Kassenärzte-Chef Gassen warnt

Hausärzte fordern mehr Corona-Impfstoff - „Könnten im Juni Herdenimmunität haben“

Die Hausärzte fordern mehr Corona-Impfstoff. Weil die Praxen weniger Lieferungen erhalten als versprochen, warnen sie vor einem Stocken der Impfkampagne.

Hamm - Seit Anfang April impfen auch die Hausärzte gegen das Coronavirus. Viele erhoffen sich dadurch mehr Tempo. Jetzt schlagen die niedergelassenen Ärzte aber Alarm - und warnen vor einem massiven Stocken der Corona-Impfkampagne in Deutschland. Der Grund: zu wenig Lieferungen des Corona-Impfstoffes von Biontech. (News zum Coronavirus)

LandDeutschland
HauptstadtBerlin
Einwohner83,02 Millionen (2019)

Corona-Impfung: Hausärzte fordern mehr Impfstoff - zu wenig Lieferungen

„Den Praxen werden in den kommenden Wochen viel weniger Biontech-Dosen zugewiesen als versprochen, weil der Impfstoff offensichtlich vorrangig an die Impfzentren geht“, sagte Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Die Zuteilung für die Hausärzte sei halbiert worden. Daher wachse bei den niedergelassenen Ärzten die Sorge, „dass sie in den kommenden Wochen eher weniger als mehr am Impfgeschehen teilhaben können“, so Gassen. Als Ausgleich würden die Praxen zwar mehr Dosen des Astrazeneca-Impfstoffes erhalten. „Aber das wird so nicht aufgehen.“ 

Das Bundesgesundheitsministerium hat die Kritik der Kassenärzte an der Verteilung der Corona-Impfstoffe zurückgewiesen. „Anders als von manchen behauptet, werden die Impfstoff-Lieferungen an die Arztpraxen nicht halbiert“, teilte ein Sprecher auf Anfrage der Tagesschau mit. Die Impfstoffmenge steigere sich vielmehr stetig. „Außerdem war immer klar, dass nach zwei Wochen die Praxen Impfstoffe unterschiedlicher Hersteller bekommen.“

Corona-Impfung: Hausärzte fordern mehr Impfstoff - „Impfkampagne wird massiv ins Stocken geraten“

„Wenn die Impfzentren komplett den vergleichsweise unproblematischen Impfstoff erhalten, die Praxen aber den umstrittenen, der zumal den unter 60-Jährigen nicht gespritzt werden darf, wird die Impfkampagne massiv ins Stocken geraten. Das darf nicht passieren“, warnte der Kassenärzte-Chefs.

Die Corona-Impfung mit dem Vakzin von Astrazeneca war kürzlich von Bund und Ländern für Menschen unter 60 Jahre gestoppt worden. Zuvor häuften sich Verdachtsfälle auf Hirnvenen-Thrombosen nach der Impfung. Mittlerweile steht fest, wie es mit der zweiten Impfung nach dem Impf-Stopp weitergehen soll.

Corona-Impfung: Mehr Impfstoff für Hausärzte gefordert - Herdenimmunität gerate in weite Ferne

Andreas Gassen richtet seine Kritik direkt an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Wenn er seine Zuteilungsstrategie nicht wieder ändere, gerate die Herdenimmunität in weite Ferne, so der KBV-Chef. Die Lieferreduzierungen in dieser und der kommenden Woche ließen „das Schlimmste befürchten“.

Laut Gassen könnten die Praxen bis zu fünf Millionen Menschen pro Woche impfen, 75.000 Arztpraxen würden dafür bereit stehen. „Erhalten die Praxen genug Impfstoff, könnten wir schon im Juni die Herdenimmunität erreicht haben“, sagte er.

Wie das Bundesgesundheitsministerium auf Tagesschau-Anfrage mitteilt, gehen in der laufenden Woche eine Million Biontech-Dosen an die Arztpraxen. In der kommenden Woche sollen es rund 462.000 Dosen Biontech und gut 554.000 Dosen Astrazeneca sein. In der letzten Aprilwoche dann 1,16 Million Dosen Biontech und 343.000 Dosen Astrazeneca. Daten für Mai liegen bisher öffentlich nicht vor.

Corona-Impfung: Auch Kassenärztlichen Vereinigungen fordern mehr Impfstoff für Hausärzte

Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) fordern eine stärkere Einbindung von Hausärzten. Die Praxen hätten in der kurzen Zeit, in der sie gegen das Coronavirus impften, mehr als 95 Prozent des gelieferten Impfstoffs verbraucht, berichtete die Welt unter Berufung auf den Chef des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI), Dominik von Stillfried. In den Impfzentren seien es nur 70 Prozent, wobei dort zum Teil auch Vorräte für Zweitimpfungen vorgehalten würden.

In den Impfzentren sammelten sich dem Bericht zufolge bereits mehr als 3,5 Millionen unverimpfte Dosen. „Das bremst den Impffortschritt“, kritisierte Stillfried. Um schnell mehr Menschen impfen zu können, sei es sinnvoll, zunächst nur noch die Arztpraxen mit Impfstoffen zu versorgen und die Impfzentren erst dann, wenn dort die Lagerbestände unverimpfter Dosen aufgebraucht seien.

Forderung nach mehr Corona-Impfstoff für Hausärzte - Widerspruch aus den Ländern

Der ZI-Chef fordert, die Bestände in den Impfzentren zugunsten der Praxen aufzulösen. Der Vorstoß stößt dem Bericht zufolge in vielen Bundesländern auf Widerspruch. Die Senatsverwaltung für Gesundheit in Bremen teilte demnach mit, dass die Impfzentren „in Umfang und Geschwindigkeit“ den Hausärzten nicht unterlegen seien.

Auch Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Schleswig-Holstein, Sachsen und das Land Berlin hielten auf Anfrage der Zeitung daran fest, die Bevölkerung sowohl in Impfzentren als auch in Arztpraxen zu immunisieren.

Rubriklistenbild: © Christian Charisius/dpa

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