Mozarts „Così fan tutte“ unter Teodor Currentzis im Konzerthaus Dortmund

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Liebeswirren: Simone Kermes (links) als Fiordiligi und Paula Murrihy als Dorabella in „Così fan tutte“ am Konzerthaus Dortmund.

Dortmund - Im Fall der dritten und letzten von Mozarts Da-Ponte-Opern, „Così fan tutte“, ergibt sich ein merkwürdiger Kontrast. Mozart sanglicher, leuchtender Humanismus passt nicht recht zu der bösen Geschichte um einen Treuetest, der zwei Paare beschämt und verletzt zurücklässt. Es geht einem darüber ein Licht auf bei Teodor Currentzis, der die „Così“ als teuflisch hellsichtiges Illusionentheater spielen lässt. Er destilliert aus ihr ein Mozart-Kunstprodukt.

Von Edda Breski

Currentzis dirigiert dieser Tage am Konzerthaus Dortmund seinen Zyklus der drei Da-Ponte-Opern. „Così“ machte den Auftakt, gefolgt von „Figaro“ und „Don Giovanni“. Für das Konzerthaus ist das Gastspiel von Currentzis und seinem Ensemble MusicAeterna aus dem russischen Perm ein Gewinn. Es soll, erklärte Intendant Benedikt Stampa seinerzeit bei der Programmvorstellung, das Profil des Hauses im Bereich konzertante Opern schärfen. Currentzis’ erste zwei Einspielungen, „Così“ und „Figaro“ haben Furore gemacht, aber auch Einwände gegen seinen scharfkantigen, zugleich gefühlsprallen Mozart hervorgerufen.

Im Falle der „Così“ konnte leicht eine sensorische Überflutung eintreten. Die Musik wühlte, brodelte, explodierte mit heftigen dynamischen Akzenten. Sie federte, spottete, kokettierte. Aber sie verriet nie die Figuren.

Bereits durch die Ouvertüre schimmerte Hysterie. Sie war eine Warnung: Was jetzt kommt, ist knapp vorm Überschnappen. Die Rutschbahn der Gefühle, in der Ouvertüre präsentiert, wurde von dem Personal der „Così“ leichtfüßig betreten. Simone Kermes sang die Fiordiligi fast zu überkandidelt, mit Phrasen, die fahl, vibratolos verhauchen. Das Duett Fiordiligis mit Paula Murrihys Dorabella war ein munteres Sich-Ausstechen. Beide konkurrieren, wer den besseren Mann abbekommen hat. Ihre Koketterie war so bewusst ausgemalt, dass die Damen fast noch boshafter erschienen als die Herren, die soeben eine Wette auf ihre Treue abgeschlossen hatten.

Neben Murrihys sinnlicher Dorabella war Vito Priantes Guglielmo ein lustvoller, sorgenfreier Möchtegern-Held. Priante sang für den erkrankten André Schuen, der aber am Dienstag den „Don Giovanni“ geben soll.

Fiordiligis Arie „Come scoglio“ war Theaterdonner, wie die Kermes ihn so makellos abliefern kann, mit wahnwitzigen Koloraturen und karikierenden Akzenten.

Das Terzett „Soave sia il vento“ war eine pure Verwandlungsmusik: Nach dem vorgetäuschten Abschied der Liebhaber wird nichts mehr so sein wie vorher.

Das Komplementärstück zu „Come scoglio“ ist Ferrandos Arie „Un’ aura amorosa“, von Kenneth Tarver mit parfümierter Grazie ins Piano geführt. Tarver war gesundheitlich angeschlagen und hatte hörbare Probleme, rang seinen angeschlagenen Stimmbändern mit Willenskraft und einer Wasserflasche in der Hand aber noch einen eleganten zweiten Akt ab.

Mozart koppelte als „falsches“, nur durch die Wette zusammengeführtes Paar den Sopran und den Tenor. Er spielte mit den Wahrnehmungen seiner Zuhörer, die gewohnt waren, Sopran und Tenor als zusammengehöriges Paar zu erkennen.

Currentzis enthüllte die zwischen den Figuren gespiegelte Theatralik, wie im Fall von Ferrandos und Fiordiligis Gefühlstrunkenheit. Die Partitur schillerte unter ihm vor tausend Einfällen und Details. Zugleich war sie oft fabelhaft durchartikuliert. Man hörte Details tatsächlich neu. Das konnte eine comic-hafte Abwärts-Tonleiter im Rezitativ sein, als Guglielmo dem Ferrando gesteht, dass er dessen Braut Dorabella schon für sich gewonnen hat. Endlich einmal waren die Rezitative kein spröder Übergang, sondern mit sprudelndem Leben erfüllt.

Das musikalische Fußstampfen, das Stop’n’go in Despinas Belehrungs-Arie in Sachen Verführung war pure Spielerei. Currentzis trägt Exzentrik wie eine Rose im Knopfloch.

Die Rolle Don Alfonsos als Strippenzieher gewann an Bedeutung, auch weil Konstantin Wolff den Intriganten mit maliziöser Eleganz sang und ihm eine leise tragische Aura mitgab. Wirbelt Alfonso die Paare durcheinander, weil er selbst unerhört blieb?

Als Mit-Intrigantin Despina brachte Anna Kasyan überschnappende Energie mit. Sie tänzelte in einem durchaus spektakulären Kleid herum, scheuchte Alfonso mit einem Silben-Donnerwetter von der Bühne und machte sich an Currentzis heran. Auch zwischen Despina und Alfonso, das wird deutlich, werden Eigenschaften gespiegelt.

Currentzis’ Mozart wird auch in körperlicher Nähe erarbeitet. Er kam ständig an die Sänger heran, umtanzte sie. Wie die Musik war die Darstellung in dieser halbszenischen Aufführung sinnlich und eindeutig. Currentzis „Così“ traf in ein Grundproblem des menschlichen Darstellungs-Drangs. Vor wem spielt der Mensch wohl mehr Theater? Vor anderen, oder vor sich selbst?

Der Da-Ponte-Zyklus endet am Dienstag mit „Don Giovanni“. Tel. 02 31/22 696 200,

www.konzerthaus-dortmund.de.

Quelle: wa.de

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