Upskirting und Downskirting als unheimliches Phänomen

Spanner im Bahnhofsklo: Schamlos-Fall aus Hamm macht fassungslos

Die Lücke zwischen WC-Kabinen kann Frauen zum Verhängnis werden - hier filmt ein Mann mit Handy.
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Die Lücke zwischen WC-Kabinen kann Frauen zum Verhängnis werden. So war es auch bei dem Fall im Hammer Bahnhof. (Szene nachgestellt)

Den 1. August 2020 wird Melanie D. nicht so schnell vergessen. Im Toilettenbereich des Hammer Bahnhofs fuhren ihr früh morgens Schock und Scham zugleich in die Knochen: Denn in ihrer Einzelkabine war sie nicht wirklich allein.  

Hamm – An besagtem Sommer-Samstag wollte die Hammerin mit ihrem Mann früh mit dem ICE nach Hamburg fahren. Weil sie Zugtoiletten scheut, zog es sie vorher noch in die kostenpflichtige WC-Anlage von „Rail & Fresh“ neben dem Buch- und Zeitschriftenshop. Die Damenklos befinden sich im hinteren Bereich – Männer kommen dort also nicht zufällig vorbei. „Schon beim Reingehen habe ich gedacht, dass es nicht richtig ist, dass die Damen im hinteren Bereich sind und die Herren im vorderen“, erinnert sich Melanie D. (Name geändert, aber der Redaktion bekannt).

Beim Herunterlassen der Hose in ihrer Kabine fiel der 53-Jährigen ein Geldstück auf dem Boden – ein erster Glücksfall, wenn man so will: Denn als sie die Münze aufheben wollte, fiel ihr Blick auf eine unter der Trennwand ausgestreckte Männerhand mit einem Smartphone, mit dem ganz offensichtlich fotografiert oder gefilmt wurde. Nach einem entsetzten Schrei verschwand die Hand, die Hammerin verließ das WC und erzählte ihrem im Bahnhofstunnel wartenden Mann von dem Vorfall.

Dass dieser dabei war, erwies sich als zweiter „Glücksfall“. Nach wenigen Minuten kam ein Mann aus der Anlage, den D.s Ehemann geistesgegenwärtig fotografierte. Denn der Mann aus dem Klo war tatsächlich der einzige, der dieses während der Wartezeit betreten oder verlassen hatte. „Außerdem kam er eindeutig aus dem hinteren Bereich der Damentoiletten und öffnete beim Herausgehen dort jede einzelne Tür!“, erinnern sich die beiden Hammer.

Spanner auf Hammer Bahnhofsklo: Bundespolizei fahndet mit Foto

Den Schreck noch in den Gliedern eilte das Paar zum Gleis, um den zeitnah erwarteten Zug zu erwischen. Nach ein paar Tagen des Sortierens – aber völlig unsicher, ob das überhaupt etwas bringen würde - zeigten die D.s den Fall am 4. August bei der Bundespolizei an.

Fast drei Monate vergingen ohne Rückmeldung. In ihrer Not – aber auch um anderen möglichen Opfern die Sinne zu schärfen - wandten sich die beiden an den WA und die Redaktion wiederum ihrerseits an die Bundespolizei. „Wenn so etwas zum Beispiel einem jungen Mädchen passiert, kann das ja auch noch andere Folgen haben!“, schüttelt Melanie D. den Kopf.

Und siehe da: Wie ein Bundespolizei-Sprecher verkündete, sollen die damals gemachten Fotos in wenigen Tagen für eine Öffentlichkeitsfahndung freigegeben und veröffentlicht werden.

Spanner auf Hammer Bahnhofsklo: Straftatbestand durch neues Gesetz

Ob eine solche Fahndung etwas bringt? Und wenn ja: Hat der Mann dann mit Konsequenzen zu rechnen? Ist es unter Umständen sogar ein Wiederholungstäter? All das lässt sich jetzt natürlich noch nicht beantworten, aber immerhin ist jetzt ja Hoffnung gestreut.

Sogar eine Hoffnung, die bald endlich auch als „Straftatbestand“ unterfüttert wird: Bundestag und Bundesrat haben unlängst nämlich ein Gesetz auf den Weg gebracht, das für nachgewiesene „Upskirting“- oder „Downblousing“-Fälle sowie die Verbreitung so entstandener Fotos im Netz eine Geldstrafe oder sogar eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren vorsieht. Das Fotografieren unter das Kleid oder in den Ausschnitt einer Frau galt nämlich bislang nur als „Ordnungswidrigkeit“. Unklar ist zwar, ob das neue Gesetz schon im vorliegenden Fall greift (so denn der Täter überhaupt gefasst wird) – denn es kann nach WA-Informationen erst am 1. Januar in Kraft treten. Unabhängig davon, findet das Ehepaar, sei es aber wichtig, über Medienartikel wie diesem bei Frauen das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass solche Dinge passieren können, und ihnen Mittel an die Hand zu geben, darauf „möglichst souverän zu reagieren“.

