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A45-Vollsperrung: Gefahr im Verzug - Das Problem mit der Talbrücke Rahmede

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Von: Thomas Machatzke

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Die A45 bei Lüdenscheid ist weiterhin voll gesperrt, nachdem die 80 Meter hohe Talbrücke Rahmede aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres nicht befahrbar ist. Experten untersuchen derzeit den Bau. Ob die Strecke wieder freigegeben wird und für wen, entscheidet sich Mitte der Woche. Das sind die Probleme an der Problem-Brücke.

Lüdenscheid – Die Talbrücke Rahmede, die seit Donnerstagabend gesperrt ist und damit zweifelsfrei als Ursache eines Verkehrinfarktes der besonderen Art in der Großregion Lüdenscheid ausgemacht werden darf, weist eine Besonderheit auf, die sie zum Beispiel auch mit der in den vergangenen Jahren so aufwändig sanierten Lennetalbrücke teilt: Die Brücke besteht aus einem einteiligen Überbau für die Fahrbahnen in Richtung Frankfurt und in Richtung Dortmund. Der Überbau ist 31,25 Meter breit.

A45-Vollsperrung: Gefahr im Verzug - Das Problem mit der Talbrücke Rahmede

Diese Besonderheit macht den Brückenneubau besonders kompliziert. Der Nachteil ist, dass es bei einem Schaden direkt die gesamte Brücke betrifft. Bei Schadensbildern gibt es ein Problem für die ganze Brücke, da es nur ein Bauteil ist. Deshalb entschieden sich die Verantwortlichen am Donnerstag auch direkt, die Brücke komplett zu sperren.

Für Elfriede Sauerwein-Braksiek, die um die Nöte der Region und ihrer Autofahrer, Berufspendler und auch Lkw-Fahrer weiß, ist es nun wichtig, weitere Gutachter mit ins Boot zu holen: „Sicherheit ist das oberste Gebot, darum müssen wir uns jetzt Zeit nehmen, die Brücke genauer zu untersuchen“, sagt die Direktorin der Autobahn Westfalen. Die Konstruktion der Brücke – das machte die Expertenrunde am Freitagmittag im Rahmen der Pressekonferenz deutlich – ist sehr filigran. So haben die beiden großen, fünf Meter hohen Stahl-Träger rechts und links gerade einmal eine Wandstärke von einem Zentimeter.

A45: Die Talbrücke Rahmede in Lüdenscheid.
A45: Die Talbrücke Rahmede in Lüdenscheid. © Cornelius Popovici

Zwischen den Trägern liegt eine Fachwerkkonstruktion, auf der die Fahrbahnplatte aufliegt. „In der Stahlwand haben wir mit einem Laserscan Verformungen festgestellt, die die Tragfähigkeit der Brücke beeinflussen können“, erklärt Michael Neumann, Projektleiter bei der Autobahn Westfalen. Noch am Donnerstag wurden weitere Vermessungen durchgeführt. Statik-Experten der Firma Ruhrberg-Ingenieure haben aktuell mit zusätzlichen Untersuchungen begonnen, die auch über das Wochenende weiterlaufen: „Wir schauen uns jedes Bauteil im Detail an“, sagt Winfried Neumann, Geschäftsführer der Ruhrberg-Ingenieure. Sicher ist, dass die Brücke bis zu einem Neubau baulich verstärkt werden muss, wenn der Verkehr – ganz gleich ob nur Pkw oder mehr – wieder darüber rollen soll.

Bilder von den Untersuchungen an der Talbrücke Rahmede an der A45 in Lüdenscheid.
Bilder von den Untersuchungen an der Talbrücke Rahmede an der A45 in Lüdenscheid. © Anke Bruch

Ein Problem der Brücke ist nicht nur hohe Zahl von Autos, die sie nutzen. Hinzu kommt, dass das zulässige Gesamtgewicht der Lkw wie auch die zugelassenen Achslasten seit dem Bau der Brücke gestiegen sind. Ende der 1950er-Jahre lag das zulässige Gesamtgewicht bei 24 Tonnen (acht Tonnen Achslast). Ab 1960 steigerte sich das zulässige Gesamtgewicht auf 32 Tonnen (zehn Tonnen Achslast) bzw. 38 Tonnen Gesamtgewicht (1968). Das zulässige Gesamtgewicht für LKW beträgt heute im gesamten Bundesgebiet 40 Tonnen oder 11,5 Tonnen Achslast. Dass Brücken vor diesem Hintergrund „ein Eigenleben“ entwickeln können, wie es Sauerwein-Braksiek nannte, ist nicht verwunderlich.

Und noch etwas hat sich geändert. Früher wurden Brücken nur nach der Zustandsnote priorisiert. Heute gibt es einen Tragfähigkeitsindex, der die entscheidende Rolle spielt. Es geht darum, was die Brücke noch tragen kann. Danach werden die Brücken überprüft, bei kritischen Brücken sind diese Prüfungen in einem engeren Kontrollraster. Die Talbrücke Rahmede wurde angeschaut, um die Planung voranzutreiben.

Diese Planung wird nun mehr Fahrt aufnehmen als sich dies die Planer noch am Mittwoch gedacht haben. Wobei Sauerwein-Braksiek eines direkt klarmachte: Der Neubau sei durch die Tallage eine sehr komplexe Angelegenheit mit einem großen Eingriff in den Verkehr. In der Regel würde man acht bis zehn Jahre benötigen. Dies sei aber für diesen Standort kein tragbarer Zustand. Hier müsse man beschleunigen. Man werde auf Unterstützung vom Bund angewiesen sein, damit es deutlich schneller geht. Und bis es soweit ist, soll die Brücke erst einmal verstärkt werden – damit auf Sicht überhaupt noch irgendetwas geht und die Region entlastet werden kann.

„Wir wissen, dass die Vollsperrung eine hohe Belastung für die Menschen in der Region bedeutet“, stellte Elfriede Sauerwein-Braksiek, Direktorin der Autobahn GmbH, am Freitag fest. Mit einem Laserscan waren am Donnerstag bei einer Untersuchung der Talbrücke Verformungen im Stahlüberbau festgestellt worden, die die Tragfähigkeit der Brücke beeinflussen können.

Untersucht worden war die Brücke, um zu prüfen, wie sie bis zum geplanten Ersatzneubau weiter genutzt werden kann. Seit 2014 ist klar, dass es für die Talbrücke Rahmede einen Neubau geben muss. Seitdem gibt es Beschränkungen beim Befahren der Brücke. Damit sollte die Brücke eine Restnutzungsdauer haben bis zur Planung des Neubaus. Bei der Hauptprüfung 2017 hatte die Brücke noch eine Gesamtnote 3,0 (Standsicherheit 1) erhalten, sodass man die Priorität auf andere Brücken im Land gelegt hatte. Aus heutiger Sicht sei diese Entscheidung nicht richtig gewesen, stellte Sauerwein-Braksiek fest, „wir prüfen das Bauwerk nun in der gesamten Länge, um einen Überblick über das Schadensbild zu bekommen.“ Vor Mitte nächster Woche rechnen die Verantwortlichen nicht mit Ergebnissen.

Wann und wieviel Verkehr noch über die Brücke fließen kann, entscheidet sich nach Abschluss der Untersuchungen. Sauerwein-Braksiek hofft, dass der Verkehr dann vielleicht wieder für Pkw freigegeben werden kann. Für die Gesamtproblematik wurde ein Krisenstab eingerichtet.

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