Perspektivwechsel

Schulen in NRW - unerwarteter Vorschlag: Sitzenbleiben für alle

Die Schließung der Schulen und Homeschooling bringen Familien in NRW an den Rand des Zusammenbruchs. Der Familienverband macht nun einen unerwarteten Vorschlag. 

NRW - Viele Familien gehen auf dem Zahnfleisch - und nachdem Bund und Länder bei ihrem Corona-Gipfel am Dienstag, 19. Januar, eine Lockdown-Verlängerung beschlossen haben, stimmen die Aussichten viele nicht gerade optimistisch. Bis zum 14. Februar soll es an den Schulen in NRW keinen Präsenzunterricht geben - die Auswirkungen auf das Schulleben sind groß. (News zum Coronavirus)

Bundesland\t \t \tNordrhein-Westfalen (NRW)
Einwohner17,9 Millionen
Schul- und BildungsministerinYvonne Gebauer (FDP)

Schulen in NRW im Lockdown: Familienverband mit ungewöhnlichem Vorschlag - „Alle sitzenbleiben“

Das bedeutet, dass Homeschooling noch über Wochen weitergehen und Kindern, Eltern und Lehrern alles abverlangen wird. Petra Windeck, NRW-Landesvorsitzende des Deutschen Familienverbandes, bringt zum Thema Schließung der Schulen einen Vorschlag ins Spiel: „Was ist, wenn wir alle sitzenbleiben?“

Homeoffice, Haushalt und Homeschooling - Eltern müssen derzeit gefühlt alles unter einen Hut bringen. Kinder leiden nicht nur unter dem Entzug ihrer üblichen sozialen Kontakte mit Freunden und Klassenkameraden. Eine besondere Belastung im Zusammenhang mit der Schließung der Schulen ist vor allem, dass sie dem Lehrplan gerecht werden und sich die Inhalte zu Hause aneignen müssen - unterstützt durch Videokonferenzen mit Lehrern und Mitschülern. Oftmals hapert es schon an der digitalen Ausstattung - die Hardware ist schlicht nicht vorhanden, die Internetverbindung hakt. Das alles kann so nicht weitergehen, findet Petra Windeck vom NRW-Landesverband des Deutschen Familienverbandes.

Schließung der Schulen im Lockdown: Sitzenbleiben aller Schüler als Lösung?

„Es herrscht ein enormer Druck, den Familien kaum noch aushalten“, fasst sie die Situation im Gespräch mit wa.de zusammen. „Natürlich sind die Corona-Maßnahmen nötig, das sieht jeder ein. Aber sie dürfen nicht weiter auf dem Rücken von Kindern und Eltern ausgetragen werden“, meint Windeck.

Die Lücken bei den Schülern seien inzwischen groß, die Benachteiligung vieler Kinder so enorm, dass sie sich bis ins spätere Berufsleben auswirken könnten, sagt die Expertin. Damit teile sie die Ansichten vieler Bildungsverbände. Über allem steht die Frage: Was kann man tun, um die Situation, die aus der Schließung der Schulen resultiert, für Schüler, Eltern und Lehrer zu entzerren?

„Es gibt ja schon die Forderung, dass niemand sitzenbleiben soll. Unsere Idee ist aber: Was ist, wenn wir alle sitzenbleiben?“, sagt Windeck. Das würde bedeuten, dass im Schuljahr 2021/2022 alle Schüler weiterhin in derselben Jahrgangsstufe blieben, in der sie derzeit sind. Auswirkungen hätte das auf die Kitas. Dort müssten zahlreiche weitere Plätze geschaffen werden, da die ältesten Kita-Kinder nicht eingeschult würden, aber natürlich jüngere zusätzlich in die Kitas kämen. Sie sei sich bewusst, dass zu diesem Vorschlag sicherlich Gegenwind komme - etwa von Familien, deren Kinder trotz Schließung der Schulen gut vorankämen.

Schließung der Schulen im Lockdown: Sitzenbleiben aller Schüler als faire Lösung?

„Aber warum richten wir uns nicht endlich mal nach den Schwächeren der Gesellschaft und verhindern Benachteiligungen?“, verteidigt Windeck den Vorschlag. Gleichzeitig würde die Umsetzung dieser Idee nicht bedeuten, dass einfach der Pausenknopf gedrückt werden soll. „Wir könnten die Zeit jetzt nutzen, um die Lücken bei den Schülern zu füllen“, findet Windeck. Aber eben ohne den enormen Druck, alle Inhalte trotz Schließung der Schulen durchzuboxen. Die Methoden könnten andere sein: Filme und Bücher besprechen, Lernspiele spielen, sich intensiv austauschen.

Ausruhen darf man sich aber laut Windeck auch an anderer Stelle nicht: „Wir brauchen jetzt einen Masterplan für die Seele, Perspektiven.“ Damit spricht sie die Zeit an, in der der Präsenzunterricht vorsichtig wieder anlaufen wird. „Wir brauchen hybride Modelle, Wechselunterricht. Doppelt so viele Schulbusse, damit die Kinder nicht eng an eng darin zur Schule fahren müssen.“ Man müsse die Zeit der Schließung jetzt nutzen, um Pläne zu entwickeln und Personal einzuteilen. Das sei nicht nur organisatorisch wichtig, sondern auch psychologisch. „Zu wissen, wie es weitergehen kann, würde Familien enorm guttun“, meint Windeck.

Schließung der Schulen im Lockdown: Sitzenbleiben für GEW keine Option

Sitzenbleiben im Coronajahr ist für andere hingegen ein rotes Tuch. Kein Schüler darf sitzenbleiben, forderte kürzlich etwa Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Vielmehr müssten Lehrpläne reduziert und Abschlüsse im Zweifel auch ohne Prüfungen anerkannt werden. Arbeitsergebnisse der Schüler könnten zur Bewertung herangezogen werden. Es müsse für alle Schüler einen „Nachteilsausgleich“ geben. Eine Verlängerung des Schuljahres ist dabei für die GEW keine Option. Dafür fehle das Personal.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sprach sich hingegen für ein freiwilliges Zusatzjahr aus. Seiner Meinung nach dürften keine Schüler mitgezogen werden, die während der Schließung der Schulen den Anschluss längst verpasst hätten. Auch ein Abitur ohne Prüfungen hält Meidinger für keinen guten Ansatz. Er warnte vor einem „verhängnisvollen Corona-Stempel“.

Ende Januar gibt es an Schulen in NRW Zeugnisse. Aber wie, wenn die Schulen wegen des Corona-Lockdowns geschlossen sind? Es gibt Ideen, wie die Zeugnis-Vergabe ablaufen könnte.

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa/picture alliance

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