„Macron ist ein Problem für Frankreich“

Nach Knallhart-Ansage der EU: Erdogan schießt erneut gegen Macron - mit fragwürdigem Rat an die Franzosen

Seit Jahren gärt es zwischen der Türkei und der EU. Nun hat Brüssel offenbar genug gesehen. Präsident Erdogan lässt gleich eine Verbalattacke folgen.

Update vom 4. Dezember 2020, 18:18 Uhr: Die Spannungen zwischen der EU und der Türkei verschärfen sich. Nachdem Ratspräsident Charles Michel Sanktionen gegen Ankara ins Spiel gebracht und dies auch mit andauernder „feindseliger Rhetorik“ begründet hatte, ließ Recep Tayyip Erdogan harsche Worte folgen.

Erneutes Ziel des Verbalangriffs des türkischen Präsidenten war dessen französischer Amtskollege Emmanuel Macron. Er hoffe, die Franzosen würden ihren Staatschef „so bald wie möglich loswerden“, sagte Erdogan am Freitag. „Macron ist ein Problem für Frankreich“, erklärte er vor Journalisten in Istanbul. „Mit Macron lebt Frankreich in einer sehr gefährlichen Zeit.“

Erdogan: „Mit Macron lebt Frankreich in einer sehr gefährlichen Zeit“

Macron reagierte zurückhaltend auf die neuen Attacken aus der Türkei. In einem Interview mit der Online-Plattform Brut sagte er: „Ich glaube an den Respekt. Beschimpfungen zwischen politischen Führern sind keine gute Methode.“

Die Spannungen zwischen Paris und Ankara hatten Ende Oktober ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, als Macron nach mehreren islamistischen Angriffen ein verstärktes Vorgehen gegen den „radikalen Islam“ in Frankreich ankündigte. 

Erdogan hatte Macron als Reaktion darauf empfohlen, seinen „geistigen Zustand überprüfen“ zu lassen.

Hat Erdogan den Bogen überspannt? EU will nun Ernst machen - und „Katz- und Mausspiel beenden“

Brüssel - Für die Türkei und ihren Präsidenten Recep Tayyip Erdogan könnte es nun ernst werden: Die EU will ernsthaft Sanktionen prüfen. Die EU habe Ankara im Oktober „die Hand ausgestreckt“, um Konflikte zu beseitigen und die Beziehungen zu verbessern, sagte Ratspräsident Charles Michel am Freitag in Brüssel. Die Bewertung der Entwicklung seitdem sei aber negativ. Deshalb würden die Staats- und Regierungschefs beim EU-Gipfel kommende Woche über die Reaktion beraten.

Erdogans Türkei: EU will nun durchgreifen, Sanktionen sind möglich - „Katz- und Mausspiel beenden“

Grund ist offenbar die provokative Politik der Türkei gegenüber Griechenland und Zypern. „Es ist nun Zeit, das Katz- und Mausspiel zu beenden“, sagte Michel. Die Staats- und Regierungschefs hätten Ankara im Oktober „ein positives Angebot“ gemacht, um die Beziehungen zu verbessern. „Bedingung war aber, dass die Türkei die Provokationen beendet.“ Es gebe aber weiter „einseitige Akte und feindselige Rhetorik“. Die EU sei nun „bereit, die Mittel zu nutzen, über die wir verfügen“.

Recep Tayyip Erdogan Ende Oktober bei einer Rede im türkischen Parlament.

Zwischen der EU und der Türkei gibt es zahlreiche Streitpunkte. Ein Konflikt sind die Gasbohrungen im östlichen Mittelmeer, die von der EU als illegal bezeichnet werden. Erdogan hat die Europäer zudem in der Zypern-Frage verärgert, weil er eine dauerhafte Zwei-Staaten-Lösung für die geteilte Insel fordert. Kritik gab es auch an der Haltung der Türkei im Streit um islamkritische Karikaturen und islamistischen Terror in Europa.

Zuletzt provozierte der türkische Präsident mit einem „Picknick“ in der einst von Griechisch-Zyprern bewohnten Küstensiedlung Varosha in der einstigen Touristenstadt Famagusta in Nordzypern. Kritisch sieht die EU auch die Rolle der Türkei in Libyen, Syrien und im Konflikt um Berg-Karabach.

Türkei: Sanktionen von der EU? Entscheidung beim Gipfel Mitte Dezember

Die EU-Staats- und Regierungschefs hatten Ankara schon Anfang Oktober mit Sanktionen gedroht. Gleichzeitig wurden als Anreiz für ein Einlenken der Türkei wirtschaftliche Vorteile wie Verhandlungen über eine Ausweitung der Zollunion mit der EU in Aussicht gestellt. Damals beschlossen sie, beim Gipfel am 10. und 11. Dezember Bilanz zu ziehen.

Zugleich wurde vereinbart, im Fall neuer einseitiger Maßnahmen der Türkei alle möglichen Instrumente und Optionen zu nutzen - was auch neue Sanktionen einschließen könnte. (AFP/dpa/fn)

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