Prozess gegen Umarex-Mitarbeiter und Abnehmer

Waffenteile aus Fabrik im Sauerland gestohlen: Pistolen für 250 Euro verkauft

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Der 47-Jährige Hauptangeklagte wurde von Justizbeamten in einem Gefangenentransporter ins Landgericht Arnsberg gebracht.

Im Frühjahr schließt die Polizei ein schon länger vermutetes Leck bei einer Waffenfirma im Sauerland. Ein Mitarbeiter soll jahrelang Pistolenteile herausgeschmuggelt, zusammengebaut und verkauft haben. Nun steht er vor Gericht - mit ihm einige mutmaßliche Abnehmer.

Arnsberg - Der mutmaßliche Dieb hatte zunächst keine Probleme, Einzelteile für Pistolen vom Fabrikgelände zu bringen. Als sein Arbeitgeber, der Sportwaffenhersteller Umarex in Arnsberg im Sauerland, schließlich die Sicherheitsvorkehrungen verstärkte, musste er erfinderischer werden: Unter anderem in einer Thermoskanne und einer Geldbörse soll der langjährige und bis dahin unbescholtene Mitarbeiter Pistolenläufe, Griffstücke und andere Bauteile für halbautomatische Waffen der Marke Walther durch die Kontrollen geschmuggelt haben. 

Das geht aus der Anklageschrift hervor, die Staatsanwalt Thomas Schmelzer am Donnerstag vor dem Landgericht Arnsberg verlas. Auch soll der Arbeiter die gestohlenen Teile unter Waren versteckt haben, die er für Heimarbeitstätigkeiten mit nach Hause nehmen durfte. Insgesamt soll der 47-Jährige demnach seit 2015 Bauteile für mindestens 70 Pistolen, überwiegend vom Typ Walther P22, vom Gelände geschleust und zuhause zu funktionsfähigen Waffen zusammengebaut haben. 

"Wissen nicht genau, wie viele Waffen und wo sie gelandet sind"

Er verkaufte sie laut Anklage weiter an einen mitangeklagten Bekannten aus Menden - wissend, dass der 27-Jährige die Pistolen an kriminelle Kreise weiterleiten würde, wie der Staatsanwalt betonte. "Am Ende des Tages wissen wir nicht genau, wie viele Waffen es genau waren und wo sie überall gelandet sind", sagte Schmelzer am Rande der Verhandlung. 

Er geht in seiner Anklageschrift davon aus, dass Dutzende Waffen seit Herbst 2016 auf einem Gaststättenparkplatz an den Zwischenhändler gingen - für 250 bis 300 Euro für eine halbautomatische Walther P22. Für dreimal soviel wanderten die Waffen vom Zwischenhändler in dunkle Kanäle weiter, die die Ermittler zum Teil rekonstruieren konnten. Vier weitere Abnehmer sitzen daher mit auf der Anklagebank. 

Wie Staatsanwalt Schmelzer über die akribische Puzzlearbeit der Ermittler berichtete, hatten Polizisten immer wieder nicht registrierte und gekennzeichnete schussfähige Pistolen einkassiert. Weil der immer gleiche Pistolentyp Walther P22 im Sauerland gefertigt wird, deutete alles auf eine undichte Stelle bei Umarex hin. Zug um Zug wurden - in enger Zusammenarbeit mit dem Unternehmen, wie betont wird - die Kontrollen verschärft. 

Mehrere Angeklagte wollen wohl aussagen

Schließlich konnte der nun Angeklagte im Frühjahr dabei erwischt werden, wie er gerade einen Pistolenlauf durch die Sicherheitsschleuse bringen wollte. Er packte bei seinen Vernehmungen aus. Die Polizei verfolgte die Spur der Pistolen so gut es ging. 

Sie sollen unter anderem bei drei versuchten Tötungsdelikten im kriminellen Rockermilieu von Hagen verwendet worden sein. Ein Mitangeklagter steht der Rockergruppierung "Bandidos" nahe. Mit auf der Anklagebank sitzt auch ein 27-jähriger Hagener, bei dem die Polizei mehrere Kilo Haschisch, Drogendealer-Zubehör und griffbereite Waffen sicherstellte. Der Mitangeklagte soll in Unna eine eigene Waffenwerkstatt betrieben und von dort mit Pistolen und Maschinengewehren aller Art gehandelt haben soll. 

Am ersten Prozesstag deutete sich an, dass mehrere Angeklagte aussagen wollen: Die Prozessbeteiligten zogen sich nach der Anklageverlesung hinter verschlossene Türen zurück. In einem sogenannten Rechtsgespräch wollten sie ausloten, ob man sich im Gegenzug für umfassende Geständnisse auf ein absehbares Strafmaß verständigen kann. Zu welchem Ergebnis die Beteiligten kamen, sollte später bekanntgegeben werden. Weil es einem der Mitangeklagten nicht gut ging, wurde die Fortsetzung der Verhandlung vertagt. Bislang sind sieben weitere Prozesstermine vorgesehen. - dpa

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Quelle: wa.de

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