Die kontrollierte Offensive des CDU-Spitzenkandidaten

Freundlich und bedingt kämpferisch: Im Wahlkampf mit Armin Laschet

Soest - Der Wahlkampf in NRW ist in seiner heißen Phase, die Politiker sind auf Stimmenfang – und tingeln durchs Land. Auch CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet. Eindrücke von einem Zwischenstopp in Soest.

Armin Laschet lässt erst einmal anderen den Vortritt. Soeben hat sein Wahlkampfbus den Markt in Soest erreicht, auf der Seite des gewaltigen Gefährts prangt das Konterfei des CDU-Spitzenkandidaten für die NRW-Landtagswahl. Ein großer Teil des Trosses hat das Fahrzeug bereits verlassen, da tritt Laschet – schwarzes Sakko, weißes Hemd – fröhlich lächelnd aus der hinteren Tür ins Freie. 

Die Sonne scheint an diesem kühlen Vormittag, der warme Applaus der örtlichen CDU-Delegation empfängt den Herausforderer von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Laschet, gebürtiger Aachener, ist Rheinländer durch und durch – und hat doch an diesem Tag ein Heimspiel in der westfälischen CDU-Hochburg. 

„Ich bin immer wieder gerne hier“, sagt der 56-Jährige freundlich in die Mikrofone. „Das ist eine wunderschöne Stadt.“ Doch mehr als ein flüchtiger Blick bleibt diesmal nicht. Es ist Wahlkampf, noch dazu die heiße Phase, die Termine sind eng getaktet. Tagtäglich. Seit fünf Uhr morgens ist Laschet auf den Beinen, erst spät am Abend wird er wieder zu Hause sein. 

Zum Abschluss warten zwei Auftritte zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie er gleich mehrfach mit einem Anflug von Stolz verkündet. Den Eindruck von Hektik indes versucht Laschet zu vermeiden, als er über den Wochenmarkt schlendert und dabei den Ausführungen der stellvertretenden Bürgermeisterin Christiane Mackensen über „ihre“ Stadt lauscht. 

Meister des Smalltalks ist er nicht – das wird an zwei Ständen klar, an denen Laschet stehen bleibt. Doch er gibt sich jovial und nahbar, greift zu, als ihm ein Glühweinbonbon angeboten wird. Auch für die Frau, die ihn unvermittelt anspricht und sich darüber beklagt, dass die Bundesregierung ihrer Meinung nach die Autoindustrie zu sehr und zu Lasten der Umwelt protegiert, nimmt sich Laschet Zeit. 

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Er kanzelt nicht ab, er belehrt nicht, er versucht zu erklären, dass es nicht nur um Abgasskandale, sondern auch um Arbeitsplatzsicherung geht. „Das ist eine Abwägung“, sagt Laschet. 

Es könnte eins seiner Mottos sein. Denn viele der Worte, die Laschet wählt, wirken fast bedächtig. Die bescheidene Bilanz der NRW-Landesregierung böte dem CDU-Landeschef eigentlich reichlich Angriffsfläche. Doch Laschet ist nicht der Mann für grobe, plakative Aussagen, für die Attacke um der Attacke Willen. Eher einer für das Wahlkämpfchen. Für die kontrollierte Offensive. 

„Bürgerfrühstück“ in einem Restaurant im Soester Theodor-Heuss-Park. Die Kreis-CDU hat eingeladen. Alle Stühle sind besetzt, rund 70 Leute vorwiegend gestandeneren Alters lauschen Laschet. Der Spitzenkandidat skizziert das Wahlprogramm der CDU und die Ziele im Falle einer Machtbeteiligung, verbindet das mit Kritik am Landeskabinett – all das unaufgeregt, in beinahe gemäßigter Tonlage. 

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Die Landes-SPD ist weniger zimperlich, unterstellt ihm im Wahlkampf immer wieder Wankelmut bei seinen Forderungen und geht ihn permanent mit ihrer „Wackeldackel“-Kampagne an. 

Laschets Art ist das verbale Dauerfeuer nicht. Als es zwischenzeitlich unruhiger im Saal wird, fragt er eher höflich als bestimmt in den Raum: „Stören wir?“ Und doch: Laschet drückt sich nicht um Antworten, er weicht nicht aus. Und zeigt das auch, wenn er auf den Fragesteller zugeht und ihm wie ein Moderator das Mikrofon hinhält. Immer wieder versucht er sich in demonstrativer Bürgernähe. 

Natürlich geht es meist um die großen Themen, um Bildung, um innere Sicherheit. Laschet ist in seinem Element, benennt zentrale Forderungen: die Parallelität von G8 und G9, eine bessere Lehrerversorgung, die Möglichkeit der Schleierfahndung, eine konsequente Rückführung von Nicht-Schutzbedürftigen inklusive unverzüglicher Abschiebehaft von ausreisepflichtigen Asylbewerbern bei Straffälligkeit.

Landwirtschaft, Sportförderung, Pflege – Laschet wird in Soest mit der ganzen Bandbreite an Themen konfrontiert. Vor allem aber hat er sich die Stärkung des ländlichen Raums als Antwort auf die vermeintliche Bevorzugung der städtischen Ballungsgebiete durch die rot-grüne Landesregierung auf die Fahnen geschrieben. 

Er liebäugelt mit der Schaffung eines Ministeriums für Heimat und den ländlichen Raum im Falles eines Wahlsiegs – und weiß um die Bedeutung der Worte in vielen Teilen Westfalens. Überhaupt: Die Probleme sind oft regional. Wenn er rund um Köln unterwegs sei, sagt Laschet später in seinem Bus, dauere es zum Beispiel nicht lange, bis die Sprache auf die vielen Staus im Land komme. 

