Initiator der Proteste

Schalke: Tönnies-Kritiker Stefan Barta will in den Aufsichtsrat - Deutliche Meinung zur Ausgliederung

Stefan Barta ist Kritiker des Systems Clemens Tönnies und war Initiator der Proteste gegen den Ex-Boss. Nun will er für den Schalker Aufsichtsrat kandidieren.

Hamm - Stefan Barta, 57, ist seit 1976 mit dem Schalke-Virus infiziert. Da sah er bei seinem ersten Besuch im Parkstadion den 1:0-Erfolg über den Hamburger SV durch ein Tor von Klaus Fischer. Seit 1991 ist Stefan Barta, gebürtig aus Hamm in NRW, Mitglied beim FC Schalke 04, gehörte einmal dessen Wahlausschuss an und ist seit Jahren mit Lebensgefährtin Katharina einer der schärfsten Kritiker des Systems Clemens Tönnies.

VereinFC Schalke 04
TrainerChristian Gross
Stadion/ArenaVeltins Arena
OrtGelsenkirchen

Aufsichtsrat auf Schalke: Stefan Barta aus Hamm kandidiert für Gremium

Das brachte er erst vor Kurzem zum Ausdruck: 2020 war er bei den Fan-Protesten gegen den mittlerweile Ex-Aufsichtsratsvorsitzenden rund um die Arena in Gelsenkirchen federführend. Nun bewirbt er sich für einen Platz im Schalker Aufsichtsrat, wie er im Interview mit dem WA sagt.

In einem Zeitungskommentar fanden Sie kürzlich die Meinung vor, nur die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft könne Schalke vor dem Friedhof der Traditionsvereine retten. Den Verfasser haben Sie gleich mal angerufen?
Stefan Barta: Ja, um zu verdeutlichen, dass man natürlich über eine Ausgliederung nachdenken kann, aber sich auch derer Fallstricke bewusst sein sollte. Erstens ist eine Ausgliederung in schlechten Zeiten ziemlich unklug. Denn dann wird ein Verein verramscht. Zweitens sollte man sich gut überlegen, welchen Personen man eine solche Ausgliederung überlassen sollte. Den Gleichen, die den Karren vor die Wand gefahren haben? Ich denke nicht. Und dann sollte man auch genau darauf schauen, wen man sich da ins Haus holen kann. Was hatte Borussia Dortmund für Scherereien mit Florian Homm? Oder in England. Der FC Wimbledon war 100 Jahre ein toller Verein. Dann kam ein Investor, zog damit in einen anderen Stadtteil, änderte den Namen und dann noch die Vereinsfarben von blau-gelb auf rot-weiß. Man muss genau schauen, was für eine Motivation die Investoren haben, sich einen Fußballverein zu kaufen oder Geld reinzustecken. Das ist für viele nur ein Spielzeug. Niemand würde sonst Abramowitsch kennen, Windhorst oder eben Clemens Tönnies.
Wenn die Mehrheit es anders will?
Stefan Barta: Wenn die Fans sagen, wir wollen ein Hochglanzprodukt werden wie Manchester City, koste es, was es wolle, dann öffnen wir die Tore. Dann kommt irgendein Scheich, gibt uns die Millionen, die uns fehlen. Ich fände das nicht gut und nicht weit genug gedacht. Denn wenn der eines Tages die Lust verliert, wird es den FC Schalke 04 vielleicht so nicht mehr geben. Und es bleibt die Frage, ob man sich mit so einem „Verein“ überhaupt noch identifizieren könnte. Dass es auch durch ehrliche Arbeit geht, das zeigen andere: Frankfurt, Gladbach oder Freiburg, die vor zehn Jahren sicherlich schlechtere Voraussetzungen hatten als wir. Es gibt viele Beispiele, wo durch gutes Personal und gute Arbeit irre viel erreicht worden ist. Schlechte Entscheidungen machst du auch nicht durch viel Geld wett. Hertha BSC ist gerade das beste Beispiel. Da wird, wie bei Schalke ja auch schon, viel Geld verbrannt. Ich möchte das nicht mehr.

