Experten fordern Strategiewechsel

Inzidenz in der Corona-Krise: Deshalb ergibt dieser Wert kaum noch Sinn

Taugt in der Corona-Krise in Deutschland überhaupt noch der Maßstab Inzidenz? Immer mehr Experten fordern eine neue Risikobewertung. Das sind die Gründe.

Hamm - Immer wieder berufen sich in der Corona-Krise in Deutschland Politiker und Wissenschaftler auf die Inzidenz. Sie gibt laut Definition eine Häufigkeit von Krankheitsfällen an. Relevant ist in Deutschland die 7-Tage-Inzidenz, die Zahl von Infektionen pro 100.000 Einwohnern in einer Woche. Berechnet wird sie vom Robert-Koch-Institut (RKI). Die Politik hat hier einen Wert von 100 als kritische Grenze definiert. Ist die Inzidenz höher, müssten Lockerungen zurückgenommen werden - die Notbremse würde greifen. Da die täglichen Corona-Zahlen wieder exponentiell steigen, droht ein neuer, verschärfter Lockdown. Doch ergibt der Maßstab Inzidenz überhaupt noch Sinn? (News zum Coronavirus)

BehördeRobert-Koch-Institut (RKI)
LeiterProf. Lothar Wieler
HauptsitzBerlin
Gründung1. Juli 1891

Inzidenz bei Corona-Zahlen: Wie sinnvoll ist dieser Maßstab? R-Wert liegt über 1

Die dritte Corona-Welle in Deutschland ist nicht mehr aufzuhalten. Das bestätigen zahlreiche Wissenschaftler. Die Zahlen steigen aktuell um rund 30 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Es geht nur noch darum, die Welle so gut wie möglich zu bremsen. Die Inzidenz für die vergangenen 7 Tage liegt in Bundesländern wie NRW bereits knapp unter 100. „Wir werden kurz nach Ostern eine Situation haben wie um Weihnachten herum, sagt Virologe Christian Drosten. Das würde heißen, die Inzidenz geht in Richtung 200. Könnten der Start von Schnelltests und damit vermehrte PCR-Tests Ursache für den aktuellen Anstieg der Zahlen sein? Das ist umstritten. Die Zahl der PCR-Tests lag in der 10. Kalenderwoche mit 1.084.771 durchgeführten Tests nur minimal über der Vorwoche (1.020.839).

Das Schlimme: Die Inzidenz wird auf Monate hinaus nicht mehr signifikant sinken - nur mit einem noch härteren Lockdown als in den vergangenen Monaten. Schuld daran ist laut Wissenschaftlern die Coronavirus-Mutation B.1.1.7. Sie ist ansteckender als der Urtyp und verbreitet sich damit stärker. Der Reproduktionswert lag laut Lagebericht des RKI vom 17. März im 7-Tage-Schnitt bei 1,06. Das heißt: 100 mit dem Coronavirus infizierte Menschen stecken 106 weitere Menschen an. Aufgrund der Mutation wird dieser R-Wert weiter steigen. Ohne neuerliche Kontaktbeschränkungen berechnet der Covid-Simulator der Universität des Saarlands bis in den Hochsommer hinein kontinuierlich steigende Fallzahlen

Inzidenz bei Corona-Zahlen: Lockdown wird wenig helfen

Wie geht es also weiter mit der Corona-Krise in Deutschland und der Inzidenz? Blick zurück auf den Lockdown, der Mitte Dezember verschärft worden war. In einem „Lockdown light“ waren wir ja bereits seit Anfang November. Rund um Weihnachten lag die 7-Tage-Inzidenz bei 200. Trotz Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen und Schließung des Einzelhandels gelang es uns in den folgenden Wochen, den R-Wert gerade einmal auf 0,8 bis 1 zu senken. Das zeigen die Statistiken des RKI. Es brauchte zwei Monate, um die Inzidenz von fast 200 auf 60 herunterzubekommen.

Nehmen wir also an, kurz nach Ostern (Mitte April) liegt die Inzidenz abermals bei 200 - bei einer deutlich stärker ansteckenden Coronavirus-Variante. Der Blick voraus ist deprimierend. Wenn wir ehrlich zu uns sind, gestehen wir uns ein: Der Frühling ist gelaufen. Egal, was passiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel und viele Wissenschaftler haben recht mit ihrer Vorhersage, dass uns weitere schwierige Monate bevorstehen. Selbst ein Knallhart-Lockdown führt uns nicht zu entscheidend niedrigen Inzidenz-Werten und möglichen Lockerungen. Letzter Ausweg: Impfungen. Doch wann nimmt Deutschland endlich Tempo beim Impfen auf?

Inzidenz bei Corona-Zahlen: Wissenschaftler fordern anderen Maßstab

Die Frage, ob die Inzidenz noch der wichtigste Maßstab in der Corona-Krise in Deutschland sein kann, ist also völlig berechtigt. Nimmt man beispielsweise den Wert von 50 als Marke für mögliche Lockerungen und 100 für stärkere Einschränkungen, droht uns bis zum Hochsommer ein Lockdown. Denn frühestens dann wird die Wirkung von Impfungen bei der Zahl der Neuinfektionen spürbar. Mehrere Wissenschaftler fordern daher, die Inzidenz, die vom RKI täglich berechnet wird, nicht mehr als alleinigen Maßstab zu nehmen.

  • Epidemiologe Klaus Stöhr fordert außerdem R-Wert, die Zahl von Infektionen unter Älteren, die Auslastung von Intensivstationen und Krankenhäusern sowie den Stand der Impfungen mitzubetrachten. „Nicht die Fallzahl allein entscheidet, wie dramatisch die Lage für die Bevölkerung wirklich ist“, wird er von der Bild zitiert.
  • Leopoldina-Wissenschaftler Andreas Radbruch argumentiert ähnlich und schlägt einen „Risikowert“ vor, der alle Faktoren miteinbezieht.
  • Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der für seine Schutzkonzepte in der Stadt gelobt wird und jetzt mit einem Modellprojekt in Tübingen im Fokus steht, forderte schon vor zwei Wochen in einem Interview mit der Welt, die Inzidenz dürfe nicht mehr der Maßstab sein.

Inzidenz bei Corona-Zahlen: Hohe Werte bei jüngeren Menschen

Ein Blick auf die aktuellen Inzidenzen, ermittelt vom RKI: So liegt die Inzidenz Mitte März in der Altersgruppe +90 bei 73,14, in der Gruppe 80 bis 89 bei 58,51 und in der Gruppe von 80 bis 84 bei 49,09. Hoch ist dagegen die Inzidenz in den Altersgruppen zwischen 15 und 44 - hier liegt sie jeweils über 100. Eine höhere Inzidenz bei jungen Menschen ist weniger dramatisch als bei älteren, die deutlich gefährdeter sind, schwer an Covid-19 zu erkranken. Da sind sich viele Wissenschaftler einig.

Wie wichtig die Inzidenz als Maßstab bleibt, wird das nächste Bund-Länder-Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten zeigen. Am 22. März wollen die Politiker über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie beraten.

Rubriklistenbild: © Bernd Thissen/dpa

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