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Nach Mord an Londonerin: Polizei löst Mahnwache gewaltsam auf - Social-Media-Bewegung wächst

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Von: Tanja Koch

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Die Londoner Polizei steht in der Kritik, da sie bei einer Mahnwache für die getötete Sarah Everard brutal vorging. In den sozialen Netzwerken wächst der Unmut.

London - Nachdem am Freitag der leblose Körper der vermissten 33-Jährigen Sarah Everard aufgefunden worden war, wächst analog und in sozialen Netzwerken der Unmut über Gewalt gegen Frauen. Im Fall der Londonerin Everard steht ein 48 Jahre alter Polizist unter Verdacht, sie entführt und ermordet zu haben.

Bei dem landesweiten Aufschrei gegen Belästigungen und Gewalt an Frauen geht es jedoch nicht nur um extreme Fälle wie diesen, sondern auch um alltägliche Übergriffe und um die Angst, die für Frauen ständiger Begleiter ist.

Unter Hashtags wie #ReclaimTheseStreets oder #ReclaimTheStreets (“erobert die Straßen zurück”) teilen Frauen ihre Erfahrungen mit Gewalt und Angst vor dem Nachhauseweg im Dunkeln. Zudem gab es einen Aufschrei gegen das Phänomen Victimblaming, auch Täter-Opfer-Umkehr genannt. Der 33-Jährigen Everard wurde vorgeworfen, selbst die Schuld zu tragen, da sie im Dunkeln ohne männliche Begleitung unterwegs war.

Ein Post, der besonders häufig geteilt wurde, ist der Screenshot der unbeantworteten WhatsApp-Nachricht “Text me when you get home xx”, Was auf deutsch so viel heißt wie “Schreib mir, wenn du zu Hause bist, Kuss”. Der Satz wird von Frauen ganz selbstverständlich benutzt, wenn eine Freundin allein zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmittel den Heimweg antritt. „Hört auf, Frauen zu belästigen. Hört auf, Frauen die Schuld zu geben. Und hört auf, Frauen mit den Handlungen anderer Männer zu belasten. Einer Frau hätte es möglich sein sollen, nach Hause zu gehen“, schreibt die Influencerin Lucy Mountain.

Polizei reagierte brutal - Grund sei Coronavirus

Umso mehr wuchs der Unmut als die Polizei eine analoge Demonstration in Form einer Mahnwache verbot. Als Grund hatte sie die Coronavirus*-Infektionsgefahr angegeben. 

Auf Twitter verwiesen viele Nutzer:innen zudem auf eine ausgelassene Feier von Fußballfans vor einer Woche im schottischen Glasgow. Tausende Menschen hatten den Sieg der schottischen Meisterschaft durch die Glasgow Rangers auf den Straßen der Stadt gefeiert. Die Polizei war nicht eingeschritten.

Trotzdem die Initiative „Reclaim these Streets“ ihren Aufruf zurückgezogen hatte, fanden sich hunderte Menschen am Gedenkort zusammen. Doch die Polizei reagierte drastisch und löste die Versammlung mit Gewalt auf. Auf Videos ist zu sehen, wie die Beamten Teilnehmerinnen der Mahnwache wegzerren, auf den Boden drücken und festnehmen.

Scotland Yard steht heftig in der Kritik. „Die Beamten vor Ort waren mit einer sehr schwierigen Entscheidung konfrontiert“, rechtfertigte eine Sprecherin den Einsatz später, bei dem es vier Festnahmen gegeben hatte. Da die Menschen am Abend eng zusammengestanden hätten, sei das Coronavirus*-Infektionsrisiko hoch gewesen. Am Tag habe es keine Bedenken gegeben, als viele Menschen, auch die britische Herzogin Kate, Blumen an dem improvisierten Gedenkort niederlegt hatten.

„Reclaim these Streets“ äußerte sich als „zutiefst traurig und wütend über die Szenen, die Polizisten beim Überwältigen von Frauen während einer Mahnwache gegen männliche Gewalt zeigen“. Die Mahnwache hätte wie geplant mithilfe von Ordnerinnen zur Einhaltung der Corona-Auflagen stattfinden können, um das Risiko in Schach zu halten. Diesen Vorschlag habe die Polizei abgeblockt, hieß es in der Mitteilung

Mord in London: Politiker:innen äußern sich

Inzwischen haben sich diverse Politiker:innen zu Wort gemeldet.  Londons Bürgermeister Sadiq Khan bezeichnete die Szenen des Polizeieinsatzes als „inakzeptabel“. Auch vor dem Hintergrund der Corona-Maßnahmen sei die Reaktion der Beamten „weder angemessen noch verhältnismäßig“ gewesen, sagte der Labour-Politiker.

Innenministerin Priti Patel bezeichnete die Aufnahmen als teilweise verstörend. Sie habe einen „vollständigen Bericht“ von Scotland Yard zu den Ereignissen angefordert. Ausgerechnet am Montag soll jedoch ein Gesetzentwurf der konservativen Politikerin in die zweite Lesung im Parlament gehen, der der Polizei mehr Möglichkeiten geben soll, Proteste zu beschränken.

Der Fraktionsvorsitzende der Liberaldemokraten im britischen Parlament, Ed Davey, forderte die Londoner Polizeichefin Cressida Dick zum Rücktritt auf. Die Szenen des Polizeieinsatzes seien eine Schande für die Metropolitan Police, so Davey auf Twitter.*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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