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Sibirien, Arktis, Kaukasus – Putin siedelt offenbar 100.000 Menschen um

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Von: Andreas Schmid

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Eine Frau Anfang April in einem Bus aus Mariupol. Ziel der Reise war das südukrainische Saporischschja. Für andere Geflüchtete geht es offenbar nach Russland.
Eine Frau Anfang April in einem Bus aus Mariupol. Ziel der Reise war das südukrainische Saporischschja. Für andere Geflüchtete geht es offenbar nach Russland. © Manuel Bruque/Imago Images

Brisanter Bericht: Russland will im Ukraine-Krieg offenbar fast 100.000 Menschen ins russische Hinterland verteilen.

Mariupol – Kiew wirft Moskau im Ukraine-Krieg* vor, Zivilisten nach Russland* zu verschleppen. Der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Bojtschenko, hatte Ende März gesagt, allein aus der umkämpften südostukrainischen Hafenstadt seien 20.000 bis 30.000 Menschen unter Zwang nach Russland gebracht worden. Ukrainischen Angaben zufolge werden die Menschen über ganz Russland verteilt. Russland dementiert das.

Die ukrainische Sichtweise stützt nun ein Investigativbericht des britischen Nachrichtenportals The I. Demnach siedelt Russland derzeit fast 100.000 Menschen in die abgelegensten Orte Russlands um. Das soll aus einem Kreml-Dekret hervorgehen, das dem Portal vorliegt. Russlands Präsident Wladimir Putin* wird zwar nicht direkt in dem Bericht genannt, dürfte als Kremlchef aber in die mutmaßlichen Pläne involviert sein.

Ukraine: Russland will offenbar Menschen verteilen

Demnach habe Moskau im März angeordnet, dass „insgesamt 95.739 Menschen aus der Russischen Föderation, der Ukraine*, Donezk und Lugansk aus den Kriegsgebieten weggebracht und umgesiedelt werden“ sollen. Es handle sich um eine „Verteilung auf die Teilstaaten der Russischen Föderation“, die „unter der Berücksichtigung der aktuellen Lage“ geschehe.

Die Menschen werden offenbar tausende Kilometer fernab ihrer Heimat gebracht. Allein 11.400 Personen sollen nach Sibirien geschickt werden, je rund 7000 in den Nordkaukasus wie Tschetschenien sowie in den Osten des Landes – etwa in die Region Chabarowsk an der chinesischen Grenze oder auf die Insel Sachalin nahe Japan. Umsiedlungen soll es auch nach Murmansk geben, einer arktischen Hafenstadt nördlich des Polarkreises. Weiter kann man kaum von der Ukraine entfernt sein. Die Behörden in den entsprechenden Gebieten sollen sich bereits auf die mutmaßlich deportierten Menschen vorbereiten.

In Metropolen wie Moskau* oder St. Petersburg sollen keine Menschen gebracht werden. Der Kreml könnte verhindern wollen, dass die Menschen in den Millionenstädten auf Oppositionspolitiker oder ausländische Journalisten trifft., argumentiert die britische Daily Mail.

Ukraine-News: „Die Besatzer haben illegal Menschen verschleppt“

Wieso diese Menschen ins russische Hinterland verteilt werden, scheint unklar. The I berichtet, dass zumindest die Bewohner Mariupols nicht freiwillig handelten. Sie seien stundenlang verhört und letztlich dazu aufgefordert worden, gewisse Papiere zu unterschreiben. Darin hieß es offenbar, ukrainische Truppen hätten ihre Stadt beschossen. Den Menschen sei gesagt worden, sie könnten nicht in die Ukraine zurückkehren, weil sie dort „verfolgt“ würden.

Schon Ende März hieß es von der Stadtverwaltung Mariupol: „In der vergangenen Woche wurden mehrere tausend Einwohner von Mariupol auf russisches Territorium gebracht. Die Besatzer haben illegal Menschen verschleppt.“ Die gefangenen Menschen, offenbar überwiegend Frauen und Kinder, seien in Lager gebracht worden, wovon sie weiter nach Russland gebracht werden würden.

Ukraine-News: Lager nähe Mariupol?

Offizielle Berichte zu solchen Lagern gibt es wenige, sie soll es aber bereits vor der Eskalation im Ukraine-Konflikt* etwa in Tschetschenien gegeben haben. Russland dementiert die Umsiedlung von Zivilbevölkerung. Satellitenbilder lassen allerdings darauf schließen, dass Russland tatsächlich solche Lager baut. Es gibt Hinweise auf ein solches Lager in Bezimenne im Separatistengebiet Donetsk, weniger als 20 Kilometer von Mariupol entfernt.

Mariupols Bürgermeister Bojtschenko verglich die aktuelle Situation mit dem Zweiten Weltkrieg, „als die Nazis Menschen gewaltsam gefangen nahmen“. Gegenüber dem US-Sender CNN sagte er, es sei „schwer vorstellbar, dass im 21. Jahrhundert Menschen gewaltsam in ein anderes Land verschleppt werden können.“ (as) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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