Ein nutzloser Begriff aus dem Fremdwörter-Duden?

Im Homeoffice der Verwöhnten: Profifußball von Solidarität weit entfernt

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Geld gibt es reichlich im Kosmos Profifußball: Bislang hat sich aber kein Bundesliga-Akteur darüber Gedanken gemacht, wie er den schlechter verdienenden Menschen im Klub helfen kann.

Der Hashtag #nachbarschaftschallenge geht in Deutschland gerade durch die Decke. Angesichts von Corona organisieren sich die Menschen im Netz und untereinander, um sich gegenseitig zu helfen. Im deutschen Profifußball scheint das Wort Solidarität derzeit allenfalls ein nutzloser Begriff aus dem Fremdwörter-Duden. Eine Betrachtung.

Die Corona-Krise treibt in Deutschland seltsame Blüten. Die einen hamstern Klopapier, andere stehlen Desinfektionsmittel und Schutzkleidung in Kliniken – verwundern oder gar erschüttern kann einen so schnell nichts mehr. Fast nichts. Wenn da nicht der deutsche Profifußball wäre. 

Hier gibt es derzeit offenbar noch größere Probleme als dieses Virus namens Sars-CoV-2, der momentan ganze Kontinente stilllegt und das Leben vor allem von älteren Menschen bedroht. Denn einige Klubs bangen um ihre Existenz und artikulierten dies in den vergangenen Tagen laut. 

Durch die Spielunterbrechung in der Bundesliga drohen Verluste von gut einer dreiviertel Milliarde Euro. Da scheint es ganz gut, schon einmal offensiv drauf hinzuweisen und auch schon mal sanft um Unterstützung und Verständnis zu bitten. Dass Millionen von Selbstständigen und Kleinunternehmern derzeit weitaus größere Existenzprobleme plagen, stört dabei nicht. 

Coronavirus und der Profifußball: TV-Gelder wichtiger

Die deutsche Bundesliga plant jedenfalls absurderweise, die Saison mitten in einer Pandemie möglichst schnell fortzusetzen – im Zweifel auch ohne Publikum, die TV-Einnahmen sind wichtiger. „Keiner liebt Geisterspiele. Sie sind aber die einzige Überlebenschance der Bundesliga und der 2. Liga“, sagte Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mit ihren 36 Profiklubs. 

Deshalb bitte er schon heute „Millionen von Fans um Verständnis und Unterstützung, dass wir über diese Maßnahmen nachdenken müssen“, so Seifert weiter. Seifert führt dabei unter anderem die 56.000 Jobs an, die innerhalb der Klubs in den vergangenen Jahren des Vermarktungs-Booms beziehungsweise Vermarktungs-Wahnsinns entstanden sind. 

Keine Frage, viele von ihnen können durch die Spielausfälle und entgangenen Einnahmen tatsächlich in Gefahr geraten. Es sind aber nicht die Existenzen der Profifußballer, deren Kader pro Klub meistens zwischen 20 und 25 Personen liegt. 

Coronavirus und der Profifußball: Ringen um Arbeitsplätze

Sorgen müssen sich die Mitarbeiter im Fan-Shop, in der Geschäftsstelle oder in der Stadion-Gastronomie machen – die meisten von ihnen allenfalls ein Otto Normalverbraucher. Man ringe um Arbeitsplätze, sagt Seifert. 

In der Nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA, deren Saison wegen der Corona-Krise ebenfalls abgebrochen wurde und in der von den Sportlern tatsächlich noch mehr Geld verdient wird als in der Bundesliga, hat sich jedenfalls eine Welle der Solidarität ausgebreitet. 

Viele hochdotierte Basketballer haben Geld gespendet, um die Arbeitsplätze von Platzwarten oder Hot-Dog-Verkäufern zu retten. Eine zutiefst menschliche und vor allem anständige Reaktion. Dabei ist es noch nicht einmal ein großes Stück des Kuchens, auf den die Sportler in den USA verzichten. Es sind lediglich ein paar Krumen.

Coronavirus und der Profifußball: Lunchpakete für Kicker

Die sie selbst kaum vermissen werden, die den Empfängern aber die Existenz sichern können. Bislang hatte sich keiner der deutschen Fußballprofis darüber Gedanken gemacht, wie sie den weitaus schlechter verdienenden Menschen in ihren Klubs helfen können, die ja schließlich ihre Arbeitskollegen sind. 

Im Gegenteil. Die Corona-Krise trieb auch im Homeoffice der Verwöhnten seltsame Blüten. Der Bundesliga-Klub Eintracht Frankfurt gab bekannt, dass er seine Fußball-Profis drei Mal täglich mit einer Art Lunchpaket versorgt, damit sie in der Zwangs-Trainingspause möglichst die Restaurants meiden. 

Viele der Spieler werden zwar teure und stylische Hightech-Küchen in ihren Wohnungen oder Häusern haben, doch die dienen meist nur der schönen Kulisse. Dass sie sich selbst eine Mahlzeit zubereiten, ist eher die Ausnahme. Also sorgt der Klub mit Essenslieferungen vor. 

Wer zynisch ist – und sind wir an dieser Stelle einmal zynisch – könnte frohlocken: Immerhin nur Lunchpakete. Glücklicherweise sorgen die Grenzschließungen dafür, dass ein Kurztrip nach Dubai gerade nicht mehr in Frage kommt, um mal eben ein mit Blattgold überzogenes Ribeye-Steak zu essen. 

Helge Leonhardt

Selbst unter den Klubs ist die Solidarität in Zeichen der schweren Krise bislang so selten wie ein Fünf-Liter-Kanister rückfettendes Desinfektionsmittel. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sieht sogar die „größte Krise des deutschen Profifußballs angebrochen“, aber keine Veranlassung, über Hilfen für finanziell schwächer dastehende Vereine nachzudenken.

Coronavirus und der Profifußball: Asoziale Marktwirtschaft

In der ARD-Sportschau hatte Watzke am Sonntag gesagt: „Am Ende können nicht die Klubs, die ein bisschen Polster angesetzt haben in den vergangenen Jahren, dann im Prinzip die Klubs, die das wiederum nicht gemacht haben, dafür auch noch belohnen.“ So etwas nennt man dann wohl asoziale Marktwirtschaft. 

Watzke kassierte dafür jedenfalls harsche Kritik wie etwa von Helge Leonhardt, dem Präsidenten des Zweitligisten Erzgebirge Aue. Den kennt zwar kaum einer, er sagte aber gestern den bewundernswerten Satz: „Ich denke da völlig anders, weil ich anders erzogen wurde und schon in den letzten 20 Jahren drei große Krisen erlebt und soziale Verantwortung für viele Menschen habe. 

Und da ging es nicht um Fußballer, die Multimillionäre sind.“ Der Profifußball zeigt gerade sein wahres Wesen. Man kann auch sagen, dass er seine schöne und schillernde Maske hat fallen lassen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er das Antlitz dieser Sportart auch künftig für so attraktiv hält wie bisher.

Quelle: wa.de

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