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Eingesperrtes Kind: Neue Details zum Schreckens-Fall in Attendorn

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Von: Sebastian Schulz

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Dieses Foto ist eines der letzten, das das heute achtjährige Mädchen zeigt, bevor es offenbar nur noch eingesperrt in einem Haus in Attendorn lebte.
Dieses Foto ist eines der letzten, das das heute achtjährige Mädchen zeigt, bevor es offenbar nur noch eingesperrt in einem Haus in Attendorn lebte. © Privat / Repro: Sebastian Schulz

Wohl über sieben Jahre hat eine Mutter in Attendorn ihr Kind versteckt und eingesperrt. Der Fall sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Jetzt gibt es neue Details.

Attendorn - Es bleibt bei vielen noch immer Fassungslosigkeit über den Vorfall in Attendorn, den der SauerlandKurier am Samstag exklusiv öffentlich gemacht hat und über den nun so viele weitere Medien berichten. Wie und vor allem warum hat eine Mutter ihr Kind über Jahre im Haus der Großeltern in Attendorn versteckt und eingesperrt?

StadtAttendorn
LandkreisKreis Olpe
Fläche97,86 km²
Einwohner24.207 (31. Dez. 2021)

Eingesperrtes Kind: Neue Details zum Schreckens-Fall in Attendorn

Vor allem in den sozialen Netzwerken ist das Unverständnis groß. „Warum ist den Behörden nichts augefallen“, wird dort insbesondere gefragt. Eine Antwort auf diese Frage möchte nun auch die SPD-Fraktion im Landtag, die einen Bericht der Landesregierung für den kommenden Familienausschuss am 17. November beantragt hat.

„Wie kann es sein, dass das Jugendamt erst jetzt eine Handhabe hatte, das Haus zu durchsuchen und eine Anfrage an die italienischen Behörden zu stellen“, heißt es in dem Schreiben des familienpolitischen Sprechers der SPD, Dennis Maelzer. Auch die Frage nach der Schulpflicht und zwingend vorgeschriebenen medizinischen Untersuchungen wird von der SPD und von Internetnutzern gestellt.

Fakt ist, dass die Mutter mit ihrer Italien-Täuschung fast vollständig abtauchen konnte. Zur Erinnerung: Im Jahr 2015, als ihr Kind gerade rund anderthalb Jahre alt war, gab sie gegenüber den Behörden an, dass sie nach Kalabrien (Italien) umziehen werde. Das bestätigte auch die Stadt Attendorn auf Anfrage des SauerlandKurier. Demnach seien Mutter und Kind, bis dato noch wohnhaft in Attendorn, in der Tat im Einwohnermeldeamt gewesen, um sich ordnungsgemäß abzumelden. In der Folge wurden beide wie in solchen Fällen üblich aus dem Melderegister entfernt.

Eingesperrtes Kind in Attendorn: Italien-Lüge der Mutter kann nicht überprüft werden

Das Problem war und ist: Wenn jemand innerhalb Deutschlands umzieht, ist die Neuanmeldung in einem Einwohnermeldeamt für die alte Kommune auch die Abmeldung. Mit anderen Ländern gibt es diesen Austausch der Meldeämter nicht. Insofern konnte die Mutter schlicht und einfach angeben, sie ziehe mit ihrem Kind nach Italien, ohne dass eine Stadt wie Attendorn die Möglichkeit gehabt hätte, dies zu überprüfen, weil es dazu keinen Austausch mit anderen Ländern wie Italien gibt - zumal auch kein Verdacht bestand, dass hier etwas nicht mit richtigen Dingen laufen könnte.

Damit waren Mutter und Kind sozusagen außerhalb des Radars der deutschen Behörden. Sie gingen davon aus, dass sich Mutter und Tochter in Italien befinden. So hebelte die Mutter offenbar raffiniert die Pflichten auf Schule oder ärztliche Untersuchungen für ihre Tochter aus. Geregelt ist dagegen nur noch die Zuständigkeit des Jugendamts, die hier weiterhin beim Jugendamt des Kreises Olpe lag, weil es sich um eine Inobhutnahmen bei Gefährdungen handelt und hier eben auch die deutschen Behörden aktiv werden müssen.

Dass Mutter und Tochter weiterhin in Attendorn bei den Großeltern lebten, war niemandem bekannt und ist offenbar auch deshalb so lange nicht aufgeflogen, weil Briefe des Jugendamtes des Kreises Olpe nach Aussage des Kreises auch an der italienischen Adresse angekommen beziehungsweise zumindest nicht zurückgekommen seien. Trotzdem haben die beiden dort sehr wahrscheinlich nie gewohnt, sondern waren all die Zeit über versteckt in Attendorn - davon geht jedenfalls die Staatsanwaltschaft nach ihren Ermittlungen aus.

