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Abzocke an der A45: Serientäter (20) machte Praktikum bei Feuerwehr im MK - weitere Opfer

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Von: Jan Schmitz

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Eine Polizeikelle (Symbolbild) trug der falsche Polizist bei sich. Zudem eine Uniform und eine Schreckschusspistole.
AEine Polizeikelle (Symbolbild) trug der falsche Polizist bei sich. Zudem eine Uniform und eine Schreckschusspistole. © Uli Deck/dpa

Der 20-Jährige, der in der Nacht zum 2. Oktober in Sinn in Hessen festgenommen worden war und der im Verdacht steht, mehrere Autofahrer entlang der A45 als falscher Polizist abgezockt zu haben, hatte nach Informationen unserer Zeitung erst einen Tag zuvor ein Praktikum bei der Feuerwehr Iserlohn begonnen. Die Feuerwehr zog jetzt Konsequenzen und warf den 20-Jährigen raus.

Klaus Knust, stellvertretender Leiter der Feuerwehr Iserlohn, bestätigte auf Anfrage unserer Zeitung, dass es am Wochenende ein Gespräch zwischen der Wehrleitung und dem 20-jährigen Tatverdächtigen gegeben habe. Der junge Mann aus Hagen hatte sein Praktikum bei der Feuerwehr Iserlohn um Zuge einer Notfallsanitäter-Ausbildung im Oktober begonnen und war laut Knust im Sanitätsdienst eingesetzt, fuhr unter anderem im Rettungswagen mit.

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNRW, Hessen, Bayern

Abzocke an der A45: Serientäter (20) machte Praktikum bei Feuerwehr im MK - weitere Opfer

In dem Gespräch sei dem Mann mit Verweis auf das laufende Ermittlungsverfahren und das dadurch „gestörte Vertrauensverhältnis“ mitgeteilt worden, dass das Praktikum vorzeitig beendet ist. Es hätte ohnehin lediglich vier Wochen (160 Stunden) gedauert. „Sollte sich die Vorwürfe nicht bestätigten, steht ihm die Tür wieder offen und er kann sich ganz normal erneut bewerben“, sagte Knust.

Wie berichtet, wurde der 20-Jährige am frühen Morgen des 2. Oktober von der Polizei in Sinn (Hessen) festgenommen, nachdem er versucht hatte, als Polizist verkleidet, einen Autofahrer abzuzocken. In seinem Wagen - einem schwarzen 5er-BMW - fanden die Ermittler Quittungen, die darauf schließen ließen, dass die Masche erfolgreich war. Mindestens zehn Fälle entlang der A45 zwischen Dortmund und Sinn wurden dem 20-Jährigen zunächst zugeordnet.

Abzocke an der A45: Zahl der Fälle hat sich fast verdoppelt

Inzwischen hat sich die Zahl der Fälle fast verdoppelt, wie Recherchen unserer Zeitung ergaben. Nach der Berichterstattung über die Festnahme des 20-Jährigen in Sinn hatte die dortige Polizei Zeugen und weitere Opfer gebeten, sich bei der Polizei zu melden. Daraufhin gingen Hinweise von weiteren möglichen Opfer bei der Kreispolizei Lahn-Dill ein, insgesamt spreche man von „einer hohen einstelligen Zahl möglicher weiterer Opfer“, wie Polizeisprecher Guido Rehr auf Anfrage erklärte. „Auch die weiteren möglichen Tatorte befinden sich entlang der A45 in Hessen und in Nordrhein-Westfalen“, sagt Rehr. Derzeit stehen die Ermittler mit den Anrufern in Kontakt, um mit Hilfe von Fotos des Beschuldigten den Verdacht zu erhärten. Der schwarze 5er-BMW wurde bei der Festnahme sichergestellt. Der 20-Jährige kam wieder auf freien Fuß. Die Ermittler gehen weiter von einer hohen Dunkelziffer aus.

Mehrere weitere Polizeibehörden führen ebenfalls Ermittlungsverfahren gegen den 20-Jährigen, darunter auch im Märkischen Kreis. Hier sind mindestens drei Fälle aktenkundig, bei denen Autofahrer nachts von einem falschen Polizisten wegen vermeintlicher Geschwindigkeitsverstöße in Höhe Lüdenscheid abgezockt wurden. Am 19. Juli wurde ein Autofahrer auf dem Rastplatz Rölveder Mühle angehalten. In derselben Nacht wurde in Höhe Lüdenscheid ein Autofahrer von einem Mann mit Polizei-Shirt abkassiert. Am Abend des 20. Juli stoppte der falsche Polizist bei Lüdenscheid eine 25-Jährige.

Bei diesen Fällen kam ein 5er-BMW zum Einsatz. Der 20-Jährige, der in Hessen in einer Bundespolizei-Uniform festgenommen wurde, bestreitet nach Informationen unserer Zeitung die ihm vorgeworfenen Taten. Die Ermittlungsergebnisse der verschiedenen Behörden werden nun an die Staatsanwaltschaft Hagen übermittelt, die wegen des Wohnorts des Beschuldigten und seines jungen Alters zuständig ist und über den weiteren Fortgang des Verfahrens entscheidet.

Abzocke an der A45 im Märkischen Kreis - Tatverdächtiger hat wohl Affinität zu Blaulicht

Nach Recherchen unserer Zeitung hatte und hat der 20-Jährige offenbar eine Affinität zu Blaulicht. Vor seinem mutmaßlichen Auftritt als falscher Polizist an der A45 und zuletzt als Notfallsanitäter-Praktikant bei der Feuerwehr Iserlohn war er beim Deutschen Roten Kreuz in Hagen zunächst ehrenamtlich, später auch als Angestellter tätig. Wie DRK-Vorstand Udo Stroh bestätigte, wurde der 20-Jährige für den DRK-Hausnotruf eingesetzt. Diese DRK-Fahrzeuge haben zwar Blaulicht auf dem Dach, es darf aber nicht angeschaltet werden. Den Nutzern des DRK-Hausnotrufs wird garantiert, dass in Notfällen innerhalb von 20 Minuten ein DRK-Mitarbeiter vor Ort ist. Der heute 20-Jährige war zumeist am Wochenende in Hagen in 24-Stunden-Schichten eingesetzt.

Vor 15 Monaten hat das DRK den auslaufenden Jahresvertrag nicht verlängert, wie DRK-Vorstand Stroh erklärte. Er begründete dies mit aufgetretenen Unregelmäßigkeiten während seiner Schichten. Aufgefallen waren sehr hohe Kilometer-Stände bei einer nur geringen Zahl von tatsächlichen Notrufen. „Wir erlauben den Fahrer auch zum Beispiel das Fahrzeug für Einkäufe zu nutzen, wenn sie gleichzeitig in Bereitschaft sind. Aber in diesem Fall war die hohen Kilometerstände dadurch nicht zu erklären. Wir haben ihn darauf angesprochen, er konnte aber keine Erklärung liefern“, sagt Stroh. Mit Blick auf die Zahl der absolvierten Kilometerstände ergänzte Stroh: „Er muss stundenlang durch die Gegend gefahren sein.“

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