130 Polizisten bei Großrazzia im Einsatz

Mitarbeiter von Sauerländer Firma lässt jahrelang Waffenteile mitgehen - Details zur Vorgehensweise

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Ein Teil der bei den Durchsuchungen am Mittwoch sichergestellten Waffen.

Intensive Ermittlungen im Bereich des illegalen Waffenhandels haben einen 47-jährigen Mitarbeiter der Waffenfirma Umarex in Arnsberg auffliegen lassen, der über mehrere Jahre Waffenteile aus dem Werk geschmuggelt und die zu Hause gebauten Pistolen ins Rockermilieu verkauft hat. Mittlerweile gibt es auch Infos, wie ihm das gelang.

Update 30. August, 16.26 Uhr:

Arnsberg - Mit einer Thermoskanne soll der inzwischen entlassene Mitarbeiter eines Waffenherstellers im Sauerland die Sicherheitsmaßnahmen überlistet haben. In der beschichteten Kanne habe er Waffenteile unbemerkt durch eine Metalldetektor-Schleuse aus der Fabrik schmuggeln können, sagte Staatsanwalt Thomas Schmelzer am Freitag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Der

WDR

hatte zuvor darüber berichtet.

Auch seinen mit Münzen gefüllten Geldbeutel habe er genutzt, um den Detektor auszutricksen, sagte Schmelzer der dpa. Die Schleuse sei aber recht spät installiert worden. Viele Teile habe der 47-Jährige zuvor relativ einfach aus dem Werk bringen können. - dpa

Lesen Sie hier unsere ursprüngliche Berichterstattung:

Hagen/Arnsberg - Nach mehreren nächtlichen Wohnungsdurchsuchungen in sechs Städten haben die Ermittler am Mittwochnachmittag Details zu dem Großeinsatz mit 130 Polizisten bekanntgegeben. Ihnen ist demnach ein großer Schlag gegen den illegalen Waffenhandel gelungen. Wichtige Spuren führen ins Sauerland.

Die Dienststelle zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität der Polizei Hagen durchsuchte in der Nacht zu Mittwoch mit einem Großaufgebot von rund 130 Beamten in Dortmund, Lünen, Radevormwald, Menden, Duisburg und Wilhelmshaven (Niedersachsen) insgesamt zwölf Wohnungen, Häuser, Werkstätten und eine Firma wegen illegalem Waffenhandel. Zum Teil wurden Spezialeinheiten eingesetzt. 

Den aufwendigen Durchsuchungen, bei denen nach Angaben von Staatsanwaltschaft Arnsberg und Polizei Hagen fünf Personen vorläufig festgenommen wurden, gingen akribische Ermittlungen voraus, wie aus einer Pressemitteilung der beiden Behörden von Mittwochnachmittag hervorgeht.

Die Lawine ins Rollen brachte demnach drei versuchte Tötungsdelikte im Jahr 2018 in Hagen. Bei damit zusammenhängenden Durchsuchungen bei hochrangigen Mitgliedern des Rocker-Clubs "Freeway Riders" seien Pistolen der Marke Walther (Typ P22, Kaliber 22) sichergestellt worden, auf denen die in Deutschland vorgeschriebenen Beschusszeichen, Seriennummern und Vertriebszeichen gefehlt hätten. 

47-Jähriger lässt Waffenteile aus Firma mitgehen

In diesem Zusammenhang sei den Ermittlern zudem aufgefallen, dass seit 2017 in mehreren deutschen Bundesländern sowie 2018 in einem Lkw in Dover (England) Waffen des gleichen Typs gefunden worden seien. Unter anderem seien Pistolen in Meschede, Dortmund, Lüdenscheid und Hagen aufgetaucht - mehrere davon im "Rockermilieu", wie Polizei und Staatsanwaltschaft berichten.

Da diese Pistolen ausschließlich bei der Firma Umarex in Arnsberg-Neheim produziert werden, lag der Verdacht nahe, dass möglicherweise Mitarbeiter des Unternehmens Waffen oder zumindest Teile davon vor dem Anbringen der Beschusszeichen und Seriennummern gestohlen und anschließend in Umlauf gebracht haben könnten. Aus diesem Grund leiteten die Staatsanwaltschaft Arnsberg und die Kreispolizeibehörde Hochsauerlandkreis im Spätsommer 2018 ein Ermittlungsverfahren ein. 

Die Walther P22 aus der Fabrik von Umarex in Arnsberg-Neheim brachte die Lawine ins Rollen.

"In diesem Rahmen wurden in Absprache zwischen der Polizei und der Geschäftsleitung der Firma Umarex die dortigen Sicherheitsvorkehrungen kontinuierlich optimiert", teilen die Ermittler mit. Und diese Maßnahmen sollten Erfolg haben: Am 25. März 2019 wurde ein 47-jähriger, langjähriger Mitarbeiter des Unternehmens erwischt, als er einen Waffenlauf durch die Sicherheitskontrolle schmuggeln wollte. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung, die einen Tag später stattfand, fanden die Ermittler "zahlreiche Waffen und Waffenteile".

Fünf weitere Festnahmen nach Vernehmungen

Der Umarex-Mitarbeiter legte daraufhin ein Geständnis ab. Die anschließenden Ermittlungen ergaben, dass der 47-Jährige mindestens seit 2016 Waffenteile in der Firma gestohlen und diese zu Hause zu kompletten Waffen zusammengebaut habe. Umarex kündigte ihm daraufhin fristlos. Die Ermittlungen übernahm zu diesem Zeitpunkt die Dienststelle zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität des Polizeipräsidiums Hagen in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Arnsberg die weiteren Ermittlungen.

Weil der Arnsberger bei seinem Geständnis angegeben hatte, im Märkischen Kreis einen Abnehmer für die entwendeten Waffen zu haben, wurde am 27. März ein 26-jähriger Mann aus Menden festgenommen, der nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft "die von dem Arnsberger zusammengebauten Pistolen (...) weiterverkaufte und die für den Funktionstest und den Verkauf nötige Munition beschaffte". 

Der Fall nahm daraufhin immer größere Züge an: Der Mendener habe bei seiner Vernehmung vier weitere Männer aus Dortmund und Hagen genannt, an die er die Waffen gewinnbringend weiterverkauft habe. Alle vier wurden laut den Ermittlern in den Wochen danach festgenommen. Zwei von ihnen waren richtig "dicke Fische": Ein 54-jähriger Dortmunder "betrieb in Unna eine illegale Waffenwerkstatt, in der er neben Reparaturen an Schusswaffen auch selbst Dekowaffen zu scharfen Waffen umbaute", heißt es. Bei der Festnahme eines 25 Jahre alten Mannes aus Hagen seien zudem zwei scharfe Schusswaffen, darunter eine Umarex-Pistole ohne entsprechende Kennzeichnungen, etwa sieben Kilogramm Cannabis und rund 50.000 Euro Bargeld gefunden worden.

Ganzes Waffenarsenal sichergestellt

Vier der insgesamt sechs Tatverdächtigen sitzen nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft in Untersuchungshaft, darunter auch der 47-jährige "Erbauer" der Schmuggelwaffen aus Arnsberg. Wie viele Waffen dieser in Umlauf gebracht hat, ist momentan noch nicht klar. "Es ist von mindestens 150 Pistolen auszugehen", heißt es von den Ermittlern. Zudem seien bei dem Umarex-Mitarbeiter Teile für etwa 50 weitere Waffen gefunden worden. 

Die Auswertung der zahlreichen sichergestellten Gegenstände setzte nun noch weitere Ermittlungen in Gang: Demnach seien weitere Verfahren wegen des Verdachts des Waffen-, Munitions- und Drogenhandels eingeleitet worden. Ermittelt werde gegen insgesamt 16 Tatverdächtige, teilen Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Und im Rahmen genau dieser Ermittlungen fanden in der Nacht zu Mittwoch die Durchsuchungen in mehreren Städten statt. "Dabei wurden zahlreiche Waffen (unter anderem auch vollautomatische Waffen), Munitionsteile, Schwarzpulver, Betäubungsmittel sowie ein Fahrzeug sichergestellt", teilen die Ermittler mit.

Noch sind nicht alle sichergestellten Gegenstände asserviert. Was die Ermittler bislang aber bereits bekanntgegeben haben, liest sich wie ein komplettes Kriegsarsenal: Sichergestellt worden seien demnach etwa 15.000 Schuss Munition, rund fünf Kilogramm Schwarzpulver, circa 35 Kurzwaffen (darunter eine weitere Walther P22 ohne Kennzeichnungen), etwa 29 Langwaffen, drei Handgranaten sowie "diverse weitere Waffen, die noch einer waffenrechtlichen Bewertung unterzogen werden müssen", heißt es in der Pressemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Insgesamt seien fünf Beschuldigte vorläufig festgenommen worden. Ob diese dem Haftrichter vorgeführt werden sollen, entscheidet sich am Donnerstag.

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Quelle: wa.de

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