U21-Europameister

Kuntz' „Hyänenbande“ voller Euphorie - „Ruck“ durchs Land

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Bundestrainer Stefan Kuntz mit dem Pokal für den Gewinn der U21-Europameisterschaft.

Leidenschaft, Emotionen, Teamgeist: Die deutsche U21 begeistert bei der EM und belohnt sich mit dem Titel. Der Triumph weckt in der Heimat Hoffnungen für die Zukunft. Der Trainer genießt den Erfolg.

Ljubljana (dpa) - Richtig emotional wurde es für Europameister-Coach Stefan Kuntz noch einmal nach der Landung in Frankfurt.

„Da war wirklich Tränengefahr. Das ging mir extrem unter die Haut“, sagte der Nationaltrainer über den Empfang seiner U21 an der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes, wo die Mitarbeiter Spalier standen. Übermüdet, aber glücklich waren die Europameister nach einer langen Party-Nacht in Frankfurt gelandet. Kuntz posierte stolz mit dem Pokal, seine Spieler zeigten glücklich ihre Sieger-Medaillen.

„Da bekommst du als Coach so viel zurück, das ist einmalig“, sagte Kuntz über die Stunden nach dem Titelgewinn, den sein Team in Ljubljana mit einem 1:0 (0:0) im Endspiel gegen Portugal durch einen Treffer von Torjäger Lukas Nmecha (49. Minute) perfekt gemacht hatte. „Das ist eine andere Form von Freude, mehr für die Seele und fürs Herz“, sagte Kuntz. In der DFB-Zentrale berichtete er nach „drei Stunden Schlaf und zwei Gin Tonic“ im weißen Hemd von seiner Gefühlslage, den EM-Pokal neben sich auf dem Tisch.

U21-Auswahl krönt sich

Emotional war es für Kuntz schon direkt nach dem Spiel geworden. Nach 2017 führte der Erfolgstrainer die nächste Generation deutscher Nachwuchsfußballer zur Titelkrönung. „Champions gehen ihren Weg bis zum Ende. Jetzt sind sie Champions“, sagte Kuntz tief gerührt nach einem unerwarteten, aber umso emotionaleren Triumph. „Dieser Jahrgang ist sehr verdient Europameister geworden.“ Es war die Krönung einer bemerkenswerten Entwicklung - und auch eine weitere für ihn selbst.

Bis spät in die Nacht feierten Kuntz und seine Jungs in der schicken Party-Location über den Dächern der Hauptstadt Sloweniens mit Familie und Freunden. „Größere Ausfälle“ bei den Spielern habe es nicht gegeben, dafür teilweise „abstruse Szenen“ im Staff, „weil Wetten verloren wurden, weil Haare geschnitten wurden“, berichtete Kuntz lachend. Er selbst habe nur wenig getrunken: „Der liebe Gott hat bei mir ein Gen vergessen, das Alkohol-Gen. Da bin ich nicht stark drin.“

Anders als die goldene Generation um Manuel Neuer & Co. von 2009, die fünf Jahre später den WM-Titel eroberte, und die als Mitfavorit gestarteten Sieger von 2017 um Serge Gnabry kämpfte sich die aktuelle U21-Generation aus der Außenseiterrolle auf den Fußball-Thron. „Das war der Jahrgang, dem man von Anfang an am wenigsten zugetraut hat“, urteilte Kuntz. Der sportliche Leiter Nationalmannschaften des DFB, Joti Chatzialexiou, stellte fest, dass viele „keinen Cent“ auf das Team gesetzt hätten. „Wenn wir dann sehen, wie die Jungs sich entwickelt haben, kann man das nicht hoch genug bewerten.“

Lob vom A-Nationalteam

Auch die prominenten Titelvorgänger begeisterte der Triumph. „Das habt ihr super gemacht und euch verdient“, sagte der 2009er Champion Neuer, der aus der EM-Vorbereitung mit der A-Nationalelf Glückwünsche schickte. Mit ihren erfrischenden Auftritten dürfte die U21 auch vor dem EM-Auftakt für die Elf von Bundestrainer Joachim Löw am 15. Juni gegen Frankreich die Vorfreude gesteigert haben. „Ich hoffe, dass die Jungs diese Euphorie und den Teamgeist in die A-Mannschaft mit rübernehmen und ein tolles Turnier spielen“, sagte Chatzialexiou.

