Aggressiv gegen Europa?

„Kriegerisch“: Macron attackiert Erdogan - ausgerechnet in arabischem TV-Sender

Recep Tayyip Erdogan besucht das Erdbebengebiet in der türkischen Hafenstadt Izmir.
+
Recep Tayyip Erdogan steht in der Kritik - neue Vorwürfe kommen aus Frankreich.

Wieder wird Frankreich von blutigem islamistischen Terror erschüttert. Vorwürfe aus Deutschland muss sich dabei auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan anhören.

  • Binnen weniger Tage haben zwei mutmaßlich islamistische Anschläge Frankreich erschüttert.
  • Präsident Emmanuel Macron verteidigte Mohammed-Karikaturen und Meinungsfreiheit - und geriet daraufhin in das Visier von Recep Tayyip Erdogan.
  • Der türkische Präsident muss sich nun mit dem Vorwurfe auseinandersetzen, er trage zum Terror bei. Der Grüne Cem Özdemir fordert Konsequenzen auch für Deutschland.

Update vom 1. November, 16.15 Uhr: Ausgerechnet in einem arabischen TV-Sender hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat der Türkei „kriegerisches Verhalten“ gegenüber ihren Nato-Partnern im Nahen Osten und im Mittelmeerraum vorgeworfen. „Ich stelle fest, dass die Türkei in der Region imperialistische Neigungen hat. Und ich denke, dass diese imperialistischen Neigungen keine gute Sache für die Region sind“, sagte Macron dem TV-Kanal Al-Dschasira. Das Interview wurde am Samstag vom Élyséepalast veröffentlicht. Das Verhältnis zwischen Frankreich und der Türkei ist gespannt.

Macron verwies auf die Entwicklung in Syrien: Als sich der Krieg gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) einem siegreichen Ende zugeneigt habe, sei die Türkei einmarschiert, um Kurden zu bekämpfen. In Libyen halte sich Ankara nicht an die Abmachungen der Berliner Konferenz und habe mehrfach ein Embargo gebrochen. „Ich denke, dass allein diese beiden Beispiele zeigen, dass die Türkei heute ein kriegerisches Verhalten gegenüber den Nato-Verbündeten zeigt.“

Macron gegen Erdogan: Verhalten nicht hinnehmbar - Türkei provoziert im Mittelmeer erneut

Auch das Verhalten gegen Zypern und Griechenland im östlichen Mittelmeer sei „zutiefst aggressiv“. Dort sucht die Türkei nach Erdgas. Zypern und Griechenland seien europäische Länder, sagte Macron. Frankreich unterstütze „die Souveränität Europas“ und könne die Strategie des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nicht hinnehmen. Als Verbündeter müsse man Dinge offen aussprechen. Er wünsche sich, dass die Dinge sich beruhigten und die Türkei Frankreich und die europäischen Werte achte.

Erdogan ging bei zwei Auftritten am Sonntag nicht auf das Interview ein. Das Verhältnis der beiden Staatschefs ist seit Wochen belastet. Der türkische Präsident hat im Streit um Mohammed-Karikaturen zum Boykott französischer Waren aufgerufen. Die Türkei hat auch gerade erst den Einsatz ihres Gas-Erkundungsschiffs „Oruc Reis“ in umstrittenen Seegebieten im östlichen Mittelmeer erneut verlängert. Das Forschungsschiff werde die Mission bis zum 14. November fortsetzen, teilte die türkische Marine am Sonntag in einer Nachricht über das maritime Warnsystem Navtex mit.

Frankreichs Präsident sagte Al-Dschasira, er achte die Gefühle, die durch die Veröffentlichung geweckt worden seien. Er bekräftigte aber auch seine Haltung, wonach Zeichnungen von der Meinungsfreiheit geschützt seien. „In Frankreich ist die Presse frei.“ Nach drei Terrorangriffen in den vergangenen Wochen mit mehreren Toten sagte Macron, Frankreich bekämpfe den Terrorismus, der im Namen des Islam begangen werde - nicht aber den Islam selbst.

