und Stadien auftraten und deren Alben auch Verkaufserfolge waren. Die erste Formation von Return To Forever mit dem Schlagzeuger Airto Moreira, der Sängerin Flora Purim, Bassist Stanley Clarke und Saxofonist Joe Farrell war noch keine Fusion-Band. Sie spielten modernen Latin-Jazz, und nur das helle, klare E-Piano Coreas fiel aus dem Rahmen. Das änderte sich mit der zweiten Formation mit Lenny White am Schlagzeug und zunächst Bill Connors, später Al Di Meola an der E-Gitarre. Nun wurde der Sound kompakter, voller, manchmal bombastisch. Corea setzte neben dem Fender Rhodes auch ganze Batterien von Synthesizern und Orgeln ein. Er und seine Mitstreiter wetteiferten in Virtuosität, die solistischen Duelle zum Beispiel zwischen Corea und Gitarrist Di Meola verloren sich manchmal im Ausstellen schierer instrumenteller Brillanz auf Kosten der Substanz. Und als er seine spätere Frau Gayle Moran als Sängerin anheuerte, mussten auch hartgesottene Corea-Fans einiges ertragen. Der Hang zur Perfektion blieb aber bei Corea, und immer wieder tat er sich mit großartigen Musikern zusammen, wie dem famosen Rhythmus-Gespann John Pattittucci (Bass) und Dave Weckl (Schlagzeug). Daneben gab es immer wieder Kollaborationen wie Duo-Auftritte mit seinem Kollegen Herbie Hancock, dem Sänger Bobby McFerrin, dem Vibrafonisten Gary Burton. Aber auch mit dem klassischen Pianisten Friedrich Gulda und dem Sydney Symphony Orchestra trat er auf.

Corea war ein großartiger Komponist, Titel wie „Spain“, „500 Miles High“, „La Fiesta“, „Armando‘s Rhumba“ und „Windows“ gelten inzwischen als Standards. Obwohl sein Vater Italo-Amerikaner war, fühlte Corea sich als Iberer. Eins seiner legendären Alben hieß „My Spanish Heart“, und da schwelgte er (nicht zum ersten Mal) in Flamenco-Rhythmen und Rumba-Harmonien, da stampften Tänzer mit den Füßen, es klapperten Kastagnetten.

Man erkennt seine Kompositionen an typischen Wendungen. Mehr als 100 Alben nahm er auf, und bei aller chamäleonhafter Vielfalt von den Standard-Interpretationen, die er mit der Formation „Echoes Of An Era“ pflegte, über Latin bis zu Fusion, blieb diese deutliche Melodiebezogenheit ein Markenzeichen. Einige Werke wie seine „Children‘s Songs“ schafften es auch ins klassische Repertoire, und er schrieb sich Klavierkonzerte auf den Leib.

Schon als Kind hatte er Mozart gespielt. Als Einleitung zu „Spain“ spielte er das Thema aus Joaquin Rodrigos „Concierto de Aranjuez“, und er interpretierte auch Werke von Bartok oder verjazzte Scarlatti. Seine stilistische Vielfalt behielt er bei, er schloss nie mit einer Phase ab, sondern tat sich oft nach ein paar Jahren wieder mit Bandkollegen zu einer Reunion zusammen, mit „Return To Forever“ in der Fusion-Formation zum Beispiel ging er 2008 noch einmal auf Welttournee.

1968 fiel Corea das Buch „Dianetics“ des Sektengründers L. Ron Hubbard in die Hände. Der Musiker wurde Mitglied und ein Aushängeschild von Scientology. Er vertonte einige Romane Hubbards, Songtitel spielen auf dessen Lehre an, und auf den Alben fand sich stets eine Danksagung an dessen „Inspiration“. Was ihm gerade auch hierzulande Ärger eintrug. So wurde er in Stuttgart 1993 aus dem Kulturprogramm der Leichtathletik-WM ausgeschlossen. Dagegen klagte er vergeblich.

Wenn man ihn in den letzten Jahren auf der Bühne sah, blendete man das aus. Da gab man sich seiner bis ins hohe Alter ungebrochenen Virtuosität und seinem Charisma hin.

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