Am Kölner Dom, am Flughafen, an Industrieanlagen

Fulltime-Job mit Falken: Marco Wahl verscheucht mit seinen Raubvögeln Tauben

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Alles im Blick: Marco Wahl mit einem seiner Greifvögel bei der Flugshow im Tierpark Niederfischbach.

Marco Wahl hat sich als hauptberuflicher Falkner einen Namen gemacht. Er verscheucht mit seinen Raubvögeln Tauben und Krähen auf Industrieanlagen, am Flughafen Köln/Bonn oder seit kurzem auch am Kölner Dom. In seiner Station in Niederfischbach leben mittlerweile 21 Raubvögel. Ein Besuch.

Niederfischbach – Dass Marco Wahl kein Tierbesitzer wie jeder andere ist, hat auch schon die Polizei bemerken dürfen. Als der 37-Jährige einmal angehalten wurde, weil er verbotenerweise während der Fahrt mit dem Handy herumgefuhrwerkt hatte, entdeckten die Beamten nicht nur Transportboxen mit lebenden Raubvögeln auf der Ladefläche, sondern auch einen nicht angeschnallten Hund namens Ronja. 

Und dann war da noch diese kleine Eule auf der Schulter von Marco Wahl. „Die fiel dann in die Kategorie ,Ungesicherte Ladung‘“, grinst Wahl: „Der Strafzettel wurde ganz schön lang.“ 

Arbeitseinsatz am Kölner Dom sorgt für Prominenz

Marco Wahl ist hauptberuflicher Falkner, von denen es in Deutschland nicht allzu viele gibt. Zwar gehen insgesamt rund 9000 Menschen dieser Tätigkeit nach, die meisten machen es allerdings als Hobby. „Ihr Geld damit verdienen nur gut drei Prozent von diesen 9000“, sagt Wahl. 

Er ist einer davon und hat mittlerweile eine für einen Falkner relativ große Prominenz erreicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er seit einigen Wochen mit seinen Greifvögeln regelmäßig zum Arbeitseinsatz am Kölner Dom ausrückt. Mit der Aufgabe, dort die Tauben zu vertreiben, die durch ihre Ausscheidungen die Bausubstanz von Deutschlands bekanntester und größter Kirche beschädigen. In der Falkner-Fachsprache heißt dieser Vorgang „Vergrämen“.

Ab und zu töten die Greifvögel eine Taube 

Am Dom ist Wahl mit seinen vier Wüsten-Bussarden und dem Berber-Falken „Jambo“ schon länger im Einsatz, Mitte April wurde die Kooperation öffentlich gemacht. Auch, um den Einsatz transparent zu erklären. Denn es kann immer mal wieder sein, dass Wahls Greifvögel die Tauben nicht nur vertreiben, sondern auch einmal eine töten. „Eine alte oder kranke Taube wird auch mal gejagt“, sagt Wahl. 

Einmal habe einer seiner Vögel direkt vor einer Gruppe asiatischer Touristen „eine Taube geschlagen“. „Die haben dann nur noch den Vogel und nicht mehr den Dom fotografiert“, erzählt der 37-Jährige. In aller Regel sei „eine gesunde Taube aber viel zu schnell, da haben die Raubvögel gar keine Lust darauf“. 

Taubenpolizei stößt auch auf Kritik

Durch den Schritt an die Öffentlichkeit sei das Verständnis dafür, Raubvögel dafür einzusetzen, dass der Kölner Dom möglichst taubenfrei bleibt, recht groß. Wenn Wahl mit seinen Vogelkästen, die ein wenig an Tresore erinnern, auf der Domplatte herumläuft, fallen die Reaktionen „in erster Linie positiv aus“.

Falkner Marco Wahl bei einer seiner Flugshows

Es gebe in Köln aber auch sehr viele Taubenfreunde, die den Einsatz der gefiederten Taubenpolizei sehr kritisch sehen würden. „Für die ist das eine mittelgroße Katastrophe. Die diskutieren dann auf einer sehr emotionalen Ebene, so dass es schwer ist, mit Argumenten zu überzeugen“, sagt Wahl. 

Einsatz am Flughafen, um Vogelschlag zu verhindern

Die Vergrämungsarbeit ist mittlerweile Wahls Haupteinnahmequelle. Pionier sei er auf diesem Gebiet zwar nicht gewesen. „Aber ich bin den Job vielleicht mit anderen Ideen angegangen“, sagt Wahl. Denn der ehemalige Zeitsoldat ist nicht nur am Kölner Dom mit seinen Vögeln unterwegs. Am Flughafen Köln/Bonn sorgt er dafür, dass sich Tauben oder Krähen einen anderen Aufenthaltsort suchen, um Vogelschlag bei den landenden und startenden Maschinen zu verhindern. Auch dies ist eine anspruchsvolle Aufgabe. 

Für seine Arbeit dort musste Wahl den sogenannten „Vorfeld-Führerschein“ machen. „Da lernt man, wo und wie man sich auf einem Flughafen bewegen darf“, sagt Wahl. Nun darf er sich überall außerhalb der Start- und Landebahnen frei bewegen. „Meist halte ich mich am Rand auf, weil sich dort die Ringeltauben und Krähen befinden“, erzählt der Falkner. 