„Erdogan trägt zu Terror bei“: Özdemir erhebt schwere Vorwürfe - und will Konsequenzen auch in Deutschland

Erdogan (l.) und Macron bei der Libyen-Konferenz in Berlin

Erstmeldung vom 30. Oktober: Paris/Ankara - Blutiger islamistischer Terror - und eine heftige Debatte über Meinungsfreiheit: Frankreich bleibt Kristallisationspunkt einer Auseinandersetzung über den Umgang mit Mohammed-Karikaturen. Als ein Hauptgegenspieler des französischen Präsidenten Emmanuel Macron positioniert sich dabei sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan. Erdogan muss sich dafür nun auch aus Deutschland herbe Kritik anhören. Der Vorwurf: Erdogans Position ziehe weitere Gewalt nach sich.

Terror in Frankreich: Erdogan nach Attacken gegen Macron heftig in der Kritik

Grünen-Außenexperte Cem Özdemir hat Erdogan nun vorgeworfen, islamistischen Terror in Europa zu befördern. Man müsse „gegen all diejenigen Hetzer vorgehen, die den Islamismus aus billigem Kalkül für ihre eigenen Zwecke weiter anheizen. Der türkische Präsident Erdogan gießt laufend Öl ins Feuer und trägt damit zu Gewalt und Terror bei“, sagte Özdemir dem Redaktionsnetzwerk Deutschland nach der mutmaßlich islamistisch motivierten Messerattacke im südfranzösischen Nizza.

Der türkische Präsident hatte Macron zuvor heftig kritisiert, weil dieser nach der Enthauptung eines französischen Lehrers die Meinungsfreiheit und die Veröffentlichung auch religionskritischer Karikaturen verteidigt hatte. Erdogan sprach von einer „Lynchkampagne“ gegen Muslime in Europa und rief zum Boykott französischer Waren auf.

„Erdogan trägt zu Terror bei“: Özdemir fordert Konsequenzen aus Gewalt in Frankreich für Islamverbände

Özdemir sagte dem RND: „In Deutschland brauchen wir einen anderen Umgang mit den muslimischen Dachverbänden. Sie müssen mit beiden Beinen auf dem Boden unseres Grundgesetzes stehen und unabhängig von ausländischen Regierungen werden.“

Die Debatte um die Geschehnisse in Frankreich hatten zuletzt auch Deutschland erreicht. SPD-Vize Kevin Kühnert forderte ein Ende des „Schweigens“ bei der politischen Linken in Deutschland. Vor allem mit Blick auf einen Messerangriff in Dresden brachte die Union die Wiederaufnahme von Abschiebungen nach Syrien ins Gespräch.

Bei dem Angriff in Frankreich waren am Donnerstag mindestens drei Menschen getötet worden. Mehrere weitere wurden verletzt, der mutmaßliche Täter wurde festgenommen. Frankreich rief die höchste Terrorwarnstufe aus, Macron sprach von einem „islamistischen Terroranschlag“. Ende September wurden bei einem Messerangriff unweit der Pariser Büros von „Charlie Hebdo“ zudem zwei Menschen verletzt. Mitte Oktober wurde der Lehrer Samuel Paty von einem 18-jährigen Angreifer enthauptet

Macron als Hassfigur: Riesige Proteste in Bangladesch - Attacke von Nizza erschüttert auch Türkei

Unterdessen ebbt der Zorn auf Macron in einigen islamischen Ländern nicht ab. Tausende Menschen haben am Freitag in verschiedenen Städten Bangladeschs gegen Macron und dessen Islamaussagen protestiert. Einige verbrannten Bilder des Staatschefs, um ihre Empörung über Macrons Verteidigung von Mohammed-Karikaturen auszudrücken. Nach Angaben der Polizei nahmen allein 12.000 Menschen an den Protesten in der Hauptstadt Dhaka teil; unabhängige Beobachter sowie die Organisatoren sprachen von 40.000 Teilnehmern.

Seit Macron die Karikaturen nach der Ermordung des Pädagogen Samuel Paty verteidigt hat, kommt es in vielen muslimischen Ländern zu Protesten. Erdogan rief zum Boykott französischer Waren auf und riet dem Präsidenten, seinen „Geisteszustand untersuchen“ zu lassen. Macron hatte betont, dass Frankreich „Karikaturen und Zeichnungen nicht aufgeben“ werde .

Der jüngste Messerangriff in Nizza sorgte allerdings auch am Bosporus für Entsetzen. Die Türkei verurteilte die Messerattacke als „grausamen“ Angriff und drückte ihre „Solidarität“ aus. Das Land steht nach einer Naturkatastrophe allerdings auch vor großen Problemen im Inland - in der Türkei ereignete sich am Freitag ein fürchterliches Erdbeben. (dpa/AFP/fn)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare