Messe in Hannover gestartet

CeBIT: Datenschutz im Mittelpunkt

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Angela Merkel hat am Montag die CeBIT 2014 eröffnet. Partnerland ist Großbritannien.

Hannover - Seltene Eintracht zum CeBIT-Start: Politiker und Datenbosse bekennen sich zu Datenschutz und wollen die Nutzer ernst nehmen. Außerdem gibt es weitere Schwerpunkte.

Neun Monate nach Ausbruch des NSA-Skandals verspricht die Politik auf der weltgrößten Computermesse CeBIT rasches Handeln für ein sichereres Internet. Die Bundesregierung kündigte für dieses Jahr den ersten Entwurf für ein IT-Sicherheitsgesetz an. Sie will dabei mit der IT-Industrie zusammenarbeiten. Die EU-Kommission will ebenfalls in diesem Jahr eine europäische IT-Sicherheitsrichtlinie auf den Weg bringen.

„Snowden gab uns einen Weckruf. Lassen Sie uns ihn nicht verschlafen“, betonte die für Digital-Themen zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes am ersten CeBIT-Tag in Hannover. Datenschutz und Sicherheit sind fest in den Mittelpunkt der Branchenschau gerückt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Großbritanniens Premier David Cameron wollen sich gemeinsam für einen leistungsfähigen digitalen Binnenmarkt in Europa starkmachen. „Der digitale Markt ist unsere Zukunft“, sagte Merkel am Montag zum Start ihres traditionellen Rundgangs auf der weltgrößten Computermesse CeBIT in Hannover. An der Seite von Cameron - dem Regierungschef des CeBIT-Partnerlandes Großbritannien - warb sie für ein gemeinsames europäisches Regelwerk, das die digitale Infrastruktur des Kontinents voranbringt. Dabei gehe es zum Beispiel auch um den raschen Ausbau des Breitbandnetzes.

Merkel sagte, dass sich Großbritannien und Deutschland bei den Zielen einig seien und das Thema gemeinsam vorantreiben wollten. Cameron betonte, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern würden immer stärker. Die Politik sei in der Pflicht, neben den technischen auch die finanziellen Voraussetzungen für den digitalen Wandel zu schaffen - etwa auf dem Gebiet der Wissenschaft und Forschungsförderung.

Cameron meidet Datenschutz-Stände

Cameron machte nur einen Teil des Messerundgangs mit, blieb den Ständen von auf Datenschutz und Verschlüsselungstechnik spezialisierten Unternehmen aber fern. Die Rolle der britischen NSA-Partnerdienstes GCHQ in dem seit Monaten köchelnden Überwachungsskandal wurde in Hannover nicht angesprochen. Merkel sagte zum Abschluss ihres Rundgangs, es sei ein guter Schachzug der CeBIT gewesen, Großbritannien dieses Jahr zum Partnerland zu machen.

Alle Technik-Neuheiten auf der CeBIT 2014

Alle Technik-Neuheiten auf der CeBIT 2014

Mit Blick auf die deutsche IT-Industrie erklärte sie: „Die CeBIT zeigt: Wir sind an vielen Stellen recht gut, aber wir müssen uns ran halten, dass nicht andere besser sind - und an einigen Bereichen müssen wir sogar aufholen, das muss man ganz nüchtern sehen.“ Es gelte, die jungen innovativen Firmen besser zu fördern als bisher. Bei den Anwendungen sei Deutschland in vielen Bereichen gut dabei.

Bundesinnenminister Thomas De Maizière, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) und Infrastrukturminister Alexander Dobrindt (CSU) stellten in Hannover die „Digitale Agenda“ der Bundesregierung vor. De Maizière betonte, beim geplanten deutschen IT-Gesetz gehe es auch um die Frage, auf welche Weise kritische Infrastruktur wie das Internet geschützt werden könne, um die Gesellschaft funktionsfähig zu halten. Zudem gehe es um den Datenschutz. Mit Blick auf die NSA-Ausspähaffäre meinte er, eine alleinige Fixierung auf ein Abkommen, das derartige Spionage unterbinde, sei nicht ausreichend. Mittlerweile seien auch private Unternehmen eifrige Datensammler. Es gelte daher, den Datenschutz auf eine breitere Basis zu stellen.

