Alle Fragen und Antworten zum niedrigen Pegel

Imposante Eindrücke: Der (fast) leere Möhnesee aus der Luft

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Der Möhnesee westlich des Stockumer Damms: Wie einzelne Kontinente werden die Land-Anteile zwischen den Wasserresten immer größer. Nur wenige Meter geschlossene Wasserfläche trennen Nord- und Südufer in diesem Bereich.

Möhnesee - Der Möhnesee ist derzeit so leer wie seit mehr als 40 Jahren nicht mehr. Wir haben ihn uns aus verschiedenen Perspektiven angesehen und beantworten in diesem Artikel alle Fragen, die sich mit Blick auf den sinkenden Wasserstand ergeben.

Etliche Menschen lassen sich von ihrer Neugierde gelockt am Stockumer Damm ins Bett des Möhnesees ziehen. Die Gefahr, im Schlick in Notlage zu geraten, nehmen sie dabei in Kauf. Wer das große Glück hat, über den See fliegen zu können, bekommt das Naturschauspiel aus einer Perspektive zu sehen, die mindestens genauso beeindruckend ist. Ein Rundflug.

Aus einigen Kilometern Entfernung und ein paar hundert Metern Höhe erscheint der Möhnesee am Horizont, ohne dass im ersten Moment klar wird, dass er sich zuletzt vor mehr als 40 Jahren in einem solch schmalen Gewand präsentierte. Mit Pilot Otto Strauß und seinem Gyrocopter – auch Tragschrauber genannt – wird das noch voll gestaute Wameler Becken überflogen.

Imposante Eindrücke: Der (fast) leere Möhnesee aus der Luft

Was dahinter – also westlich des Stockumer Damms – sichtbar wird, macht erstmals deutlich, wie viel Wasser der Möhnesee in den vergangenen Wochen in Richtung Ruhrgebiet abfließen ließ. Und vor allem: Wie wenig die Natur ihm zurückgab.

Das Ufer wächst und wächst

Nur wenige Meter geschlossene Wasserdecke trennen Nord- und Südufer. Der Möhnesee – an dieser Stelle wirkt er wie eine Pfütze. Laut Ruhrverband ist der See noch zu 35 Prozent gefüllt, Tendenz fallend. Rund vier Kilometer weiter, hinter dem Hevedamm, kann sogar von einer Pfütze nicht mehr die Rede sein. Dort ist der See wie leergesogen.

Aus der Luftperspektive bildet sich ein farbenfrohes Bild aus gelb-orangenen Herbstbäumen, grünen Tannen und dem vor lauter Algen grün leuchtenden Möhne-Bett – der Blick nach unten lässt den Gedanken zu, in diesem Moment einen anderen Planeten aus der Ferne zu bewundern.

Der Bereich hinter dem Hevedamm.

Etwas weiter in Richtung Staumauer ist Schluss mit den Gedankenspielen: Aus einem winzigen flussartigen Wasserschlauch bildet sich wieder eine große geschlossene Seefläche, der strahlende Himmel taucht das Wasser in ein sattes blau, das den See mächtig und tief wirken lässt. 

Doch die Ufer sind überall immens gewachsen. Wie viel Fläche der See bereits verloren hat, kann der Ruhrverband nicht sagen. Der (Luft-)Weg zurück zum Flugplatz Lohne führt an der an Land liegenden MS Möhnesee vorbei. Das Schiff ist seit 1998 im Dienst. Zuletzt war der See 1976 so leer. So lang wie derzeit war der Weg an Bord noch nie.

Fragen und Antworten zum Niedrigwasser

Wer das Niedrigwasser-Schauspiel rund um den arg geschrumpften Möhnesee erleben will, hat beste Aussichten: Bis Ende des Monats ist so gut wie kein Regen in Sicht, so dass sich das Restwasser weiter reduzieren wird. Derzeit liegt das Wasservolumen noch bei 35,2 Prozent eines vollen Sees, so dass der „Tümpel“ nur noch 47,4 Millionen Kubikmeter Wasser entspricht. 

