Haie, Quallen und sehr viel Müll

Das erlebte Extremschwimmer André Wiersig bei den "Ocean's Seven"

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Einer von 16 Menschen weltweit: André Wiersig (hier vor dem Dom in Paderborn) hat sieben Meerengen durchschwommen.

Er gehört weltweit zu einer Handvoll Menschen, die die so genannten „Ocean’s Seven“ durchschwommen haben: Als erster Deutscher hat Extremschwimmer André Wiersig aus Paderborn sieben Meerengen ohne jegliche Hilfsmittel durchquert. Nur mit Schwimmbrille, Badekappe und -hose bekleidet.

Paderborn – André Wiersig macht kein Geheimnis daraus, dass es da draußen auf offener See „so manche dunkle Stunde“ gegeben habe. Auch auf der letzten Etappe dieser waghalsigen Herausforderung Anfang Juni, es war in der Meerenge von Gibraltar, kam der 47-Jährige an einen Punkt, an dem es losging mit dem Kopfkino. 

Dieser Punkt, an dem man sich fragt, ob das alles so richtig ist, was man hier gerade tut. In genau diesem Moment sei ein riesiger Thunfisch aufgetaucht, ein erhabenes und elegantes Tier, das scheinbar mühelos durch das Wasser glitt und ihn ein wenig begleitete. 

„Es war mit das schönste Erlebnis während der vielen Stunden da draußen“, sagt Wiersig. Nach diesem majestätischen Augenblick habe er gewusst, dass er weiterschwimmen würde.

Legt man das zugrunde, was André Wiersig in den vergangenen sechs Jahren so getan hat, dürfte der eine oder andere am gesunden Menschenverstand des Paderborners zweifeln. Der IT-Spezialist hat die so genannten „Ocean‘s Seven“ durchquert, die wohl berühmteste und waghalsigste Herausforderung im Freiwasser-Schwimmen. Sieben Meerengen, verteilt auf der ganzen Welt, müssen dabei durchschwommen werden. In einer Etappe. Ohne Pause. Am Körper nur eine Schwimmbrille, eine  Badehose, eine Badekappe und ein wenig Vaseline, um wunde Stellen durch die Schwimmbewegungen zu minimieren.

Der erste Deutsche, der die sieben Meerengen durchschwimmt

André Wierig ist der erste Deutsche, der diese Herausforderung gemeistert hat. Einer von 16 Menschen weltweit.

Die Initialzündung für dieses Projekt liegt viele Jahre zurück. „Im Englisch-Unterricht haben wir ein Buch über den ersten Menschen gelesen, der 1875 den Ärmelkanal durchschwommen hat: Captain Matthew Webb“, erinnert sich Wiersig an seine Schulzeit. Und an den Helden seiner Jugend, dem der Ex-Triathlet selbst mehr als nur nacheifern sollte.

Das Abenteuer von Extremschwimmer André Wiersig aus Paderborn in Bildern

Es sind nicht nur die Distanzen, die einen staunen lassen. „Glauben Sie mir“, sagt Wiersig: „In Japan zum Beispiel hätten sie nicht ins Wasser steigen wollen.“ Kreuzseen, Strudel und Strömungen. Oder 13 Grad Wassertemperatur vor Irland und Neuseeland. Oder Quallen-Stiche etwa durch die „Portugiesische Galeere“. Begegnungen mit Haien oder Seelöwen. 

„Ich bin der Einzige, der ohne Hai-Protection schwimmt. Das ist ein elektromagnetisches Feld, das Haie fern halten soll“, erzählt Wiersig: „Halte ich eh nichts von.“ In Hawaii hatte er eine Begegnung mit „einem wirklich Großen“, vor Australien schwammen „ziemlich viele“ Haie um ihn herum. „Aber die waren ziemlich cool“, sagt er. 

Dazu die stundenlange Schwimmerei meist in der Nacht, da dann die Winde nicht so stark wehen und der Wellengang nicht so hoch ist. „Da draußen ist es nachts stockfinster“, sagt Wiersig. Angst habe er nie gehabt. Kein Wunder bei jemandem, der schon als Kind in der Nacht mit einer Tauchlampe schnorcheln ging.

Kollision mit einer Euro-Palette

Die gruseligsten Begegnungen hatte der 47-Jährige allerdings nicht mit Wesen aus dem Meer, sondern mit Produkten von Land. Im Ärmelkanal schwamm er nachts in eine Plastikplane und erschrak fast zu Tode. Ein anderes Mal kollidierte er mit einer Euro-Palette und zog sich eine Platzwunde zu. „Wenn man da draußen ist und sieht, was da alles für ein Müll in den Meeren herumschwimmt“, sagt Wiersig, „dann schäme ich mich für uns alle.“

Wenn er nach einer Kanalüberquerung aus dem Wasser kommt, ist Wiersig kaum wiederzuerkennen. Die Haut ist aufgequollen, Hände und Füße so schrumpelig, als hätte er tagelang in der Badewanne gelegen. Es dauert jedes Mal Tage, bis er wieder in Normalform ist. „Kein schöner Anblick“, sagt Wiersig und blickt rüber zu seiner Frau Beate. „Aber sie hat mich ja nicht wegen meines Äußeren geheiratet“, sagt er. Und lächelt. Beate lächelt zurück.

Sein Dank geht an die Familie

Wiersig ist seiner Familie sehr dankbar, er weiß, was er Beate und auch den beiden Kindern Lisa (18) und Carl (9) zugemutet hat. „Das werde ich niemals zurückgeben können im Leben“, sagt er. Die Kosten für das Projekt liegen am Ende im sechsstelligen Bereich, seit 2014 ging meist der gesamte Jahresurlaub für die „Ocean‘s Seven“ drauf. Immerhin hatten sich einige der Etappen mit dem Familienurlaub verbinden lassen. „Ganz normal. Nur dass ich eben einen Tag schwimmen gegangen bin“, sagt Wiersig. Im Herbst wird ein Buch über seine Mission erscheinen, das er zusammen mit einem Sportjournalisten geschrieben hat. Titel: „Nachts allein im Ozean“.

Engagement für die Deutsche Meeresstiftung

Mittlerweile engagiert sich der 47-Jährige für die Deutsche Meeresstiftung. Wiersig hat bereits vor dem Europäischen Parlament und auf der Hamburger Klimawoche gesprochen. Zudem hält er Vorträge bei Firmen, in denen es um Nachhaltigkeit geht. 

„Ich bin der Letzte, der einem seine Kreuzfahrt nicht gönnt. Es geht nur darum, dass wir unser Verhalten selbst beobachten. Wenn ich am Strand spazieren gehe und sage, was bringt es, diese Plastiktüte mitzunehmen, ist das der falsche Ansatz. Ich muss sie mitnehmen, weil sie dann raus ist aus dem Meer. Wir können aktiv selbst etwas tun, auch wenn wir nicht am Meer leben“, glaubt der Paderborner, der sich im Juni ins Goldene Buch der Stadt eintragen durfte.

Wiersig spricht während seiner Vorträge auch über Methodik. „Ich finde, wir müssen raus aus der Opferrolle: Die Wellen sind schuld, der Chef ist schuld. Wenn immer alle anderen schuld sind, kann ich ja nichts verändern. Dann bin ich immer die arme Sau, das Opfer, das alles erleiden muss“, sagt Wiersig: „Meine Methodik, um dieses Projekt zu meistern, hat mir viel im Privatleben und im Beruf gebracht.“ - Jens Greinke

Quelle: wa.de

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