Öffentliche Toiletten werden nicht nur bei Blasendruck aufgesucht, sondern manchmal auch von Spannern. (Symbolbild)

Spanner auf Hammer Bahnhofsklo: Fotos oft online verbreitet (Stichwort)

Upskirting oder Downblousing bezeichnet heimliche Aufnahmen unter den Rock oder in den Ausschnitt, etwa auf öffentlichen Toiletten, in Umkleidekabinen und in Duschen. Betroffen sind Mädchen und Frauen aller Altersklassen. Die Spanner filmen oder fotografieren dabei oft mit einem Smartphone, ohne dass Betroffene es merken. Oft werden die Aufnahmen über soziale Medien verbreitet. Über Netzwerke werden sie nicht selten auch auf Online-Pornoseiten verbreitet, getauscht und auch verkauft.

Die Tat selbst, die ja schamlos in den höchstpersönlichen Lebensbereich einer anderen Person eingreift, sowie die Verbreitung der Aufnahmen verletzen sowohl die Persönlichkeitsrechte als auch die sexuelle Selbstbestimmung von Betroffenen. Diesen rät das Bundesministerium für Frauen und Familien auf seiner Homepage: „Ein erster Schritt kann es sein, sich anderen anzuvertrauen. Beratungsstellen können Betroffene dabei unterstützen, weitere Schritte gegen diese Form digitaler Gewalt einzuleiten. Sind die heimlichen Aufnahmen auf Online-Plattformen zu sehen, ist es möglich, die Bilder oder Videos zu melden. Ist klar, wer die Aufnahmen veröffentlicht hat, können Betroffene ihr Recht geltend machen und die Tatperson auffordern, die Bilder von der Plattform sowie von sämtlichen Datenträgern zu löschen. Screenshots sollten als Beweise gesichert werden – auch für den Fall, dass Betroffene Anzeige bei der Polizei erstatten wollen.“

Spanner auf Hammer Bahnhofsklo: Anzeigen bei der Polizei (nachgefragt)

Interessanterweise werden Anzeigen dieser Art bei der Polizei nur selten registriert, wie Nachfragen der Redaktion ergaben:

  • Der Bundespolizei in Münster, neben dem dortigen Bahnhof zum Beispiel auch für den in Hamm zuständig, wurde im laufenden Jahr in ihrem Zuständigkeitsbereich nur der hier beschriebene Fall angezeigt. Es kommen jedoch auch sexuelle Belästigungen anderer Art vor, wie zum Beispiel der Fall einer 25-Jährigen zeigt, die im September 2020 im Hammer Bahnhof von Männern aus einer Gruppe heraus angegrapscht wurde. Auch sie ging damit an die Öffentlichkeit. Aus dem Lippstädter Bahnhof wurde im April 2019 dank eines Zeugen ein Upskirting-Fall publik, bei dem aber weder die Geschädigte noch der Beschuldigte ermittelt werden konnten.
  • Die Bundespolizei in Dortmund (zuständig für die Bahnhöfe und Haltepunkte im Ruhrgebiet und Teilen des Sauerland) verzeichnete im laufenden Jahr ebenfalls nur eine Anzeige in Sachen Upskirting/Downblousing.
  • Im Trüben fischt auch das Polizeipräsidium Hamm: Kein einziger solcher Vorgang wurde in der Stadt 2020 und 2019 angezeigt. Der jüngste bekannte Fall geschah 2016 in einem Heessener Drogeriemarkt, erinnert sich Polizeisprecher Hendrik Heine. Immerhin: Der Täter sei damals ermittelt worden.

Frauen, die in solche Situationen gebracht werden, sind allerdings in der Regel allein und zusätzlich voller Scham. Daher steht den Anzeigen sehr wahrscheinlich eine nennenswerte Dunkelziffer gegenüber (wenn der Vorgang überhaupt bemerkt wird!). Irgendwo müssen die vielen Fotos auf den einschlägigen Seiten ja herkommen.

Spanner auf Hammer Bahnhofsklo: Nicht nur Einzelfälle (Link-Auswahl)

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