Ruf nach Datenschutz

Eckdaten

- rund 3400 Unternehmen aus 70 Ländern zeigen vom 10. bis 14. März Neuheiten zum Thema „Datability“.

- Partnerland ist in diesem Jahr Großbritannien.

- 1500 Konferenzen und Fachveranstaltungen finden statt

- 300 junge innovative Unternehme werben um Investoren

- 230 000 Fachbesucher wartet

Die Messe startete am Montag mit dem Ruf nach mehr Datenschutz. Kanzlerin Angela Merkel forderte nach dem NSA-Skandal internationale Anstrengungen für eine neue Politik. „Ich glaube, wir sind erst am Anfang dessen, was da zu leisten ist, denn das kann natürlich national alleine nicht gemacht werden“, betonte sie in der Eröffnungsrede am Sonntagabend in Hannover. „Wir haben jetzt erst einmal unsere Hausaufgaben in Europa zu machen.“

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn schlug am Sonntag eine Allianz der Autobauer gegen Datenmissbrauch in vernetzten Fahrzeugen vor. „Das Auto darf nicht zur Datenkrake werden“, betonte er. Die Autobauer schützten ihre Kunden vor Gefahren wie Aquaplaning, Sekundenschlaf oder Staus. „Und mit dem gleichen Pflichtbewusstsein werden wir unsere Kunden auch vor dem Missbrauch ihrer Daten schützen“, sagte der VW-Chef. „Wir brauchen eine Art Selbstverpflichtung der Automobilindustrie.“

Verbraucher mit abhörsicheren Handys?

Schon in den ersten Ankündigungen am Sonntag war zu spüren, dass die IT-Branche die veränderte Stimmung nach den NSA-Enthüllungen auch als Chance nutzen will. So hat die Düsseldorfer Firma Secusmart, die Technik für abhörsichere Handys der Bundesregierung stellt, große Pläne für den Massenmarkt. Zusammen mit dem Mobilfunk-Riesen Vodafone soll Sprachverschlüsselung für Firmen und Verbraucher vermarktet werden.

Der IT-Branchenverband VDE schlug auf der CeBIT Alarm: In Deutschland und Europa sei dringend eine „Reindustrialisierung“ bei IT und Telekommunikation nötig. „Wir dürfen nicht die Gefahr übersehen, dass wir in den nächsten 10 bis 15 Jahren sonst in eine Abhängigkeit von ausländischen Firmen kommen“, sagte der Vorsitzende der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE, Ingo Wolff. Die führenden Unternehmen könnten dann neue Technologien vorenthalten und Bedingungen für ihren Einsatz stellen oder „etwas einbauen, was uns nicht gefällt“, warnte er.

Der russische Virenjäger Eugene Kaspersky warnte auf der CeBIT vor IT-Sabotage als einer bisher unterschätzten Gefahr. Inzwischen steuerten Computer immer mehr lebenswichtige Systeme, die Software dieser Anlagen sei aber unzureichend geschützt. „Wenn nichts unternommen wird, könnte es irgendwann gewaltig krachen“, griff er zu deutlichen Worten.

Die CeBIT-Macher hatten sich auf die „Big Data“ genannte Auswertung großer Datenmengen zusammen mit einem verantwortungsvollen Umgang mit den Informationen als Leitmotiv für dieses Jahr eingestellt. Dafür erfanden sie das Kunstwort „Datability“. Die Diskussionen auf der CeBIT drifteten allerdings darüber hinaus noch stärker zum Thema Datensicherheit ab.

