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Mädchen (8) ein Leben lang eingesperrt: Weiterhin keine Aussagen

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Von: Sebastian Schulz, Katharina Bellgardt

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Fast ihr gesamtes Leben hat ein kleines Mädchen eingesperrt in der Wohnung verbracht. Die Mutter versteckte die 8-Jährige in Attendorn über sieben Jahre lang.

Attendorn - Die Recherchen des Sauerlandkuriers haben einen erschreckenden Fall aus Attendorn an das Licht der Öffentlichkeit gebracht. Eine Mutter hat ihr Kind jahrelang im Haus der Großeltern versteckt. Das kleine Mädchen konnte ihr Zuhause nie verlassen, sie sah nie einen Wald, die Schule, den Ort.

Aber warum versteckte die Mutter das Mädchen über sieben Jahre lang? Und warum fiel der Fall erst jetzt den Behörden auf und das Kind wurde aus seinem Zuhause befreit? Viele Fragen über den Schreckensfall aus Attendorn sind noch offen. Politik, Polizei, Staatsanwaltschaft und Behörden sind eingeschaltet. Wir berichten hier in Ticker-Form über die neuesten Entwicklungen.

Eingesperrtes Mädchen (8) in Attendorn: Neue Entwicklungen zum Fall

Update vom 9. November, 14.30 Uhr: Die Angehörigen des mutmaßlich über Jahre in einem Haus im sauerländischen Attendorn festgehaltenen Mädchens haben nach wie vor nicht mit den Ermittlern über die Vorwürfe gesprochen, meldet die Deutsche Presseagentur. „Mutter und Großeltern machen derzeit von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch“, teilte der Siegener Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss am Mittwoch mit. „Eine Vorladung ist erfolgt. Zu einer Vernehmung sind die Personen nicht erschienen.“ Damit bleiben weiter zentrale Fragen zu den Hintergründen und zum Motiv offen.

Update vom 8. November, 15.30 Uhr: Um entscheiden zu können, was das Beste für das junge Mädchen ist, werde laut Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss das Familiengericht wohl in den nächsten Tagen einen sogenannten Ergänzungspfleger festlegen – einen Experten also, der solche oder ähnlich gelagerte Fälle kennt und dann Entscheidungen im Sinne des Kindes treffen kann. Dazu werde der Experte sicherlich zunächst die Akten einsehen und das Mädchen kennenlernen müssen, prognostiziert Oberstaatsanwalt von Grotthuss.

Bis der Ergänzungspfleger Entscheidungen trifft, wird sich auch die Staatsanwaltschaft gedulden müssen, schließlich geht es auch um Fragen, ob das Mädchen eine Aussage machen kann und ob zum Beispiel Ärzte für die Ermittlungen von ihrer Schweigepflicht entbunden werden. „Das könnte noch einige Wochen dauern“, schätzt der Staatsanwalt, der auch deshalb mit einem langen Verfahren rechnet, das am Ende in einem Strafprozess gegen die Kindesmutter und gegebenenfalls auch gegen die Großeltern mütterlicherseits führen könnte, in dem es um Freiheitsberaubung und der Misshandlung von Schutzbefohlenen gehen könnte.

Eingesperrtes Kind (8) in Attendorn: Vater hofft auf ein Wiedersehen

Eine weitere Frage, die der Ergänzungspfleger zu klären hat, ist die, wen die Achtjährige treffen sollte. Seit dem 23. September, also jenem Tag, an dem die Behörden sie nach konkreten Hinweisen im Großeltern-Haus in Attendorn aufgefunden und befreit haben, lebt das Mädchen bei einer Pflegefamilie. Von Angehörigen darf sie derzeit nicht besucht werden – auch nicht von ihrem leiblichen Vater, der sie im Alter von etwa einem halben Jahr das letzte Mal gesehen hat, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung betonte. „Ich warte auf den Tag, an dem ich meine Tochter wiedersehen kann“, sagt der Vater, der von der Kindesmutter in dem Glauben gelassen worden ist, dass ihn seine Tochter über all die Jahre nicht sehen wollte. Erst per Amtspost erfuhr er schließlich im September, dass seine Tochter nicht seit 2015 in Italien lebte – so wie es die Mutter wohl auch erfolgreich gegenüber den Behörden erfunden hatte –, sondern in Attendorn versteckt wurde.

Seit jenem Schreiben hofft der Vater darauf, das Sorgerecht für das Kind zu bekommen. Er sagt aber angesichts der Umstände und der ganzen neuen Eindrücke, die das Kind nun in Freiheit verarbeiten muss, auch ehrlich: „Im Moment ist es das Beste, dass sie in einer Pflegefamilie ist.“

Update vom 8. November, 12.54 Uhr: Das achtjährige Mädchen darf bei seiner Pflegefamilie aktuell nicht von seinen Angehörigen besucht werden. Das Kind soll seit 2014 in einer Wohnung in Attendorn festgehalten worden sein - es durfte sein Zuhause nicht verlassen. Die Familie dürften derzeit keinen Kontakt zu dem Kind haben, es gebe aber Überlegungen, wie man in der Sache weiter verfahre, sagte der Fachbereichsleiter des Jugendamts im Kreis Olpe, Michael Färber, am Dienstag gegenüber dpa. Im Mittelpunkt stehe die Frage: „Was will das Kind?“

Das Mädchen soll von seiner Mutter und seinen Großeltern fast sein gesamtes Leben lang, beinahe sieben Jahre, in deren Haus in Attendorn (Kreis Olpe) festgehalten worden sein. Im September wurde die Achtjährige befreit. Das Kind sei jetzt in guten Händen, betonte Färber. Die Pflegefamilie wird unter anderem von einer „Ergänzungspflegerin“ des Jugendamts unterstützt. Man habe großes Interesse, das Kind jetzt zu schützen - auch vor der Öffentlichkeit, sagte Färber.

Eingesperrtes Mädchen (8) in Attendorn: Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Staatsanwaltschaft Siegen ermittelt gegen die Mutter und die Großeltern wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung und der Misshandlung von Schutzbefohlenen. Sie geht davon aus, dass sie dem Mädchen fast sieben Jahre lang nicht ermöglicht hatten, „am Leben teilzunehmen“.

Die Ermittlungen erstrecken sich aber auch auf ein mögliches Fehlverhalten des Jugendamts. Dieses hatte laut Färber seit Oktober 2020 einzelne anonyme Hinweise bekommen, dass sich die Mutter in dem Haus in Attendorn und nicht wie von ihr angegeben in Italien aufhält. Entscheidend gehandelt wurde aber erst nach einem Hinweis eines Ehepaars im Juli 2022. Laut Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss könnte möglicherweise in Richtung Körperverletzung durch Unterlassen ermittelt werden.

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Kind (8) jahrelang von Mutter eingesperrt: Die exklusive Recherche des Sauerlandkuriers

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Nach aktuellen Erkenntnissen geht es dem Mädchen körperlich gut. Die Achtjährige lebt jetzt bei einer Pflegefamilie.

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