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Obszöne Avancen: Freispruch für Pfarrer-Stalkerin (79) - Diagnose Liebeswahn

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Von: Claudia Metten

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Gericht Stalking
Mit gesenktem Blick und mit Schal und Hut verhüllt nahm die 79-Jährige im Landgericht Platz. Nach zahlreichen Gerichtsverhandlungen wurde sie nun freigesprochen. © Claudia Metten

Aufreizende Tänze im Vorgarten, zweideutige Geschenke und die Leidensgeschichte eines Pfarrers: Eine inzwischen 79-Jährige belästigt den Mann seit 20 Jahren. Jetzt wurde sie freigesprochen.

Arnsberg/Freienohl - Nackttänze vor dem Pfarrhaus und obszöne Avancen: Das Arnsberger Landgericht hat sich am Mittwoch, 16. Februar, mit dem Fall einer 79-Jährigen, die jahrelang einem katholischen Pfarrer im Sauerland nachgestellt haben soll, beschäftigt.

2019 war sie vom Amtsgericht Meschede wegen Stalkings zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. So soll sich die Seniorin dem Pfarrer wiederholt nackt gezeigt und ihn mit vulgären Gesten belästigt haben. Außerdem soll sie seinen Garten mit Phallussymbolen wie Möhren mit angebundenen Ballons dekoriert haben. Alle Beteiligten hatten Berufung eingelegt. Zu klären war, etwa die auch in vorangegangenen Prozessen immer wieder strittige Frage, ob die Frau schuldfähig ist.

Stalkerin (79) verfolgt Pfarrer: „Verhalten nicht steuerungsfähig“

Die Verhandlung im Landgericht Arnsberg fand unter großem Medieninteresse statt. Das Ergebnis: Die 79-Jährige Angeklagte wurde freigesprochen, da ihr Verhalten von ihr nicht steuerungsfähig sei. Der forensische Forscher Prof. Dr. med. Norbert Leygraf erläuterte in seinem Gutachten, dass bei der Angeklagten eine wahnhafte Störung vorliege. Im Zeitraum von acht bis achtzehn Jahren sei sie von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. Das erste Mal habe sie am Sterbebett ihres Vaters mit 58 Jahren über den Missbrauch gesprochen. Nach dem Öffnen habe sie 2001 wahnhafte Störungen entwickelt.

Man erkrankt nicht mit 60 Jahren plötzlich an einer Persönlichkeitsstörung. Das zieht sich durch das ganze Leben hindurch.

Prof. Dr. med. Norbert Leygraf

„Die Angeklagte erlebt die Liebe zum Pfarrer seit Anfang 2000. Das exzentrische Verhalten hat sich in der Psychiatrie und Untersuchungshaft fortgesetzt. Bis zu Beginn ihrer subjektiven Beziehung hat sie keine abnormen Störungen gezeigt. Sie war bindungsfähig und berufstätig“, so der Psychiater. „Man erkrankt nicht mit 60 Jahren plötzlich an einer Persönlichkeitsstörung. Das zieht sich durch das ganze Leben hindurch.“ Leygraf attestierte der Angeklagten nach ausführlichen Untersuchungen eine hirnorganische Störung, durch die affektive Funktionen wie Impulskontrolle beeinträchtigt seien. Es bestehe kein Zweifel an einer wahnhaften Störung, die vom Neurologen als Liebeswahn betitelt wurde. 

Die Frau hatte Pfarrer Michael Hammerschmidt 2000 im kleinen Ort Meschede-Freienohl kennengelernt und sich nach Darstellung der Amtsrichterin in der Urteilsbegründung von 2019 derart in eine angebliche Liebesbeziehung hineingesteigert, dass sie ihm seither massiv nachstellte. In mehreren Gerichtsverfahren hatte der Pfarrer bereits versucht, seine Stalkerin zu stoppen. Er macht gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Schlafstörungen und Bluthochdruck durch den Liebesterror geltend.

Stalkerin (79) verfolgt Pfarrer seit 20 Jahren - Freispruch

Der 67-jährige katholische Geistliche schilderte im Zeugenstand die unhaltbare Situation. Bis heute lauere die Frau ihm regelmäßig auf. Der jahrelange Terror beeinträchtige seine Lebensqualität erheblich.  „Sie weiß genau was sie tut. Vor meinem Haus reibt sie sich, schaut dabei nach rechts und links, ob jemand kommt“, so der Geistliche. „Seit über 20 Jahren ist meine Freiheit beendet, die Frau macht mich krank. Sie nimmt mir meine Lebensfreude und Lebenskraft.“

Seit über 20 Jahren ist meine Freiheit beendet, die Frau macht mich krank. Sie nimmt mir meine Lebensfreude und Lebenskraft.

Pfarrer Michael Hammerschmidt

Es sei deprimierend, dass der Tatbestand des Exhibitionismus nur bei Männern gelte. Seit über 20 Jahren müsse er die täglichen Aktionen aushalten; nur sein strukturierter Tagesablauf, seine Familie, Freunde, die Pfarrgemeinde sowie die psychologische Betreuung helfe ihm das Leid zu ertragen. Klar sagte der Pastor weiter: „Weggehen ist keine Option. Die Intensität der Aktionen lässt aufgrund des Alters langsam nach.“ Auf das Urteil reagierte er mit Wut und Emotionen: „Psychiater Leygraf hat sich von der Frau veräppeln lassen.“

Bernd Hammerschmidt bestätigte, dass sein Bruder seit Jahren dieser Belastung ausgesetzt sei. Früher habe er immer als heiterer Bruder in der Familie gegolten. „Er hat sich verändert, seine Lebensfreude ist verloren gegangen. Durch die permanenten Belästigungen hat Michael erhebliche psychische Folgen davongetragen.“

Die Kammer bedauere die Situation des Pfarrers außerordentlich. Der Tatbestand der Nachstellung sei erfüllt, betonte der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung. „Doch wer nicht selbstverantwortlich handelt, kann dafür nicht bestraft werden.“ Die hohen Hürden für eine Unterbringung in der Psychiatrie seien jedoch nicht erfüllt - auch weil sich ihr Wahn ausschließlich auf den Pfarrer beziehe.  Der Freispruch ist noch nicht rechtskräftig. - Mit Material von dpa

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