Sturzfluten

„Blankes Chaos“: Anwohnerin schildert dramatische Unwetter-Nacht in Hagen

Hagen hat das Unwetter in der Nacht zu Mittwoch am härtesten getroffen. Die Stadt versinkt im Chaos, die Menschen sind verzweifelt. Ein Erfahrungsbericht.

Hagen - Vollgelaufene Keller, überflutete Straßen: Die Stadt Hagen ist in der Nacht zu Mittwoch am härtesten vom Unwetter über Nordrhein-Westfalen getroffen worden. Selbst die Einsatzkräfte mussten an manchen Stellen kapitulieren. Stadtteile waren auch am Mittwochvormittag nicht erreichbar, etwa Hohenlimburg. Wie dramatisch die Situation für die Anwohner war, schildert unsere betroffene Reporterin. (News aus NRW)

StadtHagen
Bevölkerungca. 189.000
Bekannt fürNena, Fern-Uni, Brandt-Zwieback

Unwetter in Hagen: Dramatische Stunden für Anwohner - „Hier ist Land unter“

Es ist Dienstagabend, 13. Juli. Kurz nach 23.30 Uhr bin ich mit dem Auto auf der A46 aus Hemer kommend Richtung Hagen unterwegs, als ich einen besorgten Anruf von meinem Freund erhalte: „Wo bist du? Hier ist Land unter.“ Hier, das ist Hagen-Hohenlimburg – mein Zuhause.

Kurz vor der Ausfahrt Hohenlimburg gerate ich in einen Starkregen. Unter einer Brücke versinkt das Auto beängstigend im Wasser. Ich schleiche vorsichtig voran, sprudelnden Gullydeckeln ausweichend. Zu Hause kann ich nicht fassen, was ich sehe. Die Straße, in der ich wohne, ist zu einem kleinen Bach geworden – 2 Stunden später wird daraus ein reißender Fluss, der Geröllmassen mitschleppt und Autos unter sich begräbt. Die Tür zu dem Mehrfamilienhaus in dem ich lebe ist offen, Nachbarn laufen aufgeregt umher.

Am Mittwochmorgen sahen die Anwohner das Ausmaß der Unwetter-Schäden: Autos an einer Straße im Ortsteil Hohenlimburg wurden von Geröll eingeschlossen.

Dann sehe ich den Grund dafür: Vom Garten aus ergießt sich eine schnell anschwellende Welle durch den Hausflur. Nur mit Mühe kann ich gegen den Strom die Treppe hoch laufen. Der Pegel steht etwa acht Stufen vor den Wohnungen der unteren Etage. Ich muss ganz nach oben. Dort erwartet mich mein Freund – völlig durchnässt. Sein Blick verheißt nichts Gutes.

Sturzfluten in Hagen: Dramatische Stunden für Anwohner - „Das Wasser ist viel stärker als wir“

Tatsächlich bringt er es kaum über die Lippen: „Der Kater ist draußen. Ich konnte ihn nicht finden.“ Ich bin kurz wie gelähmt. Ohne darüber nachzudenken stürze ich raus auf die Straße. Zu der Zeit ist unter den parkenden Autos noch etwas Platz. Ich stapfe durch die Wassermassen, von oben prasselt Starkregen auf mich ein. Doch das ist mir egal. Ich will meinen Pepe finden. Ich knie mich vor jedes Auto. Rufe ihn laut – nichts.

Unwetter in NRW: Bilder der Folgen in Hagen und anderen Städten

Anwohner leiten bei Aufräumarbeiten an einer Straße im Hagener Ortsteil Hohenlimburg das ablaufende Wasser. Hier hatte Starkregen für teilweise chaotische Zustände gesorgt.
Ein Mädchen steht an einer Straße im Ortsteil Hohenlimburg. Hier hatte Starkregen für teilweise chaotische Zustände gesorgt.
Zwei junge Frauen gehen barfuß über eine überspülte Straße im Ortsteil Hohenlimburg. Hier hatte Starkregen für teilweise chaotische Zustände gesorgt.
Radlader und Trecker räumen Schlamm und Geröll von der überfluteten Bundesstraße 54. Heftige Regenfälle in der Nacht haben für Schlammlawinen und Überflutungen gesorgt.
Unwetter in NRW: Bilder der Folgen in Hagen und anderen Städten

Etwa eine Stunde später gebe ich auf – das Wasser ist inzwischen viel zu hoch. Selbst, wenn er unter einem Auto wäre, hätte er jetzt keine Chance mehr. Kurz darauf treffe ich im Hausflur einen Nachbarn, der versucht, eine zugefallene Tür aufzustemmen. Sie muss geöffnet werden, damit das Wasser nicht zu hoch ansteigt. Gemeinsam drücken wir gegen die Tür, das Wasser ist viel stärker als wir. Mein Nachbar holt ein Verkehrsschild von der Straße und rammt es gegen die Tür. Dann fließt das Wasser endlich ab.

Unwetter in Hagen: Regen hört nicht auf - Hausflure und Keller laufen voll

Im Flur reicht es mittlerweile bis zu den Knien. Das Rauschen ist derart laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Wir gehen in die Wohnung, beobachten die Lage vom Fenster aus. Ein paar Leute bauen eine Art Kanal, um das Wasser umzuleiten. Die Straße ist dicht – der Regen hört einfach nicht auf. Immer wieder gehen wir runter, um nach dem Pegel im Hausflur zu schauen – er steigt.

Dramatische Stunden in Hagen: Wenn das Zuhause unter Wasser steht - Betroffene berichtet

An Schlaf ist nicht zu denken. Gegen 7 Uhr lässt der Niederschlag etwas nach, das Wasser geht zurück und gibt den Blick frei auf blankes Chaos. Wo gestern noch eine Straße war, versperren Steine, Schüsseln, Gartendeko, Mülltonnen und Baumteile den Weg. Es ist unfassbar. Wir versuchen, in unseren Keller zu kommen – ohne Erfolg.

Gemeinsam mit den Nachbarn beginnen wir, etwas aufzuräumen. Ein schweres Unterfangen, denn am Mittwochmittag fließt noch immer jede Menge Wasser vom Garten durch den Hausflur. Vielleicht ist es sinnlos, jetzt mit Besen und Schippe gegen das Wasser anzukämpfen. Aber nichts tun, das halte ich nicht aus. Ich denke wieder an meinen Kater. Er ist nach wie vor verschwunden. Ich hoffe, er hat es überlebt und kommt zu mir zurück, legt auf der Couch wieder sein Köpfchen auf meinen Schoß und schnurrt zufrieden vor sich hin.  

Der Schaden durch das Unwetter in Hagen ist nicht absehbar, ein Ende der Überschwemmung auch nicht. Der Wetterdienst hat eine amtliche Unwetterwarnung vor „extrem ergiebigem Dauerregen“ in NRW bis Donnerstag veröffentlicht. Unterdessen spitzt sich die Lage auch in anderen Teilen des Landes erheblich zu. In Düsseldorf sind Anwohner aufgefordert worden, wegen einer drohenden Überschwemmung ihre Häuser zu verlassen. Auch der Strom wird abgestellt.

Rubriklistenbild: © Jana Peuckert

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