Mutmaßlicher NS-Verbrecher Demjanjuk steht vor Gericht

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Im Rollstuhl wird John Demjanjuk in den Gerichtssaal gebracht.

München - Mit einem Befangenheitsantrag gegen Richter und Staatsanwaltschaft hat am Montag in München der Prozess gegen den mutmaßlichen früheren KZ-Wachmann John Demjanjuk begonnen.

Der Verteidiger des 89-Jährigen, Ulrich Busch, kritisierte vor dem Landgericht, dass Befehlshaber im Vernichtungslager Sobibor freigesprochen worden seien, mit Demjanjuk nun aber ein Befehlsempfänger vor Gericht stehe, der unter Todesdrohungen zu seiner Arbeit gepresst worden sei. Dies sei Willkür, sagte Busch.

Mit Rollstuhl in den Gerichtssaal gebracht

Der 89-Jährige wurde mit einem Rollstuhl und einer blauen Decke zugedeckt in den Gerichtssaal gebracht. Er trug eine blaue Schirmmütze und ließ das Blitzlichtgewitter der Fotografen mit geschlossenen Augen über sich ergehen. Ärzte und Psychiater halten den 89-Jährigen für verhandlungsfähig, aber nur drei Stunden täglich. Wegen des großen Andrangs und der scharfen Sicherheitsvorkehrungen begann der Prozess mit einstündiger Verspätung. Bereits Stunden vor Prozessbeginn hatten sich lange Schlangen vor dem Landgericht gebildet.

John Demjanjuk soll während des Zweiten Weltkriegs an der Ermordung von 27 900 Juden mitgewirkt haben. Im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen soll er 1943 als Wachmann geholfen haben, die größtenteils aus den Niederlanden stammenden Nazi-Verfolgten in die Gaskammern zu treiben. Seit Montag muss sich der 89-jährige gebürtige Ukrainer vor dem Landgericht München II wegen Mord-Beihilfe verantworten. Es dürfte weltweit einer der letzten Prozesse um NS-Verbrechen sein.

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Riesiger Medienandrang bei Demjanjuk-Prozess

Hauptbeweismittel der Ankläger ist ein SS-Dienstausweis mit der Nummer 1393. “Abkommandiert am 27.3.43 Sobibor“ ist handschriftlich darauf notiert. Der Ausweis wurde mehrfach in Augenschein genommen, doch die Verteidigung von Demjanjuk bezweifelt weiter die Echtheit des Dokuments. Da der 89-Jährige selbst bisher zu den Vorwürfen schweigt, wird ein langwieriger Indizienprozess erwartet. Zudem haben die Ärzte festgelegt, dass wegen der angeschlagenen Gesundheit des Angeklagten pro Verhandlungstag nicht länger als zwei Mal 90 Minuten verhandelt werden darf.

Weil Demjanjuk kaum Deutsch spricht, muss die Verhandlung komplett gedolmetscht werden. Im Prozess unter Vorsitz von Richter Ralph Alt treten 19 Nebenkläger auf, die ihre Angehörigen in Sobibor verloren haben. Auch der Direktor des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem, Efraim Zuroff, reiste zum Prozessauftakt an, ebenso die Journalistin Beate Klarsfeld, die seit Jahrzehnten gegen die Vertuschung von Naziverbrechen kämpft. Wegen des großen Andrangs und der massiven Sicherheitskontrollen verzögerte sich der Prozessauftakt am Montag um mehr als eine Stunde. Erst um 11.09 Uhr wurde der Angeklagte im Rollstuhl von zwei Pflegern in den Gerichtssaal gefahren.

Keiner der noch lebenden Zeugen kann sich konkret an Handlungen Demjanjuks bei der Ermordung von Juden erinnern. Doch die Anklage folgert, dass in Sobibor stets das gesamte Personal an der Vernichtung beteiligt war, wenn die Gefangenentransporte eintrafen. Denn das Lager nahe des Dorfes Sobibor im besetzten Polen diente allein der Vernichtung von Juden. Bis zu 150 sowjetische Kriegsgefangene und 30 SS-Angehörige waren im Einsatz. 

Bereits 1988 war Demjanjuk in Israel als “Iwan der Schreckliche“ vom Vernichtungslager Treblinka zum Tode verurteilt worden. Fünf Jahre saß er in der Todeszelle, bis 1993 das Urteil aufgehoben wurde - er war tatsächlich verwechselt worden. Nach insgesamt siebenjähriger Haft kehrte er in die USA zurück.

Zu Beginn des Münchner Prozesses protestierten Journalisten aus aller Welt gegen die Bedingungen der Berichterstattung. Im Gericht gibt es lediglich 68 Plätze für Berichterstatter, mehr als 200 Medienvertreter haben sich jedoch akkreditiert. Landgerichtspräsident Christian Schmidt-Sommerfeld betonte, für das Verfahren werde ohnehin der größte Schwurgerichtssaal genutzt. Mit Blick auf die Menschenwürde des Angeklagten sowie die Unschuldsvermutung “ist es unzulässig, strafgerichtliche Hauptverhandlungen in möglicherweise größeren Sälen anderer Gebäude (zum Beispiel Stadthallen) abzuhalten“, hieß es in der Pressemitteilung von Schmidt-Sommerfeld.

Michel Friedman, früherer Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte dazu: “Das Gericht und die bayerische Justiz verhalten sich skandalös.“ Zugleich betonte Friedman: “Es ist wichtig, noch einmal zu erleben, wozu Menschen fähig waren im Dritten Reich.“

dpa/ap

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