Formel 1

Zuflucht in die Geschichte: Ferraris Krisenmanager Binotto

Mattia Binotto ist der Teamchef der Scuderia Ferrari. Foto: Espa Photo Agency/CSM via ZUMA Wire/dpa
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Mattia Binotto ist der Teamchef der Scuderia Ferrari. Foto: Espa Photo Agency/CSM via ZUMA Wire/dpa

Seit 25 Jahren arbeitet Mattia Binotto für Ferrari. Gerade in dieser Formel-1-Krisensaison hat der Mann aus Lausanne einen schweren Job. Was macht das Arbeiten bei Ferrari so kompliziert?

Silverstone (dpa) - Ferrari findet derzeit nur noch in seiner Historie Halt. Vor dem Formel-1-Jubiläumsakt in England legte das Traditionsteam mit dem sich aufbäumenden Pferdchen im Logo auf dem Silverstone Circuit einen Filmtag ein.

Die in dieser Saison so krachend abgehängte Scuderia um den zum Abschied gedrängten Sebastian Vettel machte Aufnahmen für das 1000. Rennen in der Königsklasse des Motorsports Mitte September auf dem firmeneigenen Kurs in Mugello.

In Erinnerungen an 16 Konstrukteurs-Titel und 15 Fahrer-Championate kann Ferrari dann schwelgen. Die Formel 1 macht so etwas ähnliches ja auch, wenn sie an diesem Wochenende den 70. Jahrestag ihres ersten Grand Prix begeht. Mehr als kostbare Rückblicke bleiben Ferrari und Teamchef Mattia Binotto in dieser Corona-Notsaison einfach nicht.

Der joviale Mann mit dem Wuschelkopf und der dickumrandeten Harry-Potter-Brille setzte sich Anfang vergangenen Jahres im internen Konkurrenzkampf gegen den damaligen Teamchef Maurizio Arrivabene durch. Aus dem Technikdirektor Binotto wurde der Teamchef Binotto. Oberster Technikboss blieb er gleichwohl und erhielt damit eine erstaunliche Machtfülle.

Die Entwicklung des aktuellen Autos hat Ferrari aber in eine Sackgasse geführt. Das Prunkstück der Jahre 2018 und 2019, der Motor, hat dramatisch an Leistung eingebüßt. Die Konkurrenz wirft der Scuderia daher Schummelei vor. Um Siege fahren die Italiener in diesem Jahr nicht mit. Die beiden Podestplätze von Vettels Stallrivale Charles Leclerc in diesem Jahr sind das Maximum.

Ferrari-Chef John Elkann sprach Binotto dennoch vor Kurzem in der "Gazzetta dello Sport" sein "vollstes Vertrauen" aus. Sein Teamchef habe "alle Kompetenzen und Charakteristiken hat, um einen neuen Siegerzyklus zu starten", sagte Elkann. Vor der Regelrevolution zur Saison 2022 ist an solche Erfolge aber nicht zu denken.

Binotto, der als Sohn italienischer Eltern im Schweizer Lausanne geboren wurde, kennt Ferrari in- und auswendig. Nach dem Studium an der Universität Modena und Reggio Emilia stieg er bei der Scuderia ein. Als Motoreningenieur war Binotto auch an Michael Schumachers Titelserie von 2000 bis 2004 beteiligt. Ausgerechnet in diesem so miesen Jahr hat er sein 25. Firmenjubiläum.

"Ich weiß, dass die Position viel Verantwortung mit sich bringt", sagte Binotto einmal, "der Druck kommt aber mehr von außen als von innen". Wichtig für ihn sei Beständigkeit. "Wir wissen, dass wir Geduld brauchen. Es gibt keine Allheilmittel."

James Allison kennt die besonderen Anforderungen der Scuderia. Der Technikdirektor von Mercedes arbeitete selbst zweimal für den chronisch aufgeregten Rennstall. "All die Anteilnahme und Freude, die das ganze Land mit Ferrari teilt, wenn Erfolge da sind, kann sich in die schwerste Bürde und großen Druck verwandeln, wenn die Dinge nicht wie gewünscht laufen", beschrieb der Brite einmal.

Hinzu komme die sehr hierarchische, vertikale Führungsstruktur. "Das kann dazu führen, dass das Team kurzfristige Entscheidungen trifft oder sogar in die Irre geführt wird, anstatt eine starke Basis zu legen, die man Jahr für Jahr ausbaut", erläuterte Allison, dem mit Mercedes ein solcher Langzeitaufbau vorbildlich gelungen ist.

Binotto hat den Ton verschärft. Die Ausmusterung Vettels für McLaren-Mann Carlos Sainz ab der kommenden Saison war ein Zeichen. Jüngst warnte Binotto aber die Belegschaft, dass jeder Angestellte seine Arbeit hinterfragen müsse. Konsequenzen? Nicht ausgeschlossen.

Die Fragestunde führte zur Schaffung einer neuen Abteilung für Leistungsentwicklung unter Leitung des bisherigen Aerodynamik-Chefs Enrico Cardile. "Wir versuchen, das Fundament zu legen, um einen Siegerzyklus einzuleiten", sagte Binotto und warnte: "Es wird aber dauern und auch Rückschläge mit sich bringen." Von diesen hat Ferrari zuletzt aber schon genügend gehabt.

© dpa-infocom, dpa:200806-99-65312/2

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