Erinnerungen helfen Familien beim Trauern / Drei Fotografen aus NRW erzählen

Sternenkinder: Wenn die ersten Babyfotos auch die letzten sind

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Hamm - Die Schwangerschaft ist wohl eine der glücklichsten Zeiten im Leben von Eltern. Für manche Familien wird sie leider auch zur schwersten Zeit. Denn nicht immer schaffen die Kinder den Sprung auf die Welt. Der Verein „Dein Sternenkind“ hilft Familien dabei, die Erinnerung aufrecht zu halten. Rund 550 ehrenamtliche Fotografen sind deutschlandweit im Einsatz, um den ersten und letzten Moment dieser Babys festzuhalten. Wir haben deren drei aus Dortmund, Rheda-Wiedenbrück und Nachrodt-Wiblingwerde getroffen.

Von Svenja Jesse und Carolin Scholz

Wenn der Alarm auf Paula Janka Meisels Handy geht, dann bedeutet das, dass zwei Menschen irgendwo in der Nähe gerade einen der schlimmsten Momente ihres Lebens durchmachen. Dann ist ein Kind – ihr Kind – gestorben. 

Paula Janka Meisel packt ihre Tasche, nimmt die Foto-Ausrüstung mit, vielleicht noch eine hübsche Decke oder einen Strampler, und macht sich auf den Weg ins Krankenhaus. Die Fotografin aus Dortmund macht ehrenamtlich Aufnahmen von Sternenkindern. Das sind Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind.

Fotografin Paula Janka Meisel

Jedes Elternpaar geht anders mit der Situation um, weiß Paula Janka Meisel. Die einen fürchten sich, das tote Kind anzusehen. Die anderen wollen es gar nicht aus der Hand geben. Die Fotografin versucht darauf zu reagieren. Die Wünsche und Gefühle der Mütter und der Väter stehen im Vordergrund. Wenn die Eltern einverstanden sind, berührt sie das kleine Wesen. Legt es vielleicht auf eine Decke. Bringt es in eine schöne Position.

Die Augen geschlossen. Fast schlafend.

Dann wird fotografiert. Detailaufnahmen der Händchen und Füßchen, das Kind auf der Decke liegend, die Augen geschlossen. Fast schlafend.

Julian. In seine Decke gewickelt, liegt er auf der Brust seiner Mutter, die ihn ansieht und schützend ihre Hand um ihn legt. Winzig die Ärmchen und Beinchen. Julians Mutter Karolina Gorke war froh, als Paula Janka Meisel zu ihr ins Krankenhaus kam. Auch wenn der Tag ansonsten ganz furchtbar war.

Die Veröffentlichung geschieht mit Einverständnis der Eltern.

In der 22. Schwangerschaftswoche hatte die 25-Jährige plötzlich Schmerzen. Der Arzt beruhigte sie zunächst noch. Doch im Laufe des Tages bekam sie starke Blutungen. Im Krankenhaus musste dann ein Notkaiserschnitt vorgenommen werden. Julian überlebte nicht.

Anfangs noch Angst, das Kind anzusehen

„Es war ein riesiger Schock. Wir haben damit überhaupt nicht gerechnet“, sagt die Mutter – und lobt die Fotografin. „Paula war sehr einfühlsam und sehr offen. Das hat in der Situation geholfen.“ Anfangs hatte Karolina Gorke noch Angst, ihr Kind anzusehen. Dann traute sie sich doch – und ist froh darüber.

Die Veröffentlichung geschieht mit Einverständnis der Eltern.

So etwas stellt auch Jan Salzmann immer wieder fest. Er arbeitet für die Initiative Regenbogen. Sie bietet Eltern, die ein Kind verloren haben, Hilfe an – durch Informationen und Trauerberatung. 

„Früher hat man Stillgeborene den Eltern oft nicht gezeigt und keine Erinnerungen geschaffen. Das hat sich gewandelt“, sagt er. Heute sei es weit verbreitet, für diese Kinder eine Geburtsurkunde auszufüllen, Fußabdrücke zu nehmen und eben auch Fotos zu machen. Denn das sei wichtig für den Trauerprozess. „Der Verlust wird greifbarer. Die Eltern lernen so eher zu verstehen, was passiert ist.“ Die Fotos machen das gestorbene Kind zu einem Teil der Familie.