Ab und an flackert doch so etwas wie Kampfeslust auf. Vor allem, wenn Laschet sich an den Grünen abarbeitet, an Umweltminister Johannes Remmel, an dessen Vorschriftenflut, wie er es geißelt. „Es darf nicht alles landesplanerisch vorgegeben werden“, sagt Laschet und fordert mehr kommunale Entscheidungsfreiheit, einen Ausgleich von Ökonomie und Ökologie: „Den hat Remmel nicht gemacht.“ 

Es ist ohnehin nicht die populäre und den Straßenwahlkampf blendend beherrschende Landesmutter Kraft, die Laschet ins Visier nimmt. Es sind ihre umstrittenen Kabinettskollegen. Remmel, Innenminister Ralf Jäger (SPD), Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Und doch wirkt es weiter, als gehörten Seitenhiebe für ihn irgendwie zur (unnötigen) Wahlkampf-Folklore. 

Das Tingeln durchs Land erscheint bei Laschet dagegen nicht wie eine lästige Pflicht. Man lerne immer dazu, sagt er. „Einiges erfährt man eben nicht aus Akten, sondern wenn man vor Ort zuhört.“ Macht ihm der Wahlkampf Spaß? „Ja“, sagt Laschet entschieden, als er nach dem Bürgerfrühstück einen Zigarillo raucht und gemächlich Richtung Bus geht. 

Auch wenn er als eher unscheinbar gilt und die Schlagzeilen mitunter nicht gerade positiv sind, ihm oft fehlenden Biss attestieren. „Er ist ja nicht unumstritten“, sagt Heinrich Schneider, Landwirt im Ruhestand, der den Ausführungen des Spitzenkandidaten zugehört hat. „Aber mein Eindruck ist: Er kommt an. Er ist fachlich kompetent, hat auf jede Frage vernünftig geantwortet.“ Auch auf seine. „Und daran“, so Schneider lächelnd, „werde ich ihn hinterher messen.“ 

Hinterher? Als Regierungschef? Umfragen geben die Machtoption her, die CDU ist auf Augenhöhe mit der regierenden SPD – auch wenn Laschet beileibe nicht auf die Beliebtheitswerte von Kraft kommt.

Die womöglich richtungweisende Wahl an Rhein und Ruhr hat längst überregionale Aufmerksamkeit erhalten, diesmal begleiten ihn auch Journalisten aus Berlin und München. Und so gibt sich der Kandidat schon mal ausgleichend-landesväterlich. Die vermeintliche „Feindschaft“ zwischen den zwei großen Landesteilen? Allenfalls eine „frotzelnde Rivalität“ zwischen dem Rheinland und Westfalen sieht er noch, Unterschiede leugnet er jedoch nicht. „Aber die gibt es doch auch schon zwischen dem Münsterland und Südwestfalen“, so Laschet. „Das ist ja das Schöne an NRW, das Land ist sehr vielfältig.“ 

Aber, so sein Vorwurf, unter Rot-Grün in vielen Punkten zum Schlusslicht geworden. Er hat „die Vision, etwas zu entwerfen, wo die anderen Bundesländer mal sagen, Nordrhein-Westfalen ist einen Schritt weiter als wir“. 

Sein nächster Schritt an diesem Tag führt ihn nach Bad Sassendorf. Zum Mehrgenerationenhaus. Ein Treffpunkt im Ort. Für Jung und Alt. Für verschiedene Kulturen. „Deutsch für Flüchtlinge und Asylbewerber“ steht beispielsweise ebenso auf dem Monatsplan wie die von Schülern geleitete Handy- und Computersprechstunde für Senioren oder das „Elternfrühstück mit Kinderbetreuung durch die Wunsch-Omis“.

„Das Haus ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt die Bildungsbeauftragte der Einrichtung, Heike Schulze-Gabrechten, stolz. Laschet stimmt zu, signalisiert die erhoffte verstärkte Landes-Unterstützung für das auf Fördermittel angewiesene Haus, das Gelder vom Bund und der Gemeinde bezieht. Mehrgenerationenhäuser seien ebenso wichtig wie Familienzentren: „Wir brauchen beides.“ 

Es ist das nächste „Heimspiel“ für den einstigen NRW-„Generationenminister“. „Das ist mein altes Thema“, sagt Laschet. Und, so betont er mit Blick auf den zentralen Satz der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise, „das ist das gelebte ‘Wir schaffen das!’“ 

Das passende Foto liefert ihm die jesidische Familie Murat, die im Irak verfolgt wurde, vor rund anderthalb Jahren nach Deutschland kam, Deutsch lernt – und nun, nach einem kleinen offiziellen Teil mit kurzen Ansprachen, unbedingt ein Bild mit Laschet möchte, mit dem sie sich schon bei dessen Eintreffen kurz unterhalten hat. 

Es ist der Beginn einer Runde durchs Haus, der CDU-Spitzenkandidat möchte einen Einblick in die vielfältige Arbeit bekommen. Er nimmt sich wieder die Zeit, die ihm der dichte Terminkalender bietet, für Gespräche. Mit Besuchern des Hauses, mit einigen der vielen Ehrenamtler. Auch das gehört zum Wahlkampf. Zum Stimmenfang. 

Denn nach dem 14. Mai würde Laschet gerne niemandem den Vortritt lassen. Juniorpartner in einer großen Koalition? „Wir wollen den Teufel mal nicht an die Wand malen“, sagt er in Soest. Freundlich lächelnd. Natürlich.

Quelle: wa.de

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