„Gefährliche Meinungsmache durch Social Bots“

Meinungsbilder können schnell durch Social Bots verfälscht werden. Felix Flemming (30), Kommunikationswissenschaftler der Universität Münster mit dem Schwerpunkt Wahlkampfkommunikation und Online-Wahlkampf erklärt, wie Social Bots funktionieren und welche Gefahren davon ausgehen.

Was sind Social Bots?

Felix Flemming: Eigentlich müsste man genau genommen ‘social robots’ sagen, denn Bots leitet sich vom englischen Begriff für Roboter ab. Das sind Maschinen, die im Internet und vor allem auf den populären sozialen Netzwerken Facebook und Twitter, Beiträge und Botschaften über eigens erstellte Falschprofile verbreiten und teilweise direkt an bestimmte Nutzer schicken. Wenn sie sehr gut programmiert sind, fällt nicht auf, dass es dabei um eine Maschine und keinen Menschen handelt. Außerdem sind die Urheber sehr schwierig zu identifizieren. Social Bots sind in der Werbeindustrie weit verbreitet, mittlerweile werden sie immer häufiger auch zu einem politischen Instrument.

Wir kennen Social Bots aus aus dem US-Wahlkampf. Gibt es sie auch in NRW?

Flemming: In der Tat waren Social Bots vor allem im letzten US-Wahlkampf zwischen Trump und Clinton, gerade bei den drei TV-Duellen, wo beispielsweise auf Twitter viele solcher Social Bots vorgefertigte Unterstützer-Tweets abgesendet haben. Vor allem das Team des jetzigen US-Präsidenten Trump hat sehr massiv in Datengenerierung und die Entwicklung von Algorithmen investiert, um dem Wähler auf Basis des individuellen Online-Profils und dem Verhalten in sozialen Netzwerken passgenau eine politische Botschaft zu schicken. Dieses zielgruppenspezifische Marketing gibt es ja schon immer in Wahlkämpfen. Früher musste man dafür aber mühsam Daten sammeln und auswerten, um dann den richtigen Straßenzug zu finden, indem Wähler vielleicht noch unsicher bezüglich ihrer Wahlentscheidung waren. Heute übernehmen das anonyme Computerprogramme und Roboter. Potenziell kann dieses Phänomen natürlich auch in Nordrhein-Westfalen auftreten, weil ein gewisser Teil des Wahlkampf auch wieder online stattfinden wird. Da nützt es auch nicht, dass die Parteien in NRW angekündigt haben, im Landtagswahlkampf auf den Einsatz von Social Bots zu verzichten. Dann machen das eben entsprechende Parteianhänger oder -Gegner, oder andere Gruppen, die irgendein Interesse an einem bestimmten Wahlausgang in Nordrhein-Westfalen und im September bei der Bundestagswahl haben. Und auch die Aussagen der beiden großen sozialen Netzwerke Twitter und Facebook, dass es bei Ihnen keine Social Bots gibt, laufen ebenso völlig ins Leere. Das ist ja gerade die Problematik: Man kann die Entstehung von Social Bots nicht verhindern und ihre Präsenz nur schwierig kontrollieren und überprüfen.

Wie können Social Bots den Wahlkampf beeinflussen? 

Flemming: Direkt können Social Bots den Wahlkampf nicht beeinflussen, aber natürlich indirekt, weil sie unter Umständen auf das öffentliche Meinungsbild Einfluss nehmen können. Social Bots können für eine größere Verbreitung und Wahrnehmung bestimmter politischer Botschaften sorgen und damit indirekt öffentliche Meinung beeinflussen. Ob das dann kurzfristig zu Stimmungsumschwüngen kommt, bezweifele ich sehr. Zum einen ist der politische Wahlkampf im Internet in Deutschland längst nicht so wichtig und umfangreich wie in den USA. Zum anderen dürfen wir bei aller angebrachter Skepsis und Sorge über dieses Phänomen nicht übersehen, dass insbesondere Twitter in Deutschland bestenfalls eine Million aktiver Nutzer hat. In Deutschland gibt es aber über 61 Millionen Wahlberechtigte. Facebook ist da schon eine andere Macht mit deutlich über 20 Millionen Nutzern. Dann müsste man aber erstmal herausfinden, wie viele von denen Facebook überhaupt zur politischen Informierung nutzen und mit politischen Botschaften in Kontakt kommen. Und dann können Social Bots natürlich den Wahlkampf beeinflussen, indem wir über dieses Phänomen wie gerade jetzt ausführlich sprechen. Das wäre ein guter Effekt, wenn die Leute durch die gesellschaftliche Diskussion darüber vorsichtiger sind im Umgang mit Nachrichten und politischen Botschaften im Internet, bestimmte Zusammenhänge hinterfragen, mehrere Quellen aufsuchen. Ein verantwortungsbewusster und auch skeptischer Umgang mit Facebook, Twitter und Co könnte dafür sorgen, dass diesem Phänomen sehr schnell wieder die Luft ausgeht.

Welche Gefahren können Social Bots mit sich bringen?

Flemming: Die große Gefahr besteht eindeutig darin, dass Teile der Öffentlichkeit durch die Meinungsmache der Social Bots bewusst getäuscht werden. Sie verzerren die Realität. Das kann beispielsweise dazu führen, dass bestimmte Themen auf einmal als viel wichtiger erachtet werden als sie eigentlich sind und umgekehrt. Gleichzeitig ist es gefährlich, wenn solche Bots natürlich Unwahrheiten und falsche Fakten verbreiten. Gerade auf Twitter, das von vielen Meinungsmachern, aber auch Vermittlern politischer Information, also Journalisten, genutzt wird, die sich eventuell von der Meinungsmache leiten lassen können. Dieser potenziellen Gefahr kann man eben nur durch sorgfältiges Überprüfen und eine gewisse Skepsis begegnen. Leider gibt es bisher aufgrund der Neuheit des Phänomens kaum wissenschaftliche Forschung über die Folgen und Wirkungen von Social bots. Glücklicherweise gibt es immer mehr Software und Anwendungen, die Social Bots einfach und schnell erkennen können. Kurzum: Man kann mit dieser vermeintlichen Gefahr eigentlich sehr gut umgehen. Trotzdem ist Vorsicht und die Warnung davor angebracht, aber kein Grund zu Angst und Hysterie.

Quelle: wa.de

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