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Eingesperrtes Kind in Attendorn: Welche Rolle spielte der verstorbene Onkel?

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Von: Sebastian Schulz

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Attendorn (NRW): Ein Mädchen (8) soll knapp sieben Jahre von Mutter und Großeltern in einer Wohnung eingesperrt worden sein
Attendorn (NRW): Ein Mädchen (8) soll knapp sieben Jahre von Mutter und Großeltern in einer Wohnung eingesperrt worden sein. © Franz-Peter Tschauner/dpa

Welche Rolle spielte ein Onkel im Fall des mutmaßlich über Jahre eingesperrten Mädchens in Attendorn? Er dürfte vieles gewusst haben, doch befragt werden kann er nicht mehr.

Attendorn - Das Haus der Großeltern, in dem ein heute achtjähriges Mädchen wohl über Jahre von seiner Mutter festgehalten worden ist, besteht aus zwei voneinander abgetrennten Wohnungen. In der einen lebten offenbar die Mutter, die Großeltern und das versteckte Kind. In der anderen wohnte der Onkel des Kindes.

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„Normalerweise müsste er etwas mitbekommen haben“, sagt der zuständige Staatsanwalt Patrick von Grotthuss über den Onkel. Auch deshalb wäre der Onkel „einer der ersten Zeugen gewesen, die wir befragt hätten“. Doch das ist nicht mehr möglich. Rund zwei Wochen nach der Befreiung des Mädchens durch die Polizei und das Jugendamt verstarb der Onkel im Alter von 51 Jahren.

Eingesperrtes Mädchen in Attendorn: Onkel kann nicht mehr befragt werden

Die Ermittlungen deuten bisher nicht darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen der Befreiung des Mädchens und dem zwei Wochen später eingetretenen Tod des Onkels gibt, sagt Staatsanwalt von Grotthuss auf Nachfrage unserer Zeitung. Nach seiner Information sei der Onkel „schon länger krank gewesen“ und habe sich zum Zeitpunkt der Befreiung seiner Nichte bereits im Krankenhaus befunden.

Spekulationen gibt es trotzdem, auf welcher Seite der Onkel in diesem Fall gestanden haben könnte. Bekanntlich ist im Jahr 2020 beim Jugendamt ein anonymer Brief eingegangen, der auf die Lage des Mädchens hinwies, aus ausgeschnittenen Buchstaben zusammengesetzt und aus der Sicht des Mädchens geschrieben wurde. Nicht auszuschließen, dass dieser Brief von dem inzwischen verstorbenen Onkel stammen könnte.

Attendorn: Politik befasst sich mit dem Fall des eingesperrten Mädchens

Derweil hat sich am Montagabend (21. November) auch der Kreisausschuss noch einmal mit dem Fall in Attendorn befasst. Kernessenz hier: Landrat Theo Melcher hat eine Projektgruppe einrichten lassen, um die „fachlich-kritische Sicht von außen einzubeziehen“. Diese Gruppe besteht aus Prof. Dr. Klaus Wolf, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft/Sozialpädagogik an der Universität Siegen, Dr. Monika Weber, Fachberaterin des Landes­jugendamts in Münster für den Bereich Kinderschutz, sowie Holger Mester, Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses des Kreises Olpe.

„Diese Gruppe soll sich gemeinsam mit uns mit unseren strukturellen Standards und Verfahren im Kinderschutz befassen und uns Empfehlungen zur weiteren Qualitätsentwicklung der Arbeit im Jugendamt geben. Die Zielsetzung ist: Wir wollen gut aufgestellt sein, damit erforderliche Unterstützungen und Hilfen für Kinder fachkompetent, jedoch auch unbürokratisch geleistet werden können. Und die Kolleginnen und Kollegen im Jugendamt wollen wir ermutigen, trotz aller Schwierigkeiten, die mit ihrer Arbeit verbunden sind, ihren verantwortungsvollen Aufgaben engagiert nachzugehen“, wird Theo Melcher in einer entsprechenden Mitteilung des Kreises Olpe zitiert.

Bereits in der vergangenen Woche war der Fall auch in der politischen Diskussion im NRW-Landtag angekommen. Hier fragte eine CDU-Abgeordnete mit Blick auf den Fall Attendorn unter anderem: „Warum war da so wahnsinnig wenig Zivilcourage?“

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