Krähen seien übrigens sehr schlau: „Die sehen aus 100 Metern Entfernung mein Auto und sind weg. Deshalb benutze ich am Flughafen auch unterschiedliche Fahrzeuge.“

Eine gewisse Unberechenbarkeit ist unerlässlich 

Auch die Tauben sind relativ pfiffig. So berichtet Wahl von seinen Einsätzen bei den Wasserwerken: „Dort war ich immer dienstags um 9 Uhr. Nach der zweiten Woche sind alle Tauben um 8.35 Uhr weggeflogen. Ich kam dann dort an und die Leute sagten mir: ,Tja, vor einer halben Stunde sind sie alle weggeflogen‘. Und sie hatten gesehen, dass ich immer zwei Stunden da war. So kamen sie dann auch nach Ablauf der zwei Stunden pünktlich zurück.“ So ist eine gewisse Unberechenbarkeit unerlässlich. 

„Die Tauben dürfen keinen Rhythmus bemerken“, sagt Wahl. Bis ein Bereich taubenfrei ist, dauert es Wochen oder Monate. Mittlerweile arbeitet Wahl mit einem anderen Falkner täglich 16 bis 18 Stunden im Schichtdienst. „Der Dienstplan ist voll“, sagt der 37-Jährige: „Im nächsten Jahr wollen wir in Wiehl eine zweite Falkner-Station eröffnen.“ 

Spannend: "Dass wir die Technik mit der Natur verbinden können"

Aber ist es nicht geradezu paradox? Die Welt wird immer technischer und digitaler, gleichzeitig wird der Falkner Marco Wahl mit seinen Tieren von Wasser- und Chemiewerken sowie Kirchen und Flughäfen gebucht. „Ich glaube, das ist genau das Spannende daran“, sagt Wahl: „Dass wir die Technik mit der Natur verbinden können. Hier gerät die Technik an ihre Grenzen. Es gibt noch keine Technik, die Tauben dauerhaft fern hält.“

In Aktion: Bartkauz „Siggi“.

Hauptsitz der „Falknerei Marco Wahl“ ist seit kurzem der Tierpark Niederfischbach. Hier hat der Falkner eine komplette Zeile leer stehender Volieren übernehmen können, in denen nun seine insgesamt 21 Raub- und Greifvögel sitzen. Neben seinen „Arbeitstieren“, den vier Wüsten-Bussarden und dem Falken „Jambo“, schauen den Besucher hier der Bartkauz „Siggi“, der Uhu „Hugo“ oder der Steppenadler „Toni“ mit neugierigen Augen an. 

Herausforderungen für einen Showfalkner

Im Tierpark finden in den Sommermonaten jeden Tag zwei Flugshows statt, die längst zur großen Attraktion in dem kleinen Tierpark geworden sind. Auch an diesem Frühlingstag sind wieder viele Menschen gekommen, um die Greifvögel aus nächster Nähe zu sehen. Und wenn der „Hugo“ direkt auf einen der Besucher zufliegt und ihn mit seinen großen Augen anblickt, dann kann man ungefähr erahnen, was einer Maus bei diesem Anblick durch den kleinen Kopf gehen mag. Nichts Gutes jedenfalls. 

Auch auf dieser Bühne gibt Marco Wahl eine gute Figur ab. „Bei einer Flugshow ist es wichtig, die Menschen abzuholen. Das ist die größte Herausforderung für einen Showfalkner, wenn man vor 400 Leuten sitzt“, sagt Wahl. Mit Sprüchen wie „Der Adler ist gelandet – allerdings nicht da, wo er soll“ oder „Da passt eine ganze Ratte rein“ hat er die Menschen sehr schnell abgeholt. Seine Vögel erledigen den Rest. Am Ende gibt es glückliche Gesichter und einen großen Applaus. - Jens Greinke

Die Besucher können die Greifvögel bei den Flugshows hautnah erleben.

Zucht und Ausbildung - nicht alle Raubvögel sind geeignet

Marco Wahl arbeitet ausschließlich mit Zucht-Raubvögeln, die er von deutschen Züchtern gekauft hat. Für einen Wüstenbussard werden 600 bis 800 Euro, für einen Falken mindestens 1000 Euro und für einen Adler oder Bartkauz mindestens 2500 Euro fällig. 

Nicht alle Raubvogel-Arten sind für die Vergrämungsarbeit geeignet. „Sie müssen intelligent genug sein, Glasscheiben zu erkennen, sie müssen Querträger erkennen. Das kann ein heimischer Habicht nicht. Der ist so auf die Beute fixiert, dass er nicht mehr nach rechts oder nach links schaut“, sagt Wahl: „Die Wüstenbussarde hingegen können das.“ Zuvor müssen sie allerdings konditioniert und trainiert werden.

 Dabei bringt Wahl immer sehr erfahrene und unerfahrene Vögel zusammen. „So lernen die jungen Tiere am besten“, sagt er. Nach drei Wochen Training könne er einen jungen Vogel zur ersten Vergrämungsmaßnahme mitnehmen. Danach brauche es zwei bis drei Einsätze, „bis er kapiert hat, was er zu tun hat“.

Quelle: wa.de

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