Schutz der Daten im Vordergrund

„Wer Daten nutzen will, muss auch für ihren Schutz eintreten“, sagte der Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom, Dieter Kempf. Zugleich betonte er, die Vernetzung des Alltags sei nicht aufzuhalten: „Es wird alles digitalisiert werden, was sich digitalisieren lässt.“

Die VW-Tochter Audi demonstrierte zur Eröffnung als Weltpremiere einen Prototypen des Cockpits für ein selbstfahrendes Auto. Die Studie „James 2025“ hat ein Lenkrad, das sich im Autopilot-Modus auseinanderklappt und zurückweicht sowie eine in der Konsole verschwindende Instrumententafel.

Die CeBIT richtet sich in diesem Jahr erstmals ausschließlich an professionelle Anwender. An den fünf Messetagen bis Freitag werden rund 230 000 Fachbesucher erwartet - so viele wie 2013. Damals kamen allerdings noch 43 000 Privatbesucher dazu. Erstmals seit 2008 kommen nach Angaben der CeBIT mit 55 Prozent wieder mehr als die Hälfte der rund 3400 Aussteller aus dem Ausland. „Die CeBIT ist die einzige Veranstaltung, die die Wertschöpfungskette der gesamten Branche abbildet“, betonte Messe-Chef Oliver Frese. Partnerland ist diesmal Großbritannien - das birgt Konfliktstoff, weil der britische Geheimdienst GCHQ ein zentraler Partner des US-Abhördienstes NSA ist. Der britische Premier David Cameron ging in seiner Eröffnungsrede nicht auf das Thema ein und warb stattdessen für britische Start-ups.

Schwerpunkte in diesem Jahr

Große Datenmengen rufen auch den Datenschutz auf den Plan. Erst recht nach dem NSA-Skandal sind Privatpersonen und Unternehmen verunsichert. Der kompetente und sicherer Umgang mit den anfallenden Datenmengen sei aber die Voraussetzung für eine global funktionierende Marktwirtschaft, erklärte der neue CeBIT-Chef Oliver Frese. An vielen Messeständen wird das Thema Datenschutz und Datensicherheit aufgegriffen. Als prominenten Sprecher hat die Messe auch den russischen IT-Sicherheitsexperten Eugene Kaspersky gewonnen.

Big Data - Im Zuge der Digitalisierung fallen immer größere Datenmengen an. Jeder Mensch hinterlässt täglich eine Datenspur. Ob Bewegungsdaten über das Smartphone, das Einkaufverhalten beim Online-Shopping, der Energieverbrauch oder die Kontobewegungen - alles wird digital erfasst. Von der intelligenten Analyse und Auswertung erhofft sich die Branche einen großen und schnell wachsenden Markt mit ganz neuen Produkten und Diensten, etwa intelligenten Verkehrsleitsystemen, Verbesserungen im Gesundheitswesen oder neue Möglichkeiten in der Forschung.

Datability - Nach „Webciety“ und „Shareconomy“ hat die CeBIT auch dieses Jahr ein Kunstwort zum Leitthema erklärt. „Datability“ setzt sich zusammen aus Data (von dem Trend „Big Data“) und der englischen Endung, die an ability, sustainability und responsibility erinnert. Damit soll der verantwortungsvolle und nachhaltige Umgang mit großen Datenmengen bezeichnet werden.

Industrie 4.0

Start-ups - Für die sich traditionell schnell wandelnde Branche sind neue Ideen das Öl des Geschäfts. Start-ups erhalten deshalb auf der CeBIT großen Raum und die Möglichkeit, um Investoren zu werben. Unter dem Konzept „code_n“ steht eine eigene Halle für Präsentationen und den Austausch untereinander zur Verfügung. Es soll eine internationale Plattform für digitale Pioniere und Start-ups sein. Zum dritten Mal werden zur Messe die „code_n“-Awards vergeben.

Industrie 4.0 - Der digitale Wandel macht auch vor der industriellen Produktion nicht Halt. Industrielle Fertigung verschmilzt zunehmend mit Internet und IT. Neue Technologien, Sensorik und das Internet der Dinge machen die Arbeitsprozesse mobiler und flexibler und ermöglichen neue, individualisierte Produkte. Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag die „vierte industrielle Revolution“ als wichtiges Zukunftsprojekt aufgenommen.

dpa

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