Jeder Einsatz ist unvergesslich

Saskia Kraft, 28-jährige Zahnarzthelferin aus Rheda-Wiedenbrück, engagiert sich seit einem Jahr ehrenamtlich als Fotografin in Rheda-Wiedenbrück, Soest, Lippstadt und der Umgebung. Auf den Verein stieß sie durch eine Anzeige: „Da habe ich mich beworben, weil ich neugierig war.“ Sieben Einsätze hatte sie seither. Vergessen wird sie keinen.

Fotografin Saskia Kraft aus Rheda-Wiedenbrück

„Bei meinem ersten Einsatz habe ich gar nicht groß nachgedacht. Der Alarm kam, und es war das Krankenhaus in meiner Nähe. Ich habe auf ,Annehmen’ geklickt und mich auf den Weg gemacht. Dort angekommen habe ich einfach gehandelt. Erst hinterher im Auto habe ich geweint.“

Fotografin als stille Beobachterin

Nicht immer sind die Babys beim Eintreffen der Fotografen bereits tot, sagt Saskia Kraft: „Manchmal begleiten wir auch den Sterbeprozess.“ Dabei halte sie sich immer im Hintergrund. „Ich spreche mit den Eltern zuvor ab, was sie sich wünschen, ob sie mit auf den Fotos sein wollen und ob sie ein bestimmtes Motiv haben wollen. Die meiste Zeit bin ich die stille Beobachterin.“

Obwohl Saskia Kraft als Sternenkinderfotografin regelmäßig mit Tod und Trauer konfrontiert wird, bereitet ihr die Arbeit Freude. „Es klingt komisch, aber ich mache es gerne. Ich kann Menschen helfen, ihnen eine Erinnerung schenken. Das ist ein schönes Gefühl.“

Kontakt zu Familie oder Krankenhaus via App

Die Aufträge bekommen die Fotografen über eine App. Wenn ein Sternenkind gemeldet wird, erscheint dort ein Alarm mit den wichtigsten Informationen, dem Ort und dem Kontakt. Kann ein Fotograf den Auftrag übernehmen, klickt er dort auf „Annehmen“ und meldet sich dann bei der Familie oder dem Krankenhaus. Nachdem die Fotos gemacht wurden, kümmert sich der Fotograf um die Entwicklung und den Versand. „Ich übergebe die Fotos in kleinen bemalten Boxen. Die Eltern können sie öffnen, wenn sie soweit sind“, so Saskia Kraft.

Auch Alexander Neufeld aus Nachrodt-Wiblingwerde ist seit gut einem Jahr bei den Sternenkinderfotografen. Hauptberuflich arbeitet der 32-Jährige als Drahtzieher, nebenbei als Fotograf. „Wir haben vier gesunde Kinder, das ist eine gute Chance, etwas zurückzugeben“, sagt er. Rund 20 Mal war er schon als Sternenkinderfotograf im Einsatz. „Während ich arbeite, denke ich nicht darüber nach. Ich mache es einfach. Es kommt erst später auf dem Heimweg oder Zuhause. Dann schaue ich ins Zimmer meiner Kinder und bin dankbar, dass es ihnen gut geht.“

Fuß-, Handabdrücke oder auch Fotobücher

Seine Frau Kerstin kümmert sich um den Versand der Bilder. Sie füllt jede einzelne Box – und das mit viel Liebe. Darin finden sich dann nicht nur die entwickelten Fotos, sondern auch andere kleine Geschenke. Manchmal werden Fuß- oder Handabdrücke genommen oder sogar Fotobücher erstellt. Die Kosten tragen die Neufelds. „Die Eltern sind meistens dankbar. Manche schicken uns später noch ein Dankeschön“, sagt sie. „Leider machen es uns die Krankenhäuser nicht immer leicht.“

Fotograf Alexander Neufeld aus Nachrodt-Wiblingwerde

Einige Kliniken haben Vereinbarungen mit kommerziellen Babyfotografen. „Weil das Krankenhaus so einen Vertrag mit einem anderen Fotografen hatte, wollten sie mich nur als Gast reinschmuggeln. Dann sollten sich zum Schutz vor Bakterien Mutter und Oma für das Foto komplett in Schutzkleidung packen. Die Bilder sahen später einfach furchtbar aus“, berichtet Alexander Neufeld. Um der Familie dennoch ein schönes Andenken zu ermöglichen, veranlasste der Fotograf schließlich einen zweiten Fototermin, beim Bestatter.