Rund um den See stellen sich die Besucher nun besorgte Fragen. Der Anzeiger hat hingehört – und hat beruhigende Antworten gefunden.

Ist der See bald ganz leer? 

Um den Restwasserschatz weiter bewirtschaften zu können, muss der Ruhrverband als Eigentümer des Sees eigentlich vorgeschriebene Pegelstände an den beiden Messstellen am Ruhrpegel Villigst (bei Schwerte) und in der Gewässerstrecke von Hattingen seit dem 2. November nicht mehr einhalten. „Damit haben wir die Möglichkeit, weniger Wasser abzulassen und die Verringerung des Volumens im Möhnesee zu drosseln“, freut sich Markus Rüdel, Sprecher des Ruhrverbandes.

Der Weg an Bord der MS Möhnesee ist derzeit so lang wie nie.

Wie viel Wasser der Ruhrverband aus den Talsperren ablassen muss, regelt das Ruhrverbandsgesetz von 1990. Darin sind Mindestabflüsse am Ruhrpegel Villigst (bei Schwerte) und in der Gewässerstrecke von Hattingen bis zur Ruhrmündung vorgeschrieben. Trotz des weiter ausbleibende Niederschlags rechnet er nicht mit einer „dramatischen Verringerung“ des Volumens. Auch Befürchtungen, nach denen im kommenden Jahr statt des Sees eher eine Wanderwiese zu sehen sein könnte, erteilt Rüdel eine Absage. „Mit einem Zufluss von 436 Quadratkilometern hat der Möhnesee gute Chancen, bei einem regenreichen Winter im kommenden Jahr wieder gut gefüllt zu sein“, so Rüdel.

Gibt es Einschränkungen beim Trinkwasser?

Weil das Wasser aus dem Möhnesee nach der Aufbereitung auch als Trinkwasser verwendet wird, gibt es Befürchtungen, dass es ähnlich wie etwa in Paderborn zu Aufrufen kommen könnte, mit dem Trinkwasser sparsam umzugehen. Auch diesen Befürchtungen erteilt Markus Rüdel mit der bestimmten Aussage „Einschränkungen für die Wasserversorgung bestehen nicht“ eine klare Absage.

Nimmt die Sperrmauer in Günne Schaden, wenn sie zu lange trocken steht?

Nein. Weil es sich nach Angaben des Ruhrverbands um eine „Schwergewichtsmauer“ handelt, habe sie derzeit sogar „leichteres Spiel“. Zudem überprüfe die Abteilung für Talsperrensicherheit dauernd, ob alles in Ordnung sei. „Ein bisschen Bewegung ist allerdings immer in der Mauer“, so der Ruhrverband, „weil schon aufgrund von Temperaturschwankungen von einer Bewegtheit auszugehen ist.“

Dürfen Fundstücke behalten werden? 

Eigentlich nicht. Denn alle Fundstücke gehören dem Ruhrverband als Eigentümer des Sees. Sammler und die derzeit immer wieder zu sehenden Besucher mit Metalldetektoren dürfen aber aufatmen: „Wenig aufgeregt“ sei man beim Ruhrverband, wenn jemand doch etwas mitnehme, meint Sprecher Markus Rüdel. Und: „Ich denke, Reichtümer wird dort keiner finden.“

Wie geht es den Fischen?

Die aufwendige Aufstockung des Sauerstoffgehalts im Seewasser wurde Anfang Oktober beendet. Der Grund: Wegen der fallenden Temperaturen gab es Entwarnung. Zwar ist der Lebensraum der Fische derzeit deutlich kleiner, nach Angaben des Ruhrverbands aber „nicht kritisch“. Erst wenn die Wassermenge auf 25 Prozent abgesunken sei, müsse man noch einmal genauer hingucken.

Welche Probleme haben die Wasservögel?