Kuntz berichtete glückselig von den vielen Glückwünschen aus der Heimat. „Das ist sicherlich das, was die Leute zu Hause begeistert. Purer Fußball, die Leidenschaft war unwahrscheinlich zu erkennen, wie auch der Teamgeist“, schwärmte der Coach. DFB-Interimspräsident Rainer Koch, der gemeinsam mit seinem Kollegen Peter Peters zum Endspiel gereist war, sprach gar von einem Motivationsschub auf mehreren Ebenen: „Ich glaube, es muss ein Ruck jetzt durch das ganze Land gehen und wir müssen uns hinter Jogi Löw und sein Team stellen.“

Für die Zukunft der Nationalelf unter Löw-Nachfolger Hansi Flick weckt die aktuelle Mannschaft Hoffnungen. „Bei Licht betrachtet, ist mit dieser Mannschaft jetzt wieder zu rechnen - in den nächsten Jahren mit den Spielern“, sagte Koch im Bayerischen Rundfunk. Finaltorschütze Nmecha, der auch bester Torjäger des Turniers wurde, kündigte selbstbewusst an: „Wenn wir weiter so unser Talent zeigen, treffen sich einige von uns irgendwann bei der A-Nationalmannschaft.“

Kuntz stolz auf sein Team

Mentor und Förderer Kuntz bemühte sich, die Erwartungen an die jungen Fußballer in der Euphorie nicht zu hochzuhängen: „Der Weg von der U21 zur A-Nationalmannschaft ist sehr weit“, sagte er. Am Talentemangel in Deutschland ändere der Titelgewinn nichts - stolz auf sein Team und ihr Auftreten war er trotzdem: „Sie erfüllen im Moment sehr viele Tugenden und Werte, die man wahrscheinlich auch in ganz Deutschland gerne von der Nationalmannschaft sieht.“

Kuntz' besondere Ansprache an die junge Mannschaft zeigte auch beim aktuellen Jahrgang Wirkung - und führte für den Ex-Europameister zur dritten Finalteilnahme und zum zweiten Titel innerhalb von fünf Jahren. „Löwenherz und Adleraugen“, hatte der 58-Jährige von seinem Team vor dem Halbfinale gefordert. „Und wir müssen eine Hyänenbande sein. Keiner kann sie leiden, aber zum Schluss bekommen sie immer das, was sie wollen“, ergänzte der Coach schmunzelnd.

Zukunft vom U21-Bundestrainer offen

Der Erfolgstrainer will nun erstmal ein paar Tage durchschnaufen, bevor er als ARD-Experte bei der EM im Einsatz ist und das nächste Großprojekt Olympia in Angriff nimmt. Wie es dann für ihn persönlich weitergehen wird, ließ der 58-Jährige, der beim DFB noch einen Vertrag bis 2023 hat, offen. In seinen fünf Jahren beim Verband hat der Coach mit der U21 alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Nach Olympia will er nun Bilanz ziehen. Er werde „meine Gedanken ordnen und das Ganze wirken lassen“, sagte Kuntz. „Da geht es auch darum, wie können neue Ziele aussehen.“ Dies seien „normale Gedanken“.

Seine erfolgreiche Arbeit dürfte auch außerhalb des DFB aufmerksam registriert werden, das ist auch Chatzialexiou klar. Er wisse, „wie sich Dinge entwickeln und sein Marktwert und dass viele Vereine jetzt auch hellhörig sind, mit den ganzen Erfolgen. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen“, sagte Chatzialexiou über Kuntz, der nach der Rücktrittsankündigung von Löw lange auch als Kandidat auf den Bundestrainerposten galt. „Wir trauen Stefan viel mehr zu“, sagte Chatzialexiou. „Aber ich bin froh, dass er hier ist, wo er ist.“

© dpa-infocom, dpa:210607-99-894671/5

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