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Fall Attendorn: „Warum war da so wahnsinnig wenig Zivilcourage?“

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Von: Sebastian Schulz

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Der Fall des mutmaßlich eingesperrten Mädchens in Attendorn ist im NRW-Landtag angekommen. Die Fragen sind: Was haben die Behörden falsch gemacht - aber vielleicht auch andere?

Attendorn/Düsseldorf - Dass das Jugendamt des Kreises Olpe im Fall des mutmaßlich über Jahre eingesperrten Mädchens in Attendorn Fehler gemacht hat, ist bereits bekannt. Der NRW-Familienausschuss versuchte dazu an diesem Donnerstag weitere Details in Erfahrung zu bringen - größtenteils vergeblich, denn Familienministerin Josefine Paul (Grüne) gab an, dass das Ministerium nun mal nicht die Ermittlungsbehörde sei und sie deshalb viele Fragen noch nicht beantworten könne.

Eine Frage, die zwar ebenfalls nicht zu beantworten ist, aber durchaus ihre Berechtigung hat, war die von Charlotte Quik (CDU): „Wieso war da so wahnsinnig wenig Zivilcourage?“, fragte sie im Zusammenhang mit dem Fall des eingesperrten Kindes in Attendorn. „Warum hat da keiner den Mut gehabt, zu sagen: ‚Da stimmt etwas nicht und ich rufe beim Jugendamt an und nenne meinen Namen‘?“

Kind in Attendorn jahrelang eingesperrt
Blick auf die Stadt Attendorn, in der ein Kind mutmaßlich über Jahre von seiner Mutter im Haus der Großeltern eingesperrt worden ist. © Markus Klümper/dpa

Mädchen in Attendorn jahrelang eingesperrt - warum hat niemand Mut gehabt?

Charlotte Quik spielte damit auf die Hinweise an, die schon vor zwei Jahren beim Jugendamt des Kreises Olpe eingingen - seinerzeit aber anonym und wie jetzt bekannt wurde mittels eines Briefes, der aus ausgeschnittenen Buchstaben bestanden haben soll. Es folgten danach weitere vereinzelte Hinweise - allerdings alle anonym.

Eileen Woestmann (Grüne) bestätigte, dass der Umgang mit solchen anonymen Hinweisen eben sehr schwierig sei. Man wisse nie: Liegt diesem Hinweis jetzt womöglich eine Familienfehde zugrunde oder ist es wirklich ein konkreter Hinweis? Mutmaßlich ist auch das ein Grund dafür gewesen, warum das Jugendamt des Kreises Olpe zu diesem Zeitpunkt entweder nicht weiterkam oder keinen ausreichenden Verdacht schöpfte, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Wenn es nicht möglich sei, Hinweise unter seinem echten Namen zu nennen, „sollten wir als Politik darüber reden gesamtgesellschaftlich einen Rahmen zu schaffen, sodass das möglich wird“, forderte Charlotte Quik im Familienausschuss.

Hätte Jugendamt im Fall des eingesperrten Mädchens in Attendorn schneller eingreifen können?

Dr. Dennis Maelzer (SPD) bohrte derweil nach, warum selbst nach dem offenbar entscheidenden Hinweis eines Ehepaars aus Lennestadt, das erstmalig in diesem mit der Nennung des Namens einen Tipp gab, noch knapp zwei Monate vergangen sind, ehe die Behörden das achtjährige Mädchen aus dem Haus in Attendorn befreit haben. „Hätte das Jugendamt mit einer gescheiten Dokumentation nicht deutlich früher eingreifen können und hätte die Polizei auf dieser Grundlage anders gehandelt“, fragte er und spielte dabei auf die Ausführungen des Jugendamtes an, dass Fehler „in der Dokumentationspflicht“ eingeräumt hatte. Dieses „Fehler in der Dokumentationspflicht“ klinge lapidar, befand Dr. Maelzer, „aber es könnte in diesem Fall eine größere Rolle gespielt haben.“

Alle Beteiligten im Familienausschuss umtrieb darüber hinaus die Frage, welche Lehren man aus dem Fall Attendorn ziehen kann - und wie so etwas in Zukunft verhindert werden kann. Sechs Stellenneubesetzungen sind für das Jugendamt in Olpe geplant. Ob diese besetzt werden können? Unklar. Um Menschen für diesen Job zu gewinnen, benötige es gute Qualifizierungen, gute Fortbildungen und eine gute Rahmengesetzgebung, sagte Familienministerin Paul. Auch das Ansehen dieser Berufe müsse verbessert werden.

In seiner nächsten Sitzung am 15. Dezember will sich der Familienausschuss NRW erneut mit dem Fall aus Attendorn befassen - dann hoffentlich mit weiteren Erkenntnissen zu den Ermittlungen. Der Rechtsausschuss am Mittwoch und der Innenausschuss am Donnerstag hatten das Thema zwar auch auf der Tagesordnung, doch sprachen auf Grundlage eines vertraulichen Berichts nicht im öffentlichen über diese Angelegenheit.

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