Alarmsystem über ein Preisgeld finanziert

Wenn Paula Janka Meisel die Bilder gemacht hat, bearbeitet sie sie zu Hause gelegentlich noch nach. Aber: Sie will nie den Eindruck erwecken, dass es sich hier um ein lebendes Kind handelt.

Die Veröffentlichung geschieht mit Einverständnis der Eltern.

Viele Details sind von der Initiative „Dein Sternenkind“ genau vorbereitet. Alle arbeiten ehrenamtlich. Spenden werden zwar angenommen, es wird aber nicht ausdrücklich danach gefragt. „Vieles finanzieren wir, indem wir an sozialen Wettbewerben teilnehmen“, sagt Oliver Wendlandt, Sprecher der Organisation. 

Das Alarmsystem, mit dem die Fotografen benachrichtigt werden, ist zum Beispiel über so ein Preisgeld finanziert worden. Die Deutschlandkarte ist dafür in eigene Alarmkreise eingeteilt, so dass ein Fotograf höchstens 200 Kilometer zum Einsatzort hat. Vor dem Einsatz bekommt er alle nötigen Informationen. Wo? Wann ist es geboren? Ist es das einzige Kind?

Jede Woche einmal bei einem Sternenkind

Paula Janka Meisel ist seit Anfang des Jahres dabei. Wie viele Einsätze sie schon hatte, zählt sie nicht. Etwa jede Woche ist sie einmal unterwegs. Dabei erlebt sie auch schöne Momente. „Es kommt vor, dass das Kind noch ein paar Stunden gelebt hat. Für die Eltern ist das sehr kostbar“, sagt sie.

Die Fotografin ist selbst Mutter von zwei Kindern. Wenn das Gesehene zu belastend wird, schreibt sie gerne ins Forum der Initiative, tauscht sich mit den Kollegen aus. Außerdem gibt es eine Supervisorin, die für die Organisation im Einsatz ist.

Das Bild von Julian steht bei Familie Gorke im Wohnzimmer. „Das war für die ganze Familie wichtig“, sagt Mutter Karolina. Gerade ihre sechsjährige Tochter habe viel geweint und Schwierigkeiten gehabt, zu verstehen, was passiert ist. Julian gehört zur Familie – auch wenn es nur diese Fotos vom Tag seiner Geburt geben wird.

Hintergründe zur Initiative "Dein Sternenkind"

Die Initiative „Dein Sternenkind“ wurde 2013 von dem Fotografen und Filmemacher Kai Gebel ins Leben gerufen. Sie bietet Eltern eine Erinnerung, die entweder ein bereits totes Baby auf die Welt bringen müssen oder denen der Tod des Neugeborenen unausweichlich bevorsteht.

Sternenkinder sind Babys, die vor oder kurz nach der Geburt gestorben sind, sie kommen in der Regel zwischen der 20. Schwangerschaftswoche und dem errechneten Geburtstermin zur Welt.

Bundesweit engagieren sich über 550 ehrenamtliche Fotografen für die Initiative. Über die Website www.dein-sternenkind.eu können Eltern, Verwandte oder Krankenhausmitarbeiter Kontakt zu den Fotografen aufnehmen. Der Dienst ist kostenlos. Die Fotografen kommen ins Krankenhaus, Hospiz oder zu den Eltern nach Hause, machen Fotos und auf Wunsch auch Videos, die sie den Eltern dann kostenfrei zur Verfügung stellen.

Hier geht es zur Internetpräsenz der Initiative

Quelle: wa.de

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