Triathlon

Ironman Hawaii mit deutschem Doppelsieg: Der perfekte Tag

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Willensleistung: Anne Haug überquert als erste Frau die Ziellinie.

Himmel und Hölle auf Hawaii: Während Jan Frodeno und Anne Haug einen historischen Doppeltriumph beim berühmtesten Triathlon feiern, bekommt der Titelverteidiger Patrick Lange die schmerzliche Seite der unberechenbaren Ausdauerprüfung zu spüren.

Die erste Umarmung galt seiner Frau, die zweite dem Manager, die dritte dem Physiotherapeuten: Bei Jan Frodeno passte an einem historischen Tag für den deutschen Triathlon selbst die Reihenfolge der Gratulanten hinter dem Zielkanal in Kona detailgetreu ins Drehbuch. „Ich glaube, es war der Tag, den ich meine Karriere lang gesucht habe“, sagte der Sieger beim mythenbehafteten Ironman Hawaii, der aus dem welligen Pazifik, den tückischen Winden und der schwülen Witterung sogar noch einen Antrieb zu saugen schien. Der 38-Jährige ergriff nach 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen nach 7:51:13 Stunden das Zielband. Eine Fabelzeit.

Der früh vom Rad gestiegene Titelverteidiger Patrick Lange hatte im Vorjahr als erster Mensch unter acht Stunden (7:52:39 Stunden) von perfekten Bedingungen profitiert, aber „Frodo“ spielte mit den Extremen. „Das ist vielleicht mein schönstes Rennen. Ich habe noch nie so viel leiden müssen und genießen können“, sagte der gebürtige Kölner, der mit der Familie wechselweise im spanischen Girona und australischen Noosa lebt. Hinter ihm hatten der US-Amerikaner Tim O’Donnell (7:59:39) und Sebastian Kienle aus Mühlacker (8:02:04) keine Chance. „Jan war in seiner eigenen Welt“, sagte der 35-jährige Konkurrent Kienle.

Ironman Hawaii: Anne Haug gewinnt nach einem famosen Marathon

Als die deutschen Männer bei der Siegerehrung mit den Sektflaschen herumalberten, machte Anne Haug den anfangs so verregneten Tag in der Bucht von Kailua Kona besonders: Die Profi-Triathletin aus Bayreuth stürmte über den Ali’i Drive als erste deutsche Hawaii-Siegerin (8:40:10 Stunden) ins Ziel. „Ich konnte konstant durchlaufen, hatte keinen richtigen Hänger.“ Die 36-Jährige distanzierte nach einem famosen Marathon die Britin Lucy Charles-Barclay um mehr als sechs Minuten – nachdem sie beim Wechsel noch acht Minuten Rückstand aufwies. Die Schweizer Seriensiegerin Daniela Ryf kam in keiner Disziplin hinterher, während sich Laura Philipp als zweitbeste Deutsche auf den vierten Platz vorarbeitete. „Es war ein fantastisches Rennen, wie in Trance“, beschrieb die nur 1,64 Meter große Haug ihren unerwarteten Triumph. Den Ironman Frankfurt hatte sie nach einer langwierigen Fußverletzung absagen müssen und sich erst vor zwei Monaten in Kopenhagen überhaupt die Hawaii-Qualifikation gesichert.

Patrick Lange musste nach 70 Kilometer vom Rad.

Während sich die einen hier im Himmel wähnten, ging ein anderer sinnbildlich durch die Hölle. Der zweifache Champion Lange erlebte bei seinem vierten Hawaii-Start erstmals die Schattenseiten und stieg nach 70 Kilometer vom Rad. Der 33-Jährige hatte in der Nacht über leichtes Fieber geklagt, am frühen Morgen aber grünes Licht gegeben – dann wurde ihm auf dem Rad schwarz vor Augen. Er fuhr auf den Seitenstreifen, stieg mit gesenktem Kopf in ein Auto. „Ihm ist plötzlich schwindlig geworden. Wenn man einen Blackout für zwei, drei Sekunden hat, ist es gefährlich. Da gibt es keine Option mehr“, sagte sein Manager Jan Sibbersen, der glaubt: „Das zu verarbeiten, wird dauern.“