Aufgeflogen ist die Italien-Lüge letztlich offenbar vor allem durch einen Hinweis, über den der Kreis Olpe, welcher jüngst Stellung zum Fall in Attendorn bezog, jetzt Auskunft gab. Demnach soll es nach vereinzelten anonymen Hinweisen, die im Sande verliefen, letztlich einen sehr entscheidenden Tipp eines Ehepaars aus Lennestadt gegeben haben.

Eingesperrtes Kind in Attendorn (Kreis Olpe): Eheleute geben Hinweise

Die Eheleute gaben unter Nennung ihres Namens an, dass sie gehört hatten, dass in dem Haus in Attendorn etwas nicht stimmen könnte. Es war offenbar dieser eine, entscheidende Hinweis, der die Mühlen derart in Gang brachte, dass die Polizei unter anderem Kontakt mit Familienangehörigen mütterlicherseits in Süddeutschland aufnahm.

Diese Angehörigen wiederum gaben wie bereits berichtet an, dass Mutter und Tochter offenbar nie in Italien gelebt haben und die Mutter in Attendorn telefonisch erreichbar war. Ermittlungen der italienischen Behörden brachten letztlich das noch fehlende Puzzleteil, sodass Polizei und Jugendamt per familiengerichtlichem Beschluss am 23. September endlich ins Haus durften und dort tatsächlich auf Mutter und Kind trafen.

Was die Mutter dazu bewegt hat, das Kind über all die Jahre zu verstecken, bleibt weiterhin ein Rätsel. Eine Theorie ist, dass sie Angst gehabt haben könnte, ihr Kind an den leiblichen Vater zu verlieren oder es zumindest mit ihm teilen zu müssen. Denn aus den Gerichtsunterlagen, in die der SauerlandKurier Einblick bekommen konnte, geht hervor, dass die beiden unverheirateten, getrennt lebenden Eltern im Jahr 2015 ein Umgangsverfahren führten, sprich die Frage klären ließen, wer das Mädchen wann sehen dürfte. Mit Beschluss vom 3. Juni 2015 wurde dem Kindesvater die gemeinsame elterliche Sorge für das Kind übertragen, heißt es in den Unterlagen. Zu diesem Zeitpunkt war der Aufenthaltsort von Mutter und Kind bereits unklar.

Um weitere Anhaltspunkte für den Grund des mütterlichen Vorgehens zu klären, laufen derzeit die Zeugenbefragungen. Nicht nur der leibliche Vater, sondern auch Nachbarn werden derzeit angehört, um den Fall zu klären.

Zentrales Anliegen ist für die meisten im Moment aber, dass das Kind geschützt wird. Dem Mädchen, das nach Auskunft eines ersten Berichts einer Ergänzungspflegerin noch nie einen Wald gesehen oder auf eine Wiese betreten haben soll, geht es wohl den Umständen entsprechend gut. Die Deutsche Presseagentur zitierte dazu am Montagmittag eine Expertin des Kinderschutzbundes, die sagte: „Für das Kind steht jetzt die Welt Kopf. Es wird sich fühlen wie auf einem anderen Planeten.“ Wie bereits berichtet befindet sich das junge Mädchen seit dem 23. September in einer Pflegefamilie.

Auch Attendorns Bürgermeister Christian Pospischil äußerte sich auf Kurier-Nachfrage. „Es bedrückt mich zutiefst und macht mich sehr betroffen, dass ein Mädchen über so viele Jahre in einem Haus mitten in Attendorn ohne Kontakt zur Außenwelt eingesperrt werden konnte. Als Vater von drei Kindern kann ich nachempfinden, wie viele positive Lebenseindrücke und Erfahrungen ihr damit bisher verwehrt geblieben sind. Ich habe es jedoch mit Erleichterung aufgenommen, dass das Mädchen offensichtlich körperlich gesund befreit und in die Obhut einer Pflegefamilie gegeben werden konnte“, schreibt das Attendorner Stadtoberhaupt.

Weiter schreibt Pospischil: „Sicherlich ist zu hinterfragen, ob und wie es verhindert werden konnte, dass das Mädchen so lange Zeit im Haus der Großeltern eingesperrt bleiben konnte. Dennoch muss auch dankbar darauf hingewiesen werden, dass es letztendlich die Hinweise aufmerksamer Bürgerinnen und Bürger waren, die zur Befreiung des Mädchens geführt haben.“

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