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Atom-Eskalation im Ukraine-Krieg? Experten sehen nun „unmittelbare Gefahr“

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Von: Richard Strobl, Bettina Menzel, Stephanie Munk

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Sergej Lawrow (l), Außenminister von Russland, spricht bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem griechischen Außenminister Dendias.
Sergej Lawrow (l), Außenminister von Russland, spricht bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem griechischen Außenminister Dendias. © Maxim Shemetov/dpa

Im Ukraine-Konflikt schwebt mittlerweile auch die Gefahr eines Atom-Kriegs mit. Russische Truppen feuerten auf ein Atomkraftwerk. Internationale Experten sind besorgt.

Update vom 4. März, 9.40 Uhr: Die russische Armee hat nach Angaben Kiews im Ukraine-Krieg das Gelände des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja besetzt, auf dem es nach Angriffen der russischen Streitkräfte in der Nacht gebrannt hatte. „Das Betriebspersonal kontrolliert die Energieblöcke und gewährleistet deren Betrieb“, teilte die ukrainische Atomaufsichtsbehörde am Freitag, 4. März, mit. Ein Leck sei an dem Kraftwerk nicht festgestellt worden. Es seien keine Veränderungen in der radioaktiven Strahlungsbelastung registriert worden, erklärte die Behörde.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj* hat Russland „Nuklear-Terrorismus“ vorgeworfen. Kein anderes Land der Welt habe jemals Atomanlagen beschossen, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft.

Ukraine-Krieg: Putin lässt auf Atomkraftwerk feuern - Greenpeace in großer Sorge

Update vom 4. März, 9.27 Uhr: Der Brand des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja im Ukraine-Krieg mit Russland ängstigt die Welt - auch der Kernphysiker Heinz Smital hat sich jetzt besorgt geäußert. „Soviel ich weiß, läuft nur mehr Block 4, das Feuer betrifft das Schulungscenter“, schrieb der Atomexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace am frühen Morgen auf Twitter. Die Gefahr einer Kernschmelze bestehe nicht unmittelbar. „Tschernobyl hatte einen Graphitkern, brachte Radioaktivität in große Höhen und weite Verteilung bis Europa, das ist hier nicht der Fall.“ Die Situation sei trotzdem kritisch.

Der Greenpeace-Atomexperte kritisiert Wladimir Putin für den Beschuss des Atomkraftwerks scharf: „Putins Invasion setzt die Gesundheit der Menschen in Europa aufs Spiel. Ein Atomkraftwerk zu beschießen ist unverantwortlicher Wahnsinn. Tschernobyl und Fukushima haben gezeigt, welche katastrophalen Folgen die Kernschmelze von Reaktoren haben kann: zehntausende Menschen werden verstrahlt, weite Landstriche für Jahrzehnte unbewohnbar.“

Update vom 4. März, 03.46 Uhr: Die Lage im größten Atomkraftwerk Europas ist nach Behördenangaben „gesichert“. Der Leiter des Akws habe erklärt, dass Feuerwehrleute die Anlage inzwischen erreicht hätten, schrieb der Chef der regionalen Militärverwaltung, Oleksander Staruch, in der Nacht zum Freitag auf Facebook. Das Feuer soll in einem Gebäude für Ausbildungsveranstaltungen und einem Labor ausgebrochen sein.

Die internationale Atomenergiebehörde IAEA gab indes Entwarnung bezüglich radioaktiver Strahlung. Man habe keine keine erhöhte Radioaktivität in der Umgebung gemessen. Die IAEA forderte in der Nacht zum Freitag ein Ende jeglicher Kampfhandlungen rund um das Atomkraftwerk und warnte auf Twitter vor „ernster Gefahr“, sollten Reaktoren getroffen werden.

Atomkraftwerk Saporischschja nach russischem Angriff in Brand geraten

Update vom 4. März, 02.42 Uhr: Durch den Ukraine-Krieg habe sich das Risiko für einen Atomunfall mit internationalen Auswirkungen deutlich erhöht, warnte die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) kürzlich. Nun scheint die Gefahr greifbar, denn das von russischen Truppen eingenommene Atomkraftwerk Saporischschja soll am Donnerstag in Brand geraten sein.

Angaben eines AKW-Sprechers zufolge hätten russische Truppen die Atomanlage „bombardiert“, ein Block habe daraufhin Feuer gefangen. Die internationale Atomenergiebehörde warnte in der Nacht zu Freitag vor ernsthaften Gefahren, wenn Reaktoren getroffen würden, so die IAEA auf Twitter. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba schrieb auf dem Kurznachrichtendienst, die russische Armee schieße „von allen Seiten“ auf die Anlage. „Das Feuer ist bereits ausgebrochen. Wenn es explodiert, wird das zehnmal größer sein als Tschernobyl!“

Der Unfall im ukrainischen Atomkraftwerk in Tschernobyl am 26. April 1986 war eine der schlimmsten Katastrophen bei der friedlichen Nutzung von Kernenergie. Ein Reaktorblock explodierte, woraufhin sich radioaktive Stoffe über mehrere Tage über weite Teile Europas verteilten. Das nun in Brand geratene Saporischschja ist das größte Atomkraftwerk Europas - und deutlich leistungsfähiger als einst Tschernobyl.