Frodeno hatte die Tücken der unberechenbaren Ausdauerprüfung 2017 erfahren, als sein Rücken streikte. 2018 verhinderte eine Stressfraktur in der Hüfte seine Teilnahme. Nun sollte bei ihm sich alles wieder zum Guten wenden. Als dreifacher Ironman-Weltmeister (2015, 2016 und 2019) und Triathlon-Olympiasieger (2008) hat der Strahlemann seinen Platz in der Ruhmeshalle des deutschen Sports sicher.

Wer nach den Gründen für die Dominanz fahndet, landet nicht nur bei allgemeinen Erklärungen zu den technikaffinen Deutschen, die so viele strebsame Triathleten heranzüchten, dass schwarz-rot-goldene Fahnen mittlerweile zu Big Island gehören wie das Palmenpanorama. Frodeno und Haug werden von Dan Lorang trainiert, der zuletzt Tour-de-France-Entdeckung Emanuel Buchtmann zur deutschen Radsporthoffnung formte. Triathlon-Bundestrainer Faris Al-Sultan, wegen eines verweigerten Visums nicht auf Hawaii vor Ort, hat höchsten Respekt vor Lorangs Arbeit.

Machtdemonstration: Jan Frodeno im Ziel.

Ironman Hawaii: Viele Parallelen bei Jan Frodeno und Anne Haug

Bei Frodenos Machtdemonstration und Haugs Willensleistung zeichnen sich erstaunliche Parallelen ab: Beide haben in jungen Jahren von der Förderung und dem Formaufbau unter dem Dach der Deutschen Triathlon-Union (DTU) profitiert. Beide sind der Typ Stehaufmännchen, der von Rückschlägen angestachelt wird. „If it’s not happy, it’s not the end“, zitiert Frodeno in seinem Buch „Eine Frage der Leidenschaft“ seinen Vater. Haug erzählte jetzt: „Man muss immer daran glauben, dass man es schaffen kann.“

Sie wird bald gemeinsam mit Frodeno durch Talkshows tingeln, auch wenn ihre 30 Zentimeter Größenunterschied ungefähr auch die gegensätzliche Außendarstellung widerspiegeln. Die bodenständige Fränkin und der charismatische Kosmopolit wären erste Anwärter bei der Kür zu Deutschlands Sportler und Sportlerin des Jahres, hätten nicht gerade der Zehnkämpfer Niklas Kaul und die Weitspringerin Maleika Mihambo weltmeisterliche Husarenstreiche in der Leichtathletik vollbracht.

Einen deutschen Doppeltriumph schien es in der mehr als 40-jährigen Hawaii-Historie zunächst 2004 zu geben: Normann Stadler und Nina Kraft feierten anfangs noch gemeinsam. Stadler fiel aus allen Wolken, als wenige Tage später die Mitstreiterin mit Epo-Doping aufflog. Kraft machte sich erst gar nicht die Mühe, ihr Vergehen zu leugnen. Sie bekam Morddrohungen und begab sich später in psychiatrische Behandlung. Die Braunschweigerin fasste im Elitebereich nie wieder Fuß. Ihre Ächtung werten prinzipientreue Ironman-Heroen als Indiz, dass es sich beim Triathlon nicht um einen dopingverseuchten Sport handelt. Lange hat gerade erst wieder auf die Vielzahl teilweise unangekündigter Dopingtests verwiesen. 14 waren es beim entthronten Weltmeister des DSW Darmstadt in diesem Jahr. Dazu sagte er in der „Süddeutschen Zeitung“: „Aber ich verstehe auch, wenn jemand sagt: ‚Na ja, das hat Lance Armstrong auch gemacht – und der wurde nie positiv getestet.‘ Ich kann total verstehen, dass Menschen da zweifeln.“

Von Frank Hellmann

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