Einige Vogelarten haben es leichter: Weil die Fischschwärme dichter zusammen sind, fällt es etwa dem Gänsesäger oder den Kormoranen leichter, Nahrung zu finden. Das erläuterte Margret Bunzel-Drüke von der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU). „Vogelarten, die Muscheln fressen, haben schlechtere Karten, weil viele Muschelbänke trocken gefallen und damit tot sind“, so die ABU-Expertin weiter. Davon betroffen seien zum Beispiel die Schellenten. Ausreichend Nahrung gebe es aber trotzdem. 

Vor allem deshalb, weil es mit dem Wameler Becken und dem Ausgleichsbecken noch voll aufgestaute Bereiche gebe. Dass die Vögel das geschrumpfte Gewässer nicht finden, diese Gefahr sieht Bunzel-Drüke nicht. „Manche kennen das Gewässer schon, und für die anderen ist es aus der Luft immer noch gut erkennbar.“ Eine Sorge hat hat Margret Bunzel-Drüke aber doch: Gerade im Naturschutzgebiet im Hefearm werden die Tiere immer wieder von Menschen gestört, die wegen der Trockenheit nun ziemlich nah herankommen. Deshalb appelliert sie: „Bitte lasst die Vögel dort in Ruhe.“

Gefährliche Matsche

Der Ruhrverband warnt ausdrücklich vor dem Betreten der trockengefallenen Uferbereiche am Möhnesee, da der Untergrund nicht überall tragfähig ist. Es bestehe die Gefahr, einzusinken und sich nicht mehr selbst befreien zu können. „Das Betreten trockener Uferbereiche von Talsperren ist lebensgefährlicher Leichtsinn!“, warnt der Ruhrverband in seiner Mitteilung zum Thema. 

Viele Menschen wandern durch den Schlick. "Lebensgefährlicher Leichtsinn", sagt der Ruhrverband.

Dass es tatsächlich zu gefährlichen Situationen kommen kann, beweist ein Vorfall vom Wochenende am Hennesee. Da war ein Radfahrer im Schlick des Hennesees stecken geblieben. Die Feuerwehr musste den knietief im Schlamm steckenden Mann mit Hilfe von Steckleiterteilen befreien. „Wir können das ganze Gelände am Möhnesee aber natürlich nicht kontrollieren“, so der Ruhrverband. Zudem sei man als Eigentümer auf die Hilfe von Ordnungsamt oder Polizei angewiesen, um Leichtsinnige tatsächlich des Sees verweisen zu können. 

Niedrigwasser am Möhnesee

Peter Wirth vom Ordnungsamt in Möhnesee winkt ab. „Natürlich greifen wir ein, wenn wir mitbekommen, dass da an den Wehranlagen herumgeklettert wird oder sich Leute zu weit raus in den Matsch wagen“, sagt er. Doch verantwortlich für die Sicherheit sei in erster Linie der Ruhrverband als Eigentümer. Er selbst habe es gerade erlebt, wie ein Paar mit Kinderwagen im Matsch herumgefahren sei. Die Aufforderung, das Gelände doch bitte zu verlassen, hätten diese Leute aber schlicht ignoriert. Peter Wirth: „Und natürlich bringen wir uns selbst nicht in Gefahr.“ 

Getrocknete Fußspuren im Schlamm: Wäre es beim Durchgehen noch matschiger gewesen, dann wäre der Spaziergänger womöglich ein Fall für die Feuerwehr geworden.

Apropos Gefahr: Mit „gesundem Menschenverstand“ sollten die Besucher doch am besten selbst feststellen, wo das Seeufer zu betreten sei und wo nicht. „Wenn an der Seepromenade in Körbecke die Leute 20 Meter weit raus gehen, dann wird da sicher keiner von uns und auch vom Ruhrverband was sagen, weil das bombenfest ist“, so Peter Wirth. Doch weiter draußen gebe es eben irgendwann einen Bereich, wo es dann doch gefährlich werde.

Das Sommergefühl am See will nicht weichen

Mittags um halb eins im „Grill am Damm“, einen Steinwurf vom Stockumer Damm entfernt: Draußen auf der Sonnenterrasse gibt es keinen Platz mehr. Die Gäste – fast ausschließlich Rentner – genießen die Sonne hinter der durchsichtigen Plane, die vor dem Wind schützt. Wer durchguckt, sieht auf das Wameler Becken. Das ist noch ziemlich prall gefüllt. 

Trotzdem ist das Niedrigwasser in der Runde ein Thema. „Wir haben ja schon oft im Herbst hier gesessen“, sagt Werner Langhuus, „aber so lange so warm war es noch nie. Und so wenig Regen? daran kann sich von uns keiner erinnern.“ Schon kommt Bewegung in die Runde. Von Klimawandel ist die Rede; von den Politikern, die endlich mal was tun sollten; aber auch von „echt geilem Motorradwetter im November“; und davon, dass es gerne noch so weiter gehen darf, „bis es wieder Sommer wird“. 

Leserfotos vom Niedrigwasser am Möhnesee Teil 1

Und das Niedrigwasser? „Drüben ist ja fast nix mehr“, sagt Langhuus, „aber warten Sie mal: Wenn‘s erst einmal regnet, dann ist das ganz schnell wieder voll.“ Sonnenbad mitten im November Ein Sonnenbad nimmt auch Wilhelm Wulfert. Der 78-jährige Rentner aus Bad Sassendorf ist nach eigenen Angaben „so oft es geht bei Sonnenschein“ am See. 

Wilhelm Wulfert genießt auch noch Mitte November sein Sonnenbad am nicht enden wollenden Ufer eines nicht enden wollenden Sommers.

Sein Stammplatz: ein windgeschütztes Eckchen am „Porno Beach“ am Südufer westlich der Delecker Brücke. „Um diese Zeit im Jahr habe ich noch nie hier gesessen“, sagt er lachend. Dass er von seinem Standort aus das Wasser kaum noch sehen kann, stört ihn nicht. „Dafür kann ich doch die Sonne genießen“, meint er.

Klimawandel: Talsperren alle 200 Jahre trocken

Wegen fehlender Niederschläge gibt es im Kreis Siegen-Wittgenstein Überlegungen, eine neue Stauanlage zu bauen. Nach dem Sommer mit monatelanger Trockenheit werden Überlegungen zum Bau neuer Talsperren im Kreis Siegen-Wittgenstein wieder aktuell. 

Die Kreisverwaltung regte eine Vorstudie für zwei mögliche Standorte an. Regionale Klimastudie ist aus dem Jahr 2006 Der Landesentwicklungsplan enthält laut NRW-Wirtschaftsministerium insgesamt acht mögliche Standorte für Talsperren. Der Ruhrverband sieht für sein Gebiet derzeit keinen Neubau-Bedarf, da der Wasserbedarf der Industrie gesunken sei.

"Alle Überlegungen sind ergebnisoffen"

„Ob wir am Ende wirklich in ein paar Jahrzehnten eine dritte oder vierte Trinkwassertalsperre in Siegen-Wittgenstein haben werden, kann heute niemand verlässlich sagen. Aber vor dem Hintergrund des Klimawandels wäre es ein grober Fehler, nicht alle Optionen, die wir haben, ganz sorgfältig zu prüfen“, sagt Landrat Andreas Müller in einer Mitteilung. Es gebe keine Vorfestlegungen.

„Alle Untersuchungen und Überlegungen sind völlig ergebnisoffen“, unterstrich er. Eine regionale Klimastudie aus dem Jahr 2006 habe ergeben, dass das Talsperrensystem des Ruhrverbandes statistisch gesehen einmal alle 500 Jahre trockenfallen werde. Aufgrund des Klimawandels werde sich die Wahrscheinlichkeit bis zum Jahr 2100 auf einmal alle 200 Jahre erhöhen. „Nach derzeitigen Erkenntnissen ist die Sicherheit des Systems auch im Jahr 2100 voll gegeben“, hieß es.

Quelle: wa.de

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