Russland müsse das Schießen unverzüglich einstellen, um die Feuerwehr an den Brand heranzulassen, forderte der Außenminister der Ukraine. Die internationale Atomenergiebehörde IAEA teilte indes mit, über den Beschuss auf die Atomanlage in Saporischschja informiert zu sein. Man stehe wegen der Situation in Kontakt mit den ukrainischen Behörden. IAEA-Chef Rafael Grossi spreche mit dem ukrainischen Regierungschef Denys Schmyhal über die „ernste Situation“ im Kernkraftwerk Saporischschja und rufe zur Einstellung der Gewalt auf.

Erstmeldung vom 3. März, 16.41 Uhr: Kiew - Der Ukraine-Konflikt* spitzt sich weiter zu. Russlands Angriff kommt wohl wesentlich langsamer voran, als es Putins-Kriegs-Plan vorgesehen hatte. Es droht die nächste Eskalation - auch, da sich Russland durch westliche Unterstützung der Ukraine provoziert sieht. Doch wie groß ist die Gefahr einer atomaren Eskalation?

Dabei gibt es zwei Gefahrenherde: Einmal die Atom-Waffen Russlands und des Westens an sich. Und zweitens Sicherheitsbedenken bei den Atomkraftwerken der Ukraine, die Russland offenbar einnimmt.

Atomgefahr im Ukraine-Krieg: Russland spricht von Panikmache und schürt dennoch Ängste

Wladimir Putin* hatte bereits am Sonntag die russischen „Abschreckungskräfte“ in Alarmbereitschaft versetzt. Zu diesen können auch die Atom-Waffen gezählt werden. Explizit wurden sie von Russland nicht genannt. Doch wie groß ist die Gefahr eines Atom-Krieges? Ein Militär-Experte hatte die Lage bereits gegenüber Merkur.de* eingeschätzt.

Mittlerweile hat Russland selbst wiederum auf die Warnungen des Westens vor einem Atomkrieg reagiert und von Panikmache gesprochen. „Alle wissen, dass ein Dritter Weltkrieg nur ein nuklearer sein kann“, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag. Diese Frage stelle sich aber nur in den Köpfen westlicher Politiker und nicht in denen der Russen.

„Ich versichere Ihnen, dass wir keine Provokationen zulassen werden, die uns das Gleichgewicht verlieren lassen“, sagte Lawrow in einem vom Staatsfernsehen übertragenen Gespräch mit russischen und internationalen Medien. „Aber wenn (der Westen) anfängt, einen echten Krieg gegen uns zu entfesseln, sollten diejenigen, die solche Pläne aushecken, darüber nachdenken, und sie denken meiner Ansicht darüber nach.“ Lawrow betonte nun: „Wir haben eine Militärdoktrin, die die Parameter und Bedingungen für den Einsatz von Atomwaffen beschreibt.“ Eine „Eskalation um der Deeskalation willen“ werde es nicht geben, sagte er. „Aber das Gespräch über einen Atomkrieg ist jetzt im Gange.“ Das liege allein am Westen. Er warf westlichen Staaten auch „Hysterie“ vor.

Atomgefahr in Ukraine-Krieg: Internationale Experten sehen „unmittelbare Gefahr“

Der Minister kritisierte vor allem die USA scharf. „Die folgenden Vergleiche drängen sich für mich auf: Sowohl Napoleon als auch Hitler wollten einst Europa unterjochen. Jetzt haben die Amerikaner es unterjocht“, sagte Lawrow.

Gleichzeitig verurteilte das Lenkungsgremium der Internationalen Atomenergiebehörde die militärische Einnahme ukrainischer Atomanlagen durch Russland. Das Risiko für einen Atomunfall mit internationalen Auswirkungen habe sich im Zuge der russischen Invasion deutlich erhöht, hieß es in der Resolution. Russlands Vorgehen in der Ukraine habe „schwere und unmittelbare Gefahren für die Sicherheit dieser Anlagen und ihre zivilen Mitarbeiter ausgelöst“.

Laut der IAEA haben russische Einheiten nach Angaben aus Moskau das Gebiet um das Atomkraftwerk Saporischschja - das größte ukrainische AKW - unter ihre Kontrolle gebracht. Aus Sicht der IAEA steht somit auch die Anlage selbst unter russischer Kontrolle, obwohl der Betrieb durch ukrainische Mitarbeiter und unter der Aufsicht von Behörden in Kiew fortgeführt wird.

Außerdem nahmen russische Soldaten vorige Woche das Unfallkraftwerk Tschernobyl ein. Zwei weitere Anlagen, in denen Atommüll gelagert wird, sind im Zuge der Kampfhandlungen beschädigt worden. Radioaktive Strahlung wurde dabei jedoch nicht freigesetzt.

Die Hintergründe zum Ukraine-Konflikt* lesen Sie hier. Alle aktuellen Nachrichten zum Ukraine-Krieg gibt es in unserem Live-Ticker. (rjs/dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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