118 bis 180 Kilometer pro Stunde

Ja, es ist ein Tornado: DWD bestätigt seltenes Ereignis im Sauerland und im Kreis Soest

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Ein Tornado in Norddeutschland im Jahr 2015 (Symbolbild).

NRW - Tornados in Deutschland sind längst keine Seltenheit mehr. Im vergangenen Jahr wurden 17 Tornados bestätigt. Auch im Märkischen Kreis und im Kreis Soest.

Bei dem spektakulären Wetterereignis am 13. August 2018 beim Räriner Bergfest in Herscheid bei Lüdenscheid im Märkischen Kreis handelte es sich um einen Tornado. Zu diesem Ergebnis kommt der Deutsche Wetterdienst (DWD) nach Auswertung von Augenzeugenberichten, Wetterlage und Fotoaufnahmen, wie DWD-Tornado-Experte Andreas Friedrich auf Nachfrage erklärte. 

Den Verdacht hatte er bereits kurz nach dem Vorfall geäußert, jetzt folgte die amtliche Bestätigung. Rärin taucht auch in der Liste der 17 Tornados 2018 in Deutschland auf. 

Nach dem Tornado am Niederrhein: Aufräumarbeiten laufen

Zwar gibt es keine Videoaufnahmen von dem Tornado, anhand des Schadensbildes, das auch durch Fotos in der Zeitung und auf www.come-on.de belegt ist, fällt das Urteil des Wetterexperten dennoch eindeutig aus. „Wir haben den Ablauf aufgrund der Schäden rekonstruieren können. Augenzeugen hatten kreisende Bewegungen nach oben beobachtet. Auch die Wetterlage zum Zeitpunkt des Unwetters passte“, sagt Friedrich, der seine Erkenntnisse zusammen mit einem Kollegen in der Europäischen Unwetter Datenbank ESWD zusammentrug und veröffentlichte. 

Das Schadensbild  nach dem Tornado in Rärin.

Eine wichtige Quelle für die Dokumentation war auch unsere Zeitung. In dem Bericht vom 14. August, der sich auf Augenzeugen berief, heißt es: 

„Binnen weniger Sekunden hatte sich der Himmel über der kleinen Herscheider Ortschaft schwarz gefärbt. [...] Eine Holzbude wurde in Einzelteile zerschmettert, Trümmerteile trafen den Bühnenwagen, ein kleiner Teil des Gerätehausdaches wurde abgedeckt. Das große Festzelt, in welchem acht Personen (davon drei Kinder) Schutz vor dem Regen gesucht hatten, wurdeaus der Verankerung gerissen: In einemkreiselnden Sog wurde es 50, 60 Meter in die Höhe gezogen und landete mehrere hundert Meter weiter auf einer Wiese. Der Weg dorthin war übersät mit massiven Eisenstangen und Holzbalken.“ 

Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes

Ernsthaft verletzt wurde niemand. Vier Personen ließen sich aber mit Schürfwunden und Prellungen im Krankenhaus ambulant behandeln. Die Zugbahn in Rärin sei sehr kurz gewesen, sagt Andreas Friedrich. Nach maximal zwei Minuten war der Spuk vorbei.

Tornados auch im Kreis Soest

In der Liste der 17 Tornados in Deutschland tauchen auch zwei Orte im Kreis Soest auf: Am 18. Januar 2018 - zwei Tage, bevor Orkantief Friederike in NRW tobte - registrierte das European Severe Storms Laboratory (ESSL) zwei Wirbelstürme: in Lippetal-Schoneberg und einige Kilometer weiter östlich in Lippstadt.

Tornado-Schaden in Lippetal-Schoneberg.

Auch hier war eine Quelle für die Dokumentation der Unwetter-Experten Bilder und ein Artikel unserer Zeitung:

"Unterwegs sog [der Tornado] Dachziegel von den Häusern und brach Äste und ganze Bäume ab. Und dann näherte er sich dem Frischenweg in der Schoneberger Heide, wo Gertrud Kohlhage noch ahnungslos in der Küche weilte. Ein paar Minuten später war die Scheune dem Erdboden gleich gemacht. Die massive Scheune mit rund 400 Quadratmetern Grundfläche wurde von dem Tornado gepackt, geschüttelt, angehoben und fallen gelassen... Danach blieb nur noch ein unsortiertes Trümmerfeld aus Wänden, Ziegeln und Dachbalken übrig. Der 25 Jahre alte silberne Volvo von Gertrud Kohlhage wurde vor der Scheune noch schwer beschädigt, ein Wohnmobil, das daneben stand sowie der grüne Toyota ihres Mannes blieben heil."

Tornado im Lippetal

Der Schadensbereich des Tornados in Schoneberg war etwa 900 Meter lang und nur wenige Meter breit. Er hinterließ großen Sachschaden, aber keine Verletzten. Der Tornado in Lippstadt, der auf einer Strecke von 500 Metern wütete, deckte im Gewerbegebiet am Wasserturm das Dach einer 500 Quadratmeter großen Halle ab und sorgte für einen Schaden im sechsstelligen Bereich. Ein Baum fiel auf ein Auto.

Die Zerstörungskraft von Tornados

Laut DWD handelte es sich bei allen drei Wirbelstürmen um Tornados der Kategorie F1. Das ist die zweitniedrigste Stufe auf der sogenannten Fujita-Skala, in die die Tornados eingeordnet werden. 

Bei einem F1-Ereignis werden Windgeschwindigkeiten von 118 bis 180 Kilometer pro Stunde erreicht. Wellblech und Dachziegel werden abgehoben und Wohnmobile umgeworfen. 

Fahrende Pkw können verschoben werden. Der stärkste jemals gemessene Tornado wurde am 3. Mai 1999 in Oklahoma beobachtet. Er erreichte eine Windgeschwindigkeit von 529 km/h. Der stärkste Tornado 2018 in Deutschland wurde am 16. Mai in Viersen gemessen. Er hatte eine Stärke der Kategorie F2 (181 bis 253 km/h) und richtete erhebliche Schäden an.

Die 17 Tornados in Deutschland 2018

3. Januar: Neuhütten, Bayern, Kategorie F2, 3,5 Kilometer Länge. 

16. Januar: Schöneberg (Gemeinde Lippetal, Kreis Soest): Kategorie F1, 900 Meter Länge.  Hier geht es zur Bildergalerie.

Tornado im Lippetal

16. Januar: Lippstadt, Kreis Soest, Kategorie F1, 500 Meter Länge. 

8. März: Hamminkeln, NRW, keine Kategorie, 700 Meter. 

5. April: Wolfen, Sachsen-Anhalt, Kategorie F0, 1,8 Kilometer Länge. 

16. Mai: Boisheim, Viersen, NRW, Kategorie F2, 5,4 Kilometer Länge.

24. Mai: Großen-Linden, Hessen, keine Kategorie, keine Angaben zur Länge. 

12. Juni: Bissingen, Bayern, keine Kategorie, keine Angabe zur Länge. 

14. Juni: Stöttham, Bayern, Tornado überm Chiemsee, keine Angaben zur Länge. 

13. August: Rärin, Gemeinde Herscheid, Kategorie F1, keine Angaben zur Länge. 

25. August: Bad Freienwalde (Brandenburg) über Land, zwei Tornados im Ostseebad Prerow, Ostseebad Kühlungsborn, Darßer Ort (alle Mecklenburg-Vorpommern), List auf Sylt über Wasser. 

23. September: Niederdorf bei Stollberg, Sachsen, keine Kategorie, 600 Meter Länge.

Quelle: wa.de

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