Heftige Unwetter

Hochwasser-Horror in Hagen: „Höre, dass noch immer ein Fluss durch unseren Hausflur fließt“

Die Stadt Hagen traf das Unwetter mit voller Wucht. Am zweiten Tag beruhigte sich die Hochwasser-Lage zwar, für die Anwohner ist aber noch kein Alltag in Sicht.

Hagen - Noch immer hat die Stadt Hagen mit den Folgen des Hochwassers zu kämpfen. Die Stadt ist eine derjenigen, die am härtesten vom Unwetter in Nordrhein-Westfalen getroffen wurde. In Hohenlimburg, ein Stadtteil von Hagen, wurden am Donnerstag erste Ausmaße der Schäden ersichtlich. Wie dramatisch die Situation für die Anwohner in Hohenlimburg war, schildert unsere betroffene Reporterin bereits am Mittwoch. Nun gibt sie neue Einblicke. (News aus NRW)

Unwetter in Hagen: Horrornacht für Betroffene - EIn Einblick

Es ist Tag 2 nach der Horrornacht in Hagen-Hohenlimburg. Den ganzen Mittwoch über hatte es durch geregnet. Am Abend wieder stärker, was unsere Angst auf eine weitere schlimme Nacht schürte. Zum Glück unbegründet.

Am Donnerstagmorgen liegt eine weitere Nacht mit wenig Schlaf, verbracht auf der Couch hinter mir. Mittwochabend hatten wir aus Angst, der Strom könnte abgestellt werden, noch sämtliche andere Lichtquellen aufgeladen und in unserer Nähe platziert. Zum Glück hatte der Regen irgendwann ganz aufgehört. Doch was einen Moment der Erleichterung mit sich brachte, wird beim Anblick der Folgen direkt im Keim erstickt.

Hochwasser in Hagen: Ausmaß der Flut - Merkwürdige Atmosphäre

Ich beschließe, mich draußen umzusehen. Noch bevor ich die Wohnungstür aufmache höre ich, dass noch immer ein Fluss durch unseren Hausflur fließt. Tatsächlich kann ich das Gebäude nur barfuß oder mit Badelatschen und ohne Socken darin verlassen. Draußen herrscht eine merkwürdige Atmosphäre. Es sind viele Leute da, aber kaum jemand spricht laut. Die Luft ist drückend, so eine schwere Hitze irgendwie.

Langsam bewege ich mich die Straße hinunter. Vorbei am Nebenaufgang unseres Hauses. Dort hat das Unwetter nicht nur Wassermassen, sondern auch Geröll in den Hausflur gespült. Das weitere Fortbewegen ist mehr ein Klettern und Kraxseln, als ein Gehen. Den Menschen ist anzusehen, was sie hinter sich haben.

Das Wasser bahnt sich durch die Wohnsiedlung: Hagen-Hohenlimburg ist besonders betroffen vom Hochwasser.

Unwetter-Chaos in Hagen: Betroffene sind erschöpft und geschockt

Viele haben Augenringe und eine vor Erschöpfung erschlaffte Körperhaltung. Einige stehen auf Trümmern und halten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ein Mann kommt mir entgegen. Er ist völlig fassungslos über das, was vor ihm liegt. Er hat Tränen in den Augen: „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ Vorsichtig arbeite ich mich die Straße hinunter. Mehr in gebückter Haltung als aufrecht. Wasser und Geröll haben den Asphalt aufgerissen.

Ist langsam Entspannung in Sicht? Nach dem Hochwasser bleiben Geröll und Schutt in Hagen-Hohenlimburg liegen.

Überall liegen Müll, Steine, Büsche und Baumteile herum. Dann stelle ich mich aufrecht hin und schaue auf den Boden – auf ein Autodach. Auch der Wagen dahinter ist zum Großteil unter Schutt begraben. Der Besitzer hat die Motorhaube aufgeklappt, um nachzusehen, ob noch etwas zu retten ist. Er lässt den Wagen an – und der Motor läuft tatsächlich. Fahren kann er aber nicht. Er hat keine Chance, sein Gefährt aus dem Geröllberg zu befreien.

