Urteil gegen Mediziner

Chefarzt übersieht Fehler an Beatmungsgerät - Patientin nach Routine-OP hirntot

Ein Patient ist im Krankenhaus an ein Beatmungsgerät angeschlossen.
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Weil ein Chefarzt des Klinikums Arnsberg einen Fehler an einem Beatmungsgerät übersah, ist eine Patientin seit einer OP hirntot. (Symbolbild)

Durch einen Fehler an einem Beatmungsgerät ist eine junge Frau seit einer Routine-Operation im November 2018 hirntot. Die Umstände, die zu dieser Tragödie führten, hätten unglücklicher kaum sein können. Jetzt stand der Arzt, der den Fehler nicht bemerkte, vor Gericht.

Arnsberg (NRW) - Am Amtsgericht Arnsberg (NRW) ist am Mittwoch ein Chefarzt des Klinikums Hochsauerland wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Das Gericht hatte am ersten Hauptverhandlungstag, der auch gleich ein Urteil brachte, die besonderen Umstände des Verfahrens und den körperlichen Schaden für eine ehemalige Patientin berücksichtigt und strafrechtlich gewürdigt.

90 Tagessätze zu je 230 Euro und die Übernahme der Kosten des Verfahrens - das war das Strafmaß, das der Vorsitzende Richter Sebastian Booke nach einer rund eineinhalbstündigen Verhandlung ausgesprochen hatte. Dabei wurden vor allem die von Staatsanwalt Klaus Neulken und dem Anwalt der Verteidigung dargelegten Umstände in aller Tragik und ausführlich beschrieben. Dem Arzt, der im November 2018 als Anästhesist die Operation der Geschädigten Katharina G. im Klinkum Arnsberg mit betreut hatte, wurde bei der Verlesung der Anklageschrift eine Pflichtverletzung vorgeworfen. Der Arzt habe pflichtverletzend gehandelt, weil er vor allem den Check des Beatmungsgerätes nicht in erforderlichem Umfang durchgeführt habe. Dabei, so ergab die Verhandlung am Amtsgericht, hätten die Umstände nicht unglücklicher sein können.

Tragödie am Klinkum Arnsberg: Putzfrau stieß gegen Beatmungsgerät

Bei Reinigungsarbeiten im Operationssaal des Klinikums Arnsberg soll eine Putzfrau am Vorabend der Operation an das Beatmungsgerät gestoßen sein, worauf sich ein Schlauch gelöst hat. Den hatte die Frau wieder angesteckt und die zuständige OP-Schwester, die ebenfalls auf der Anklagebank saß, darüber informiert. Da diese am nächsten Tag, an dem die Operation von Katharina G. stattfand, aber keinen Dienst hatte, unterblieb nach Schilderungen des Staatsanwaltes die Information an den Anästhesisten. Somit kam durch den offensichtlich falsch angeschlossenen Schlauch zur Katastrophe: Während der OP soll die Patientin in der Folge für zehn Minuten ohne Sauerstoff geblieben sein und ist seitdem schwer hirngeschädigt.

Nach einem sogenannten Rechtsgespräch mit Staatsanwalt und Anwälten war das Verfahren gegen die Krankenschwester abgetrennt gegen die Zahlung einer Geldauflage von 1000 Euro an die Geschädigte eingestellt worden. In dem Verfahren gegen den Chefarzt wurden die genauen Umstände aber vor allem von dem Angeklagten selber umfassend beschrieben. Dabei drückte der Mediziner in seiner Einlassung mehrfach sein Bedauern über die Vorfälle aus und entschuldigte sich vor Gericht bei den Angehörigen der geschädigten Frau. „Ich bin tief betroffen durch das Ereignis“, sagte der Chefarzt mit hängendem Kopf. Auf das Problem mit der Beatmung habe er zu spät reagiert. Die Einlassung des Angeklagten auf die erhobenen Vorwürfe hätten sich auch auf das von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafmaß ausgewirkt, so Staatsanwalt Neulken in seinem Plädoyer. Die Staatsanwaltschaft hatte 110 Tagessätze á 210 Euro gefordert.

Chefarzt: „Vorfall wird mich mein ganzes Leben begleiten“

In seinem Plädoyer gab der Anwalt des Angeklagten zu erkennen, dass man die Beschleunigung des Verfahrens und den Urteilsspruch anerkennen wolle - nicht zuletzt, um den Angehörigen eine lange und belastende Verhandlung zu ersparen. Und weil es auch der Wunsch des angeklagten Mediziners sei. Sein Anwalt äußerte aber auch Zweifel an dem Vorwurf der Nachlässigkeit gegen seinen Mandanten. Beim Auftreten des Notfalls habe er zunächst die ihm bekannten gesundheitlichen Probleme der Patientin berücksichtigt und diese für das Problem mit dem Beatmungsgerät gehalten. An einen technischen Fehler habe er nicht gedacht. Durchaus hätte sein Mandant pflichtgemäß gehandelt, weil der die Anomalie der Patientin als wahrscheinlichstes Fehlerquelle für den Alarm des Beatmungsgerätes gesehen habe, sagte der Anwalt. Das individuelle Verschulden sei somit als verschwindend gering zu betrachten.

In seinem letzten Wort vor dem Urteil des Gerichts entschuldigte sich der angeklagte Chefarzt abermals, nicht zeitgerecht gehandelt zu haben. In 17-jähriger Berufserfahrung und bei mehr als 100.000 Einsätzen als Anästhesist habe er so etwas noch nie erlebt. Der Vorfall werde ihn sein ganzes weiteres Leben begleiten, so der Mediziner.

In der Urteilsbegründung machte der Vorsitzende Richter Booke klar, dass er keine Möglichkeit sehe, von einer Strafe für den Angeklagten abzusehen. Als zuständiger Arzt habe er die Verantwortung und auch die Konsequenzen zu tragen. Das bisherige tadellose Verhalten und den Lebenslauf des Angeklagten habe er bei der Urteilsfindung jedoch berücksichtigt. „Sie haben über Jahr gute Arbeit in ihrem Fach abgeliefert“, so der Richter. Innerhalb einer Woche könnten jetzt noch Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt werden, bevor das Urteil rechtskräftig werde.

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