Stefan Barta: Kandidat für Schalke Aufsichtsrat - Satzungsänderung für Mitgliederversammlung gesellt

Der Verein hat gerade den 13. Juni als Termin für die Mitgliederversammlung bekannt gegeben, welche Rolle wollen sie spielen?
Stefan Barta: Ich habe einen Satzungsänderungsantrag gestellt. Ich nenne ihn Freibier-Paragrafen. Klingt witzig, hat aber einen ernsten Hintergrund. Weil die Mitgliederversammlung in den letzten Jahren immer wieder dadurch missbraucht wurde, dass es Vergünstigungen gab. Zum Beispiel, weil Status Quo aufgetreten ist und Leute kamen, die zwar große Musikfans waren, aber kaum Interesse an Vereinspolitik hatten. Ich fände es besser, wenn jeder, der eine Stimme hat, sich vorab gut informiert, worüber er da abstimmt. Deshalb habe ich den Antrag gestellt, dass die Mitgliederversammlung in keinem Zusammenhang mehr mit irgendwelchen Vergünstigungen stehen darf – weder mit Tickets, Trikots noch mit Freibier. Denn über diese Lockmittel wurden Ausgliederungen in anderen Vereinen vorangetrieben. Dann kommen die Leute, und dann ist es ihnen völlig egal, worüber sie abstimmen. Wenn sie gut informiert kommen und dann für die Ausgliederung stimmen, habe ich kein Problem damit. Ich habe aber ein Problem damit, wenn die einzige Motivation das Trikot ist.
Und über den 13. Juni hinaus?
Stefan Barta: Ich habe am vergangenen Wochenende meine Bewerbung für den Aufsichtsrat abgeschickt. Die Frist endet ja schon am 31. Januar, obwohl die Versammlung erst im Juni ist. Das wurde kaum kommuniziert und vielleicht hat das der ein oder andere Hochkaräter nicht auf dem Schirm. Das wäre schade. Nach Ende der Frist prüft der Wahlausschuss die Bewerbungen und lässt die geeignetsten Kandidaten zu. Die Mitglieder haben am 13. Juni die Wahl. Im Falle meiner Wahl wäre sicher, dass die Zeit meiner öffentlichen Auftritte vorbei wäre, denn der Aufsichtsrat ist nicht die Pressestelle des FC Schalke. Und dass Interna, wie zuletzt geschehen, nach außen getragen werden, geht gar nicht.

Aufsichtsrat auf Schalke: So will Stefan Barta im Klub anpacken

Wo sehen Sie ihre Position in dem Gremium?
Stefan Barta: Ich bin weder Finanz-Experte noch Jurist. Ich sehe mich in einer anderen Position. Schalke ist leider zutiefst gespalten. Auf der einen Seite der Verein, auf der anderen Seite die Fans und die Mitglieder, die teilweise auch zerstritten sind. Ich bin mir sicher, dass ich da helfen kann. Ich möchte, dass wir alle wieder gemeinsam an einem Strang ziehen. Dadurch, dass ich in alle Vereinsbereiche gut vernetzt bin, sehe ich genau da meine Rolle - und das ist meine Motivation. Ich möchte an einer Strategie mitarbeiten, hinter der alle Schalker stehen können und für Werte, die in den letzten Jahren verloren gegangen sind. Da wartet viel Arbeit und sicherlich werden da keine vier Sitzungen im Jahr ausreichen.
Wer will beim FC Schalke 04 Verantwortung übernehmen?
Stefan Barta: Es gibt im Hintergrund verschiedene Gruppen. Da sind Leute dabei, die es können, und die es schon bewiesen haben – auch auf der obersten Führungsebene. Ich weiß, dass Doktoren, Professoren, Juristen, Finanzexperten dabei sind. Das sind keine Hammerwerfer. Sie haben eine klare Vorstellung vom FC Schalke 04 – so wie ich auch.
Muss Schalke wieder demokratischer werden?
Stefan Barta: Ja, das wird der Schüssel für die Zukunft sein. Die Zeit der Patriarchen ist in der modernen Firmenführung Vergangenheit. Teamarbeit ist angesagt. Und natürlich muss an der Satzung hier und da gearbeitet werden. Stichwort Ehrenrat. Dass dieses Gremium vom Aufsichtsrat im Block vorgeschlagen wird und von der Mitgliederversammlung nur noch abgenickt werden darf, ist nicht mehr tragbar. Da ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet und so hat ja auch das Landgericht Essen geurteilt, dass dieses Gremium dem Anspruch an ein ordentliches Schiedsgericht nicht gerecht wird.

Stefan Barta als Kandidat für den Aufsichtsrat auf Schalke: So denkt er über die Ausgliederung der Profis

