Innenräume gefährlich

Ausgangssperre kontraproduktiv? Aerosol-Forscher warnt vor Corona-Maßnahme

Ist die Ausgangssperre im Kampf gegen die Corona-Pandemie gefährlich? Der Aerosol-Experte Gerhard Scheuch warnt vor der Maßnahme - aus einem simplen Grund.

Hamm - Der Effekt der Ausgangssperre könnte ein unerwünschter sein: nämlich, dass Menschen kleinere Zusammenkünfte von draußen in die Wohnungen verlegen. Der Aerosol-Forscher Gerhard Scheuch hat davor gewarnt, Menschen mit Ausgangsbeschränkungen in die aus infektiologischer Sicht viel gefährlicheren Innenräume zu treiben. (News zum Coronavirus)

Gerhard Scheuch Physiker
Geboren1955 (Alter 66 Jahre)

Ausgangssperre kontraproduktiv? Aerosol-Forscher Gerhard Scheuch warnt vor Corona-Maßnahme

Im WDR5-Morgenecho hat Scheuch, Ex-Präsident der internationalen Gesellschaft für Aerosolforschung, ein Beispiel gebracht. Nämlich dass sich Menschen - jetzt wo das Wetter besser wird - in kleiner Runde abends im Park treffen, zusammenstehen, ein Bier trinken und sich unterhalten. „Diese Leute treiben wir in die Innenräume“, ist Scheuch überzeugt, dass eine Ausgangssperre kontraproduktiv ist. Draußen hingegen „würde nichts passieren“ bei solch kleinen Treffen.

Die mit der geplanten Bundes-Notbremse verbundenen Ausgehverbote zwischen 21 und 5 Uhr seien aus fachlicher Sicht kontraproduktiv, fasste Scheuch zusammen. „Wenn wir Ausgangssperren verhängen, dann suggerieren wir der Bevölkerung: Achtung! Draußen ist es gefährlich. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn die Leute in Innenräumen bleiben, dann ist es gefährlich.“

Ausgangssperre falsche Maßnahme? Gerhard Scheuch: Corona-Ansteckungen „ein Innenraum-Problem“

Führende Aerolsol-Forscher aus Deutschland hatten deswegen bereits in einem Offenen Brief an die Bundesregierung und die Landesregierungen einen Kurswechsel gefordert. Die Wissenschaftler wehrten sich dagegen, „dass man ‚draußen‘ jetzt plötzlich katastrophisiert“, erklärte Scheuch.

Joggen mit Maske, gesperrte Parks oder ein Verbot, abends noch auf einen Spaziergang oder eine Zigarette aus einer möglicherweise beengten Wohnung heraus an die frische Luft zu gehen, seien „absurde Maßnahmen“. Stattdessen sollte es den Bürgern ermöglicht werden, raus zu gehen. Corona-Infektionen seien „ein Innenraum-Problem“, unterstrich der Aerolsol-Forscher.

Ausgangssperre kontraproduktiv? Aerosol-Forscher Scheuch zu Corona-Infektionen

Tenor des offenen Briefs ist deshalb unterm Strich: „Ansteckung findet in Innenräumen statt“. Laut Scheuch sind sich Wissenschaftler darüber schon seit April 2020 im Klaren. In einer Untersuchung eines chinesischen Wissenschaftlers etwa seien 7000 Infektionen untersucht worden - nur eine einzige habe im Außenbereich stattgefunden.

Sind Ausgangsbeschränkungen kontraproduktiv? Ein Aerosol-Forscher warnt jedenfalls davor. Wenn Menschen durch solche Beschränkungen in Innenräume getrieben würden, sei das gefährlicher als der Aufenthalt im Freien.

Wer unbedingt andere Leute treffen müsse, solle die Zahl stark begrenzen und die Zusammenkünfte kurz halten, empfahl Scheuch. „Jede Stunde länger treffen zusammen in Innenräumen ist ganz, ganz gefährlich.“ Das sei den meisten immer noch nicht klar. Unterricht in Schulen sei nur mit einer Kombination aus Schutzmaßnahmen möglich: Lüften, Raumfilter, Masken aufsetzen, kurze Unterrichtszeit und große Räume.

Viele Menschen greifen unterdessen zu Corona-Schnelltests. Die sollen für mehr Sicherheit und Gewissheit in der Pandemie sorgen. Doch Virologe Christian Drosten warnt jetzt vor falschen Rückschlüssen. - Mit dpa-Material

Rubriklistenbild: © Hendrik Schmidt/dpa

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