Unwetter in NRW: Bilder der Folgen in Hagen und anderen Städten

Anwohner leiten bei Aufräumarbeiten an einer Straße im Hagener Ortsteil Hohenlimburg das ablaufende Wasser. Hier hatte Starkregen für teilweise chaotische Zustände gesorgt.
Ein Mädchen steht an einer Straße im Ortsteil Hohenlimburg. Hier hatte Starkregen für teilweise chaotische Zustände gesorgt.
Zwei junge Frauen gehen barfuß über eine überspülte Straße im Ortsteil Hohenlimburg. Hier hatte Starkregen für teilweise chaotische Zustände gesorgt.
Radlader und Trecker räumen Schlamm und Geröll von der überfluteten Bundesstraße 54. Heftige Regenfälle in der Nacht haben für Schlammlawinen und Überflutungen gesorgt.
Unwetter in NRW: Bilder der Folgen in Hagen und anderen Städten

Unwetter in Hagen: Hochwasser richtet viel Schaden an

Aus einem Fenster ruft mir ein Mann zu: „Ich bin völlig fertig.“ 24 Stunden lang habe er Steine geschleppt, um sein Haus vor dem Wasser zu schützen. Eine Frau erzählt, dass die Wucht des Wassers in ihrem Keller derart heftig war, dass die Waschmaschinen an die Wand geschleudert wurden.“Ach guck mal, ich habe mein Fallrohr wieder gefunden“, ertönt es plötzlich.

Ein Mann hebt ein Rohr auf und nimmt es mit. Ob er es noch verwenden kann, wird sich später zeigen. Ein anderer Mann steht in Begleitung einer Frau geschockt auf dem Gehweg, dessen Platten teilweise arg unterspült sind. Er lebe seit 40 Jahren hier, erzählt er mir. In den 1980er Jahren habe er schon einmal ein Unwetter erlebt. Aber nicht in diesem Ausmaß: „Es ist eine Katastrophe.“

Sturzflut in Hagen: Betroffene zwischen Schutt und Geröll

Beim Anblick der riesigen Geröllmassen wird mir mulmig. Noch immer habe ich meinen Kater nicht gefunden. Was, wenn er hier tot unter dem Schuttberg liegt und ich gerade auf ihm stehe. Ich muss den Gedanken schnell verdrängen, denn Tränen steigen auf und ich habe das Gefühl, gleich in Panik zu geraten. Mein Weg weiter die Straße herunterführt mich an einen abgesperrten Bereich vorbei.

Wird weiter vermisst: Der Kater von Jana Peuckert.

Hagen unter Wasser: Dreckige Brühe sorgt für sorgenvolle Gesichter

Hier sind Autos im Schlamm versunken. Direkt gegenüber ist ein Vorgarten völlig zerstört. Überall versuchen Menschen verzweifelt, ihre Hauseingänge und Gärten von Schlamm und Dreck zu befreien. Dabei stehen sie selbst teilweise fast bis zu den Knien in der dreckigen Brühe. Eigentlich hätte ich an dem Tag einen Impftermin.

Doch mir ist klar, dass ich nicht unbeschadet mit dem Auto aus meiner Straße komme. Bevor ich den Termin absagen kann, kommt mir eine Praxismitarbeiterin mit einem Anruf zuvor. Auch Haspe, wo die Praxis ist, hat es teilweise schwer erwischt. Jetzt habe ich einen neuen Termin für Montag. Hoffentlich ist der Weg bis dahin frei. 

Das extreme Unwetter hat in NRW mittlerweile viele Tote gefordert. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gab nach seinem Besuch in Hagen ein Versprechen ab. Er besuchte auch Altena, eine Stadt, die ebenfalls stark vom Unwetter betroffen ist*. Ebenfalls stark betroffen war auch Wickede, wo die Wehr aufgrund der Wassermassen geöffnet werden musste. *come-on.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Jana Peuckert

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