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Endphase der Evakuierungen beginnt in Kabul

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Joe und Jill Biden
US-Präsident Joe Biden (2.v.r) und First Lady Jill Biden (r) bei der Rückführung von 11 der 13 US-Soldaten, die beim Selbstmordanschlag in Kabul getötet wurden. © Manuel Balce Ceneta/AP/dpa

Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum geplanten vollständigen Abzug der US-Streitkräfte aus Afghanistan. Die internationale Gemeinschaft will über eine mögliche UN-Sicherheitszone in Kabul beraten.

Kabul - Die militärische Evakuierungsmission vom Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul geht unter extrem gefährlichen Bedingungen in ihre Endphase.

Zuletzt brachten die USA innerhalb von 24 Stunden rund 1200 Menschen außer Landes. Zwischen dem frühen Sonntagmorgen und dem frühen Montagmorgen hätten 26 Flugzeuge des US-Militärs rund 1200 Menschen ausgeflogen, teilte das Weiße Haus am Montag in Washington mit. Im selben Zeitraum hätten zwei Maschinen internationaler Partner rund 50 Menschen evakuiert.

Gleichzeitig laufen internationale Bemühungen weiter, auch nach dem bis Dienstag geplanten vollständigen Abzug der US-Streitkräfte Menschen eine sichere Ausreise aus Afghanistan ermöglichen zu können. In Kabul spitzt sich derweil auch der Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu.

Mögliche UN-Sicherheitszone

UN-Generalsekretär António Guterres und die Vertreter der ständigen Sicherheitsrats-Mitglieder wollen über eine mögliche UN-Sicherheitszone in Kabul sprechen. Frankreich will das im UN-Sicherheitsrat durchsetzen. „Unser Resolutionsentwurf zielt darauf ab, eine Sicherheitszone in Kabul zu definieren, die eine Fortsetzung der humanitären Operationen ermöglicht“, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron der Zeitung „Le Journal du Dimanche“.

Der Vorschlag von Macron wurde in Großbritannien verhalten aufgenommen. Wie aus Regierungskreisen in London verlautete, arbeiten Großbritannien, die USA und Frankreich gemeinsam an einem Resolutionsentwurf für den UN-Sicherheitsrat, der noch Anfang der Woche verabschiedet werden solle. Die Resolution soll demnach „eine Botschaft an die Taliban aussenden“, wie wichtig es sei, dass „Mitarbeiter der Vereinten Nationen ein sicheres Umfeld haben, um ihre humanitäre Arbeit fortzusetzen“.

Maas besucht Nachbarstaaten

Bundesaußenminister Heiko Maas zeigte sich am Sonntag während eines Besuchs im türkischen Antalya offen für den französischen Vorschlag. Ob das dann die Vereinten Nationen oder einzelne Länder mit „Kommunikationskanälen“ zu den militant-islamistischen Taliban machen sollten, „muss man sehen“, sagte Maas nach einem Gespräch mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Maas wollte seine Reise am Montag in Usbekistan fortsetzen. Er besucht insgesamt fünf Länder, die eine Rolle bei weiteren Bemühungen um die Ausreise Schutzsuchender spielen.

Unions-Fraktionsvize Johann Wadephul begrüßte den Vorschlag. „Die französische Forderung nach einer UN-Schutzzone sollte durch Deutschland unterstützt werden“, sagte der CDU-Außenpolitiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Montag). „Die Weltgemeinschaft ist aufgerufen, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Russland und China sind aufgerufen, die Initiative zu unterstützen.“

Gespräche zwischen USA und China

In einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung von mehr als 20 Ländern - darunter die USA und Deutschland - hieß es, man habe von den Taliban Zusicherungen erhalten, dass „alle ausländischen Staatsangehörigen und alle afghanischen Staatsbürger mit einer Reisegenehmigung aus unseren Ländern sicher und geordnet zu Abflugorten sowie aus dem Land reisen dürfen“.

US-Außenminister Anthony Blinken telefonierte nach Angaben seines Ministeriums am Sonntag mit seinem chinesischen Amtskollegen Wang Yi. Es sei darum gegangen, die Taliban für ihre Zusagen für das sichere Reisen von Afghanen und anderen Staatsangehörigen zur Verantwortung zu ziehen.

Bundesaußenminister Heiko Maas hält Gespräche mit China und Russland über die Krise in Afghanistan für richtig. Es gebe Bemühungen, „international alle wichtigen Player an einen Tisch zu bringen, und dabei wird es wichtig sein, auch Russland und China dabei zu haben“, sagte Maas am Montag bei einem Besuch in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die laufenden Gespräche über eine Resolution des UN-Sicherheitsrats. Dort werde sich zeigen, ob in Moskau und Peking die Bereitschaft zur Kooperation bestehe.

