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„Dann gehe ich ohne dich“: Expertin erklärt, warum Eltern diesen Satz niemals sagen sollten

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Von: Sina Alonso Garcia

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Weinender Junge
Viele Eltern, deren Kinder bockig sind, drohen, alleine zu verschwinden und das Kind zurückzulassen. Laut einer Expertin könnte dies ein fataler Fehler sein. © Mareen Fischinger/Imago

Wenn Kinder trotzig sind, greifen Eltern gerne mal zu Drohungen. Doch Vorsicht: Laut einer Erziehungsexpertin können bestimmte Ansagen eine schreckliche Botschaft vermitteln.

Stuttgart - Vermutlich jeder von uns hat - sei es als Kind oder als Erwachsener - schon mal eine solche Szene erlebt: Ein Kind ist müde und quengelig, hört nicht auf seine Eltern und weigert sich, vom Spielplatz mit nach Hause zu kommen. Womöglich jammert es, dass es getragen werden möchte, oder stellt andere Anforderungen. Während manche Mütter und Väter es schaffen, ruhig zu bleiben und mit Engelszungen auf ihre Kleinen einzuwirken, werden andere wütend. Eine häufig genutzte Drohung: „Dann gehe ich eben ohne Dich nach Hause.“

Während die Aussage für Eltern nur ein Mittel zum Zweck ist - nämlich, dass das Kind mitkommt - kann die Botschaft bei den Kleinen leider völlig falsch ankommen. „Die Kinder stehen in so einem Moment unter Stress und sie haben Angst“, sagt Erziehungsexpertin und Bestseller-Autorin Nicola Schmidt gegenüber Focus. Zurückgelassen zu werden sei eine Urangst von Kindern. „Deshalb tun sie alles, um auf den Arm genommen zu werden. Das ist für sie der sicherste Ort.“ Tatsächlich würden die Kinder die Drohung so verstehen, dass sie wirklich alleine zurückgelassen werden.

Tief verankerte Urangst vor dem Verlassenwerden

Konkret hätten die Kinder in dieser Situation „Bindungsstress“. Ihr Bindungssystem werde aktiviert, ihr Bindungsruf laute: „Nimm mich in den Arm!“ Die Urangst, zurückgelassen zu werden, sei aufgrund ihres evolutionären Erbes tief in ihren verankert. „Bei Jäger- und Sammlervölkern ist es durchaus vorgekommen, dass Kinder auch mal zurückgelassen wurden. Alleine hatten sie natürlich kaum eine Überlebenschance.“

Laut Expertin Nicola Schmidt kann die Drohung der Eltern mitunter fatale Folgen haben. „Man spielt mit der Urangst, man spielt mit dem Urvertrauen und wird außerdem noch unglaubwürdig“, warnt sie. Schließlich würde am Ende ja doch keiner ohne das Kind gehen - was für die Erziehung nicht gerade förderlich sei. Zudem schädige man die Bindung und die Beziehung zum Kind.

Drohung der Eltern kann „frühe Verlusterfahrung für das Kind“ sein

Wer damit droht, sein Kind zurückzulassen, erreicht nur eines: Er lässt das Kind so lange weinen, bis es aus lauter Verzweiflung und im tiefsten Innern gebrochen hinterher läuft. Es lernt: Mutter oder Vater sind nicht für mich da, wenn ich sie am meisten brauche. Ich habe Angst, aber werde nicht in den Arm genommen. „Das kann eine ganz frühe Verlusterfahrung für das Kind sein“, sagt Schmidt. Auch der Cortisol-Spiegel der Kinder könne in einer solchen Situation drastisch ansteigen. Wie Neurowissenschaftler herausgefunden haben, kennt das Gehirn von Kindern keinen Unterschied zwischen körperlicher und verbaler Gewalt.

Aber wie sollen sich Eltern verhalten, wenn ihr Kind zu bockig ist, um weiterzulaufen? Die Expertin empfiehlt: „Entweder, die Familie geht so früh vom Spielplatz weg, dass das Kind noch nicht zu müde zum Laufen ist. Oder sie entscheiden sich, länger zu bleiben - müssen das Kind dann aber auch tragen.“

Fehler in der Erziehung: Häufig keine böse Absicht, sondern Unwissenheit

Oftmals passieren Fehler in der Erziehung nicht aus böser Absicht, sondern schlichtweg aus Unwissenheit der Eltern. Während die negativen Auswirkungen von körperlicher Bestrafung auf der Hand liegen, gibt es auch weniger offensichtliche pädagogische Fehltritte. Laut Experten sollten Eltern ihre Kinder etwa niemals zwingen, sich zu entschuldigen.

Kontraproduktiv kann es zudem sein, wenn Eltern ihren Kindern zu viel abnehmen und ihnen dadurch wichtige Erfahrungen nehmen. Aber egal, worum es geht: Eltern sollten bei allem was sie tun, darauf achten, das Kind zu stärken und es auch in Momenten der Hilflosigkeit und Trotzigkeit auffangen und liebevoll stützen.

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