Talbrücke Rinsdorf im Siegerland wird bewegt

Rekord-Aktion: Auf der A45 wird eine 100.000-Tonnen-Brücke verschoben

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Elegant schwingt sich die Talbrücke Rinsdorf über das Heckebachtal im Siegerland. Doch die 70 Meter hohe Autobahnbrücke der Sauerlandlinie A45 ist in die Jahre gekommen und hat unter den vielen Lastwagen gelitten. Jetzt wird neu gebaut. Mit spektakulären Methoden.

Wilnsdorf-Rinsdorf - So schnell wie möglich muss es gehen. Der Verkehr darf nicht stillstehen. Und wenn, dann kurz. "Arbeiten im laufenden Betrieb" nennen die Bauleute das. Für Autobahn-Baustellen gilt das fast immer. Auch, wenn 38 neue Brücken gebaut werden so wie gerade an der A45 in Südwestfalen. Eigentlich muss es heißen: IN der A45.

Doch wie geht das bei werktäglich rund 70.000 Fahrzeugen? "Es ist ein chirurgischer Eingriff quasi am offenen Herzen", sagt Diplom-Ingenieur Michael Neumann. Der 57-Jährige ist beim Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen (Straßen.NRW) als Projektleiter zuständig für den Neubau von gleich fünf Brücken. Auch für die Talbrücke Rinsdorf südlich von Siegen.

1971 wurde sie vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt eröffnet, 486 Meter ist sie lang und bis zu 70 Meter hoch. Eine kleinere, die Talbrücke Rälsbach, liegt gleich nebenan. Weil sie so nah aneinander liegen, wurde ab dem Winter 2015/16 eine einzige große Baustelle mit eigenem Straßennetz für beide eingerichtet. Im September 2017 war der erste Spatenstich. 2023 soll alles fertig sein. Rund 120 Millionen Euro sollen die Arbeiten kosten. Auf drei Spuren geht es dann in beide Richtungen auf der Autobahn 45, die in Deutschland laut Straßen.NRW die meisten Großbrücken hat.

Startschuss für Brückenneubau auf der A45

Für den Neubau mussten sich die Ingenieure etwas einfallen lassen: Weil die alte Brücke aus einem Stück ist, kann man leider nicht eine Hälfte abreißen, neu bauen und dann die andere Hälfte erneuern. Vielmehr wird erstmal 20 Meter neben der alten Fahrbahn eine neue Brücke gebaut, die zunächst nur die halbe Breite hat. Ist dieses neue Stück fertig, wird der Verkehr dort hinüber geleitet. Die alte Brücke kann dann gesprengt werden.

Neumann ist zuversichtlich, dass der Neubau dabei nichts abbekommt. Später wird dann die zweite Neubauhälfte an der Stelle der alten Brücke gebaut. Ist sie fertig, kommt ein spannender Moment: Die erste Hälfte wird verschoben, komplett mitsamt der bis zu 66 Meter hohen Pfeiler. Um eben jene 20 Meter. 2022 soll das sein. Leicht gesagt - doch etwa 100.000 Tonnen schwer.

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Der Leiter der Koordinierungsstelle A45, Diplom-Ingenieur Karl-Josef Fischer, nennt zum Vergleich das ebenfalls nur geschätzte Gewicht des Kölner Doms ohne Fundamente: 120.000 Tonnen. Die Brückenpfeiler in Rinsdorf ruhen dabei jeweils auf zwei Schiebebahnen. Auf einer Seite sind Platten des Antihaftstoffes Teflon angebracht, der auch bei Bratpfannen verwendet wird. Auf der anderen Seite sind Edelstahlbleche montiert.

Damit das enorme Gewicht wirklich rutschen kann, kommt noch ein Gleitmittel hinzu, wenn es soweit ist. "Wir benutzen Fett oder auch handelsübliches Spülmittel", sagt Fischer. Große Hydraulikpressen leisten dann die Arbeit - Millimeter um Millimeter. "Die Verschiebung wird mit bloßem Auge kaum zu sehen sein", sagt Neumann. Ein bis zwei Tage wollen sich die Ingenieure für die 20 Meter Zeit lassen.

Ein bisschen stolz auf die Größenordnung sind die Planer schon jetzt: "Einen solchen Querverschub auf Fundamentebene hat es in dieser Größenordnung in Deutschland noch nicht gegeben", heißt es in einer Projektbroschüre. Interessant sogar für die Wissenschaft: Begleitet wird das Projekt von Experten der TU Berlin.

Trotz der technischen Herausforderungen soll die A45 während der Bauarbeiten nur selten gesperrt werden. Wenn, dann höchstens jeweils für ein Wochenende. Ein möglichst geringer Eingriff in den Verkehr bei allen Baumaßnahmen ist generell das Ziel von Nordrhein-Westfalens oberster Straßen- und Brückenbauerin Elfriede Sauerwein-Braksiek.

Die 59-jährige Diplom-Ingenieurin leitet als Direktorin den Landesbetrieb Straßen.NRW und ist damit Chefin von 5700 Beschäftigten. "Der Bau muss schneller, die Baustelle besser koordiniert werden. Dazu bedienen wir uns neuer Bauweisen und anderer Ausschreibungsverfahren. Alle Möglichkeiten, die wir sehen, versuchen wir auszuschöpfen."

Dauerbaustelle A45

Für rund 10.000 Brücken ist Straßen.NRW zuständig. Viele von ihnen sind marode: Ein Großteil wurde in den 1960er und 1970er Jahren gebaut. Vor allem immer mehr und immer schwerere Lastwagen machen den Bauwerken zu schaffen. "Mittelfristig müssen wir zwei Drittel neu bauen. Es besteht ein Rieseninvestitionsbedarf, der unter einem starken Verkehrsaufkommen schnell abgewickelt werden muss."

Im Fall der A45 bedeutet Rieseninvestition rund 2,5 Milliarden Euro, die Straßen.NRW für den durchgängigen Ausbau auf drei Spuren je Fahrtrichtung und den Neubau aller 38 Großbrücken zur Verfügung hat. Bis das alles fertig ist, wird es aber noch etwas dauern: Einzelne Bauabschnitte sollen erst 2032 oder sogar erst 2034 fertig werden. - dpa/lnw

100.000 Tonnen: A45-Talbrücke wird verschoben

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Quelle: wa.de

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