Polizeipanne im Camper-Fall: Viele üble Scherze beim Notruf

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In der Bonner Siegaue war Anfang April eine junge Camperin vergewaltigt worden. Wegen einer unangemessenen Reaktion zweiter Beamter auf den Notruf in diesem Fall will die Polizei personelle Konsequenzen ziehen.

Köln - Polizeibeamte schätzen den Notruf im Fall der bei Bonn vergewaltigten Camperin falsch ein und reagieren unangemessen. Die Polizei zieht Konsequenzen. Doch Mitarbeiter bei den Notrufnummern stehen oft vor der Frage, wie ernst sie einen Anruf nehmen müssen.

Es ist der Notruf eines verzweifelten Mannes: Seine Freundin sei beim Campen in der Siegaue bei Bonn überwältigt worden und werde nun vergewaltigt. Der Täter habe eine Machete. Die Polizisten, die den Notruf am 2. April entgegennehmen, glauben Medienberichten zufolge an einen schlechten Scherz, auch wenn sie schließlich eine Streife in Marsch setzen.

Im Detail bestätigt die Polizei das nicht, spricht lediglich von einem "nicht angemessenen" Verhalten der Beamten - und kündigt am Mittwoch personelle Konsequenzen an. Dabei ist die Frage, wie ernst man einen Anrufer beim Notruf nehmen muss, für Leiststellenmitarbeiter oft gar nicht leicht zu beantworten. 

Die Vergewaltigung in Bonn hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt. Die Polizistin und ein Kollege bekommen nun neue Aufgaben zugewiesen, wie ein Sprecher der Bonner Polizei bestätigt. "Die Art der Gesprächsführung war nicht in Ordnung, da darf man auch nichts beschönigen", sagt Polizeisprecher Robert Scholten. Das sei ein schwerwiegender Fehler gewesen. 

Dabei ist es für die Beamten Alltag, bei einem Notruf abzuwägen, ob es sich um einen wirklichen Notfall handelt - oder sich jemand einen üblen Scherz erlaubt. Jörg Mihm hat zehn Jahre lang in der Leitstelle der Feuerwehr Düsseldorf gearbeitet und kennt das Phänomen Scherz-Notruf: "Meistens wird man beschimpft, Anrufer arbeiten dann gerne mal den kompletten Wortschatz der Fäkalsprache ab." Mutwillige Falschmeldungen seien seltener, würden aber konsequent nachverfolgt. "Droht jemand beispielsweise als Scherz damit, eine Bombe hochgehen zu lassen, leiten wir die Sprachaufnahme des Notrufs an die Kriminalpolizei weiter", erklärt Mihm. 

Auch andere Notrufleitstellen sind mit dem Problem konfrontiert, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei größeren Leitstellen in Nordrhein-Westfalen ergeben hat. Bei der Polizei Bochum wurden 2016 83 Strafanzeigen wegen des Missbrauchs von Notrufen erstattet. Rund 70 Prozent der Missbrauchsfälle konnten aufgeklärt werden. Bei der Feuerwehr Köln gingen 2016 elf solcher böswilligen Alarmierungen ein, wie ein Feuerwehrsprecher sagt. 

Die 110 oder 112 wird demnach häufig auch von verwirrten Personen gewählt. "Anrufer fragen nach der Uhrzeit oder melden Geister", sagt Polizeisprecher Scholten. "Auch wir kennen diverse Beispiele solcher Anrufe", heißt es aus Gelsenkirchen. "Leute beschweren sich, dass ein korrekt geparktes Auto ihnen die Sicht auf die Straße versperrt oder der Pfandautomat im Supermarkt ihre Flaschen nicht annimmt. Einige teilen uns auch mit, dass sie jetzt schlafen gehen oder das Fernsehprogramm doof finden."

Eine Statistik über die Häufigkeit von Scherz- oder Fake-Anrufen gibt es nicht. Das NRW-Innenministerium erklärt aber: "Der überwiegende Teil der Anrufer von Notrufnummern hat wirklich ein dringendes Anliegen." Das bestätigen auch die angefragten Leitstellen von Polizeibehörden und Feuerwehren. Grundsätzlich, so Arnold Plickert, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in NRW (GdP), müsse man an die Bürger trotzdem das Signal senden, "lieber einmal zu viel den Notruf wählen, als einmal zu wenig."

Quelle: wa.de

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