„Rechts“ und „links“ im Grabenkampf

Fulminanter Flop für Klöckner: Ministerium wirbt fürs Landleben - Debatte eskaliert schnell und heftig

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Eine Ministerin im Wald - Julia Klöckner stößt mit einer Kampagne auf heftige Reaktionen.

Schöne Bilder und Werbung fürs Landleben. Das hatte Julia Klöckners Ministerium im Sinn. Doch die Kampagne zeigt schnell und grob Spaltungen im Land - sogar gleich mehrere.

  • Mit einer Positiv-Kampagne unter dem Hashtag „Dorfkinder“ will ein Ministerium für das Land werben.
  • Doch die Debatte eskaliert im Netz schnell - Grabenkämpfe entbrennen umgehend.
  • Auch angesichts von scharfem Spott rudert Julia Klöckners Haus sachte zurück.

Berlin/München - Auf aktuelle Entwicklungen reagieren, das Leben im Land stets ein bisschen besser machen - das ist der Hauptjob der Regierung und ihrer Ministerien. Einer an sich durchaus legitimen Randbeschäftigung frönte zuletzt das Landwirtschaftsressort von Julia Klöckner (CDU): Image-Dellen glätten. Mit Öffentlichkeitsarbeit. Wie das Ministerium das tut, das stieß allerdings - einmal mehr - einigen Beobachtern übel auf. Schnell entspann sich eine bezeichnende Debatte.

„Dorfkinder“-Kampagne zeigt schwer polarisiertes Land - Stadt gegen Land, rechts gegen links

Am Sonntag (19. Januar) flutete Klöckners Ressort seine Social-Media-Kanäle mit fluffigen Fotos vom Landleben in Deutschland. „Dorfkinder“ lauten Schlagwort und Hashtag. Und natürlich geht es „Dorfkindern“ ganz ausgezeichnet, glaubt man den PR-Strategen. Potenziell ein wichtiges Argument, angesichts des Bevölkerungsrückgangs in den ländlichen Regionen - und der Mietpreise in den Metropolen.

„Dorfkinder bringen neues Leben in alte Mauern“, heißt es da etwa neben dem Bild eines Tante-Emma-Ladens, oder auch „Dorfkinder behalten das ganze Team im Blick“ zur Aufnahme eines Jugendfußball-Teams. Das allerdings ist einigen Betroffenen zu weichgezeichnet. Teils ganz buchstäblich.

#Dorfkinder: Landwirtschaftsministerium erntet heftigen Shitstorm

Die schönen Bilder ernteten fulminanten Gegenwind - am Montag stieg der Hashtag auf Twitter gar in die Top-Trends auf - mehr als 10.000 Tweets liefen auf. Das Schlagwort geriet zum Ventil für Unzufriedenheiten aller Art. „#Dorfkinder werden zwangsumgesiedelt, weil für Kohle weiter ihre Heimat vernichtet wird“, ärgerte sich etwa der deutsche Ableger von Greta Thunbergs „Fridays For Future“-Bewegung - Kohleaktivisten lagen zuletzt ohnehin im Clinch mit der Ministerin.

„Dorfkinder fahren heimlich mit 13 Vespa, weil der Bus nur zweimal am Tag fährt“, ätzte eine Userin. „#Dorfkinder sind in der Welt der Julia #Kloeckner vor allem weiß und wohl behütet“, rügte der Grünen-Politiker Ali Bas in Umkehrung einer Debatte aus dem Jahr 2019.

Julia Klöckner: Kampagne trifft wunden Punkt - Debatte eskaliert schnell in alte Grabenkämpfe

Wohl noch wesentlich gravierender: Schnell zeigte sich selbst anhand der eher harmlosen Thematik eine tiefe Spaltung in eher rechts- und linksgesinnte Lager. An „die Sorge, im letzten Bus (23:15 Uhr am Wochenende!) wieder der einzige ‚Alternative‘ unter Nazis zu sein“, erinnerte sich ein User. Drastisch drückte sich eine andere Kommentatorin aus. „#Dorfkinder ertränken ihre eigene Perspektivlosigkeit so lange öffentlich in Aggression, Gewalt und Alkohol bis sie endlich alt genug sind um sich ein Haus zu kaufen und das ganz privat an ihrer Familie auszulassen“, schrieb sie.

„Neuer Tag, neuer Hass. Dorfkinder werden in einigen Tweets & unter großem Applaus pauschal mit Nazis in Verbindung gebracht“, beschwerte sich in der Folge eine Nutzerin. „Unter dem Hashtag #Dorfkinder stinkts ein bisschen wie manchmal auf dem Land: nach Gülle.“ „Ich unterscheide eher zwischen Nicht-Idioten und Idioten. Bringt mir persönlich mehr“, lautete noch einer der „versöhnlicheren“ Kommentare.

„Dorfkinder“: Alte Wunden - Auch die „Umweltsau“-Debatte feiert ein Comeback

Sehr nach hartem Schlag an die Adresse der CDU klang unterdessen die Reaktion des WDR-Journalisten Jürgen Döschner. Er erinnerte an den „Umweltsau“-Eklat rund um seinen Sender. Und packte die Christdemokraten angesichts des Hashtags bei einem Wort des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet: „Niemals dürfen Kinder von Erwachsenen für ihre Zwecke instrumentalisiert werden.“

In dieselbe Kerbe schlugen Kommentare, die Klöckners Ministerium vorwarfen, Land- und Stadtbevölkerung „gegeneinander auszuspielen“.

Angesichts all der Kritik ruderten Julia Klöckners Mitarbeiter behutsam zurück. Man wisse, dass noch viel tun sei - und wolle auf keinen Fall Stadt und Land gegeneinander in Stellung bringen, hieß es. Sogar ein kritisches „Lieblings-Meme“ kürte die PR-Abteilung - und gestand damit Nachholbedarf bei der Internetversorgung ein.

Kritik an Klöckners Ministerium: SPD schießt scharf - viel zu tun für Seehofers Heimatressort?

Die spitze Feder packte immerhin die Redaktion der BR-Sendung „quer“ aus. „Dorfkinder müssen auf den Hügel, um diesen Post zu lesen“, lautete der Spott aus München. Oder auch: „Vegetarische Dorfkinder müssen jeden Tag Käsespätzle essen“.

Kritik kam derweil auch vom Koalitionspartner. „Ja, wir Dorfkinder sind schon ganz cool“, twitterte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil am Montag. „Aber lieber als hippe Share Pics sind uns schnelles Internet, funktionierender ÖPNV, ne gute Ärzteversorgung und ordentliche Freizeitangebote.“ 

„#Dorfkinder sind oft gefrustet, weil die CDU lieber die Schwarze Null feiert, anstatt in ländliche Regionen zu investieren. Danke für nichts!“, twitterte ausgerechnet auch der Berliner Juso-Vize Ben Schneider. Viele Aufgaben also - auch für die Regierungspartei SPD. Oder für das mit großem Hallo ins Leben gerufene Heimatministerium.

Video: Klöckner auf der Grünen Woche - Sehe uns alle in der Pflicht

Ärger über den ÖPNV auf dem Land gibt es auch im reichen Bayern, wie Merkur.de* berichtete. Für heftige Kritik hatte zuletzt auch ein Vorfall auf einer Bauerndemo gesorgt - es waren Nazi-Plakate zu sehen. Julia Klöckner persönlich reagierte. In sozialen Medien sorgt ein Wahlplakat zur Kommunalwahl für Aufsehen. Die Junge Union wollte einen „Eyecatcher erzeugen“ - und kassierte stattdessen einen Shitstorm.

fn

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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