China und Russland gehören neben den USA, Frankreich und Großbritannien zu den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats, der das wichtigste Gremium der Vereinten Nationen ist.

Anders als die westlichen Staaten sind die beiden Länder auch nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan noch mit Botschaften in Kabul vertreten. Laut Maas ist auch eine Afghanistan-Konferenz der Nachbarländer geplant. Dazu zählen neben Usbekistan auch Tadschikistan, Pakistan, Turkmenistan, Iran und China.

US-Drohnenangriff mit Dutzenden Toten

Unterdessen griff das US-Militär am Sonntag nach eigenen Angaben mit einer Drohne ein Auto des örtlichen IS-Ablegers in Kabul an. Nach dem Anschlag vom Donnerstag mit Dutzenden Toten wurde damit möglicherweise ein weiterer schwerer Terrorangriff verhindert. Es habe nach dem Luftangriff eine „bedeutende sekundäre Explosion“ gegeben, teilte das US-Zentralkommando mit. Das lasse vermuten, dass das angegriffene Fahrzeug wohl eine große Menge Sprengstoff geladen hatte, teilte Sprecher Bill Urban mit. Eine „unmittelbare Bedrohung“ für den Flughafen sei beseitigt worden. US-Präsident Joe Biden warnte, dass die Lage in Kabul „extrem gefährlich“ bleibe.

Luftangriff
Menschen im afghanischen Nangarhar stehen am vermeintlichen Ort eines US-Luftangriffs. © -/XinHua/dpa

Das US-Militär prüft nach dem Luftangriff auf das Auto Berichte über mögliche zivile Opfer. Der Einsatz habe erfolgreich eine „unmittelbare Bedrohung“ für den Flughafen Kabul durch die Terroristen abgewendet, darüber hinaus würden die Ergebnisse des Luftschlags noch geprüft, hieß es am Sonntagabend (Ortszeit) in einer Stellungnahme der US-Kommandozentrale für die Region (Centcom). In dem zerstörten Fahrzeug habe sich „eine große Menge Sprengstoff“ befunden, „die womöglich zu weiteren Opfern führte“, hieß es. „Es ist nicht klar, was passiert sein könnte und wir untersuchen das weiterhin. Wir wären sehr traurig über den möglichen Tod Unschuldiger“, hieß es in der Stellungnahme des Militärs weiter.

Augenzeugen: Kinder unter Opfern

Der lokale Fernsehsender ArianaNews berichtete unter Berufung auf Augenzeugen, dass sechs Menschen, darunter vier Kinder, beim Einschlag einer Mörsergranate in einem Kabuler Privathaus nahe des Flughafens getötet worden seien. Es war nicht klar, ob diese Opfer möglicherweise nicht einer Mörsergranate, sondern dem US-Luftangriff zuzurechnen gewesen seien.

US-Militär in Landstuhl
Soldaten und medizinisches Personal des US-Militärs bereiten sich in Landstuhl darauf vor, Opfer von einer der Explosionen in der Nähe des Flughafens Kabul zu versorgen. © Marcy Sanchez/U.S. Army/AP/dpa

Die Bedrohung durch Anschläge am Flughafen ist weiter sehr hoch. Am Donnerstag hatte sich dort laut US-Angaben ein Attentäter der IS-Terrormiliz an einem Tor in die Luft gesprengte. Bei dem Anschlag wurden Dutzende getötet, darunter auch 13 US-Soldaten. Das US-Militär hatte zunächst mit einem Drohnenangriff in der Provinz Nangarhar reagiert und nach eigenen Angaben zwei ranghohe Vertreter des IS-Ablegers getötet.

Fast 117.000 Menschen evakuiert

Seit dem Start der Mission Mitte August sind laut US-Regierung insgesamt rund 116.700 Menschen aus Afghanistan evakuiert worden. Mehr als 23.000 von ihnen sind bis Montag auf der Air Base Ramstein in Rheinland-Pfalz gelandet. Rund 15.000 warteten derzeit auf dem US-Militärflugplatz auf eine Weiterreise, teilte der US-Luftwaffenstützpunkt mit. Mehr als 8000 Evakuierte seien bereits mit 38 Flügen von der Air Base zu ihren „Umsiedlungsorten“ abgeflogen. Ramstein nahe Kaiserslautern - der größte US-Luftwaffenstützpunkt außerhalb Amerikas - ist seit dem 20. August ein US-Drehkreuz für Geflüchtete aus Afghanistan.

Die Bundeswehr hatte ihren Rettungseinsatz am Donnerstag beendet, Frankreich, Spanien und Großbritannien folgten am Freitag und Samstag. Die USA wollen noch bis Dienstag Menschen aus dem Land bringen. dpa

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