War das der Auslöser für die Fanproteste?
Stefan Barta: Ja, durchaus. Es ist ja bekannt, dass ich das System Tönnies sehr kritisch sehe. Das hat sich lähmend auf den Verein ausgewirkt. Kritik oder Anregungen von Mitgliedern wurden kaum gehört. Eigentlich kann Schalke doch froh sein über die vielen kritisch mitdenkenden Fans, die sich gegen Homophobie und Rassismus einsetzen – und auch über die Ultras. Auch da wird mir viel zu schnell und einseitig geurteilt. Man muss sich mal anschauen, was die für Aktionen machen. Also nicht nur die Choreos, auch karitative Dinge. Die bauen Sportplätze in Gelsenkirchen, spenden große Beträge für Organisationen wie „Warm durch die Nacht“ oder helfen jetzt in der Corona-Zeit. Die Ultras machen viele gute Sachen. Da noch zu sagen, das wären alles nur Schreihälse, das ist mir zu einfach. Nicht jede Aktion jeder Gruppierung ist gut, aber sie in eine Schublade stecken, das geht nicht.
Jetzt, wo Sie sich für den Aufsichtsrat beworben haben, welche konkreten Vorstellungen haben Sie davon, wie es in den nächsten Jahren weiterlaufen muss?
Stefan Barta: Wie man Schulden abbauen kann, das steht ganz vorne auf der Liste, ohne dass wir sportlich den Anschluss verlieren. Und die Frage steht im Raum: welche Unternehmensform wählen wir? Bleiben wir ein eingetragener Verein, bei dem viele Marketingexperten sagen, dass das Alleinstellungsmerkmal eines „e.V.“ mehr wert sein könnte als die x-te GmbH & Co. KGaA. Nachhaltigkeit ist ein großes Thema. Auch da wird es Firmen geben, die sich engagieren möchten. Und ich möchte, dass Schalke der Verein ist, bei dem sie sich einbringen. Vielleicht müssen wir uns auch von einigem erst einmal trennen. Man spricht über einen Wert von 20 Millionen Euro der Sparte E-Sport. Und wir haben ja noch die Arena. Mir ist das zu kurz gedacht, wenn man sagt, dass eine Ausgliederung unumgänglich ist. Ich bin ja nicht grundsätzlich dagegen, denn es gibt vielleicht auch Modelle, die zu Schalke passen. Stichwort Genossenschaft. Das A und O ist, dass mit dem Geld, das eingenommen wird, vernünftig umgegangen wird. Wenn wir die richtigen Entscheider bekommen, dann bin ich mir sicher, dass Schalke nicht untergehen wird. Dieser Verein geht nicht den Weg von Rot-Weiss Essen. Undenkbar.

Aufsichtsrat-Kandidat Stefan Barta: Bei der Frage nach der Zukunft verweist er auf das Beispiel BVB

Schalke 04 muss sich als Marke positionieren. Taugt das Baskenland-Modell von Athletic Bilbao als Beispiel?
Stefan Barta: Man kann über vieles nachdenken. Wenn Schalke sagt, wir sind ein westfälischer Verein, wir wollen möglichst vielen Spielern den Sprung aus der eigenen Jugendarbeit in die Bundesliga ermöglichen, dann kann man das diskutieren. Ob das allerdings reicht, weiß ich nicht. Da ist die Region und sind die Gegebenheiten um Bilbao sicherlich anders zu bewerten.d
Womit wir bei der Knappenschmiede wären. Nach Spielern wie Manuel Neuer, Julian Draxler, Benedikt Höwedes, Mesut Özil, Leroy Sané und weiteren scheint diese Quelle nicht mehr so richtig zu sprudeln. Ist die Ära Norbert Elgert vorbei?
Stefan Barta: Es sind dem Anschein nach wirklich weniger geworden. Christian Heidel hat meinem Kenntnisstand nach weniger auf die Knappenschmiede gesetzt. Jetzt wird sich wieder mehr gekümmert. Da ist Peter Knäbel gekommen - und auch Jochen Schneider sieht man bei Jugendspielen. Man muss sehen, dass Norbert Elgert auch schon 64 ist. Man muss sich darum kümmern, dass er einen sehr guten Nachfolger hat. Der Weg, mit vielen Millionen viele neue Spieler von irgendwo herzuholen, das ist nicht der Weg. Es ist sehr gefährlich, weil es immer eine Wette auf die Zukunft ist. Das hat Schalke das Genick gebrochen. Nach dem Motto: Wenn wir diesen und jenen holen, kommt das ja durch die Champions League wieder rein. Das hat jetzt zweimal nicht geklappt. Dann ist die Kohle weg und du hast die Schulden. Corona hat das nur beschleunigt.
Wie stellen Sie sich Schalke in fünf Jahren vor?
Stefan Barta: Wo stand Dortmund, nachdem sie 2005 mausetot waren, fünf Jahre später? Der BVB qualifizierte sich für die Europa League. 2011 ist er dann Deutscher Meister geworden. Das wäre doch mal was. Ich bin jetzt keiner, der dieser Schale hinterherhechelt. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass nur dieser eine Weg geht. Der über das gute Personal und nicht der über einen Investor. Beispiel Hannover, wo Martin Kind die gesamte Fanszene zerteilt hat. Oder der Hamburger SV. Da sind 2 300 Leute ausgetreten und haben einen eigenen Verein gegründet. Ich möchte, dass Verein und Fans wieder eins werden – dann gehen wir gestärkt da heraus.

. s.

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