Ehemaliger Sonderdezernent der Generalstaatsanwaltschaft Hamm 

30 Jahre nach dem Geiseldrama: Polizei und Medien haben viel aus Gladbeck gelernt

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Jörg van Essen ist entsetzt, wie schlecht die Polizei vorbereitet war.

Hamm - 30 Jahre nach dem Geiseldrama stellt der ehemalige Sonderdezernent der Generalstaatsanwaltschaft Hamm für die Gladbecker Geiselaffäre, Jörg van Essen, der Polizei ein verheerendes Zeugnis aus.

„In über 800 Seiten habe ich damals die Vorwürfe gegen die eingesetzten Polizeibeamten und die Journalisten untersucht und bin noch heute entsetzt, wie wenig die Polizei in NRW und noch mehr in Bremen darauf vorbereitet war, viele Kräfte über lange Zeit und große Entfernungen zu führen“, so der ehemalige Bundestagsabgeordnete der FDP aus Hamm. 

Es ging also nicht um persönliches Versagen, sondern um Fehler im System. Die Situation in Gladbeck sei in vielerlei Hinsicht unbekannt gewesen für die Polizei.

"Irgendwann werden aber alle mal müde" 

Der fehlende Plan für eine solche Lage zeigte sich unter anderem darin, dass es für die Führung keine rechte Ablösung gab. „Irgendwann werden aber alle mal müde.“ 

Ein weiteres Problem war die zwischenzeitlich große räumliche Entfernung zwischen Führung und Einsatzkräften. Funkverbindungen brachen einfach ab. Der fehlende Plan hat „entscheidend zu dem Desaster beigetragen, bei dem drei Menschen ihr Leben verloren haben.“ 

"Geschehnisse exzellent aufgearbeitet"

Doch so desaströs van Essens Manöverkritik von einst ausfällt, so voll des Lobes ist er heute. „Die Polizei hat die Geschehnisse exzellent aufgearbeitet“, sagt der ehemalige Bundestagsabgeordnete. Er habe eine „hohe Achtung“ vor dem, was die Polizei daraus gelernt hat. Ein zweites Gladbeck sei undenkbar. 

Gleiches gelte übrigens für die zu recht gescholtenen Medienvertreter. „Auch hier hat ein Lerneffekt eingesetzt“, meint van Essen. Selbst wenn die Verlockung der schnellen Berichterstattung heute durch Instagram, Facebook und Co. deutlich größer ist als noch vor 30 Jahren. 

"Ganz besonders positives Zeichen"

Beide Seiten – Polizei und Journalisten – hätten aus Gladbeck gelernt. „Auch die Medien haben gemerkt, dass die Sache in Gladbeck völlig aus dem Ruder gelaufen ist.“

Dass NRW-Ministerpräsident Laschet gemeinsam mit seinem Bremer Kollegen am Donnerstag der Opfer gedenkt, ist für van Essen ein „ganz besonders positives Zeichen. Ein solches haben die Opfer und Angehörigen des islamistischen Anschlags am Breitscheid-Platz leider erst anmahnen müssen.“ Die Opfer seien allzu oft die Vergessenen.

Quelle: wa.de

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