Experten rätseln über deutsches Marathon-Jobwunder

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Rauchschwaden steigen aus einem Schornstein. Das deutsche Jobwunder hält an.

Nürnberg - Düstere Wolken über den Finanzmärken, eitel Sonnenschein auf dem Arbeitsmarkt: Die auf ein Rekordtief gesunkene November-Arbeitslosigkeit stellt zunehmend auch Experten vor ein Rätsel. Manche erwarten spätestens 2012 das Ende des Jobaufschwungs.

Es sind Zahlen, die inzwischen selbst Experten ratlos machen: Während die Euro-Rettung immer dramatischere Formen annimmt und die Börsenkurse Achterbahn fahren, vermeldet die Bundesagentur für Arbeit (BA) die niedrigste Erwerbslosigkeit seit 20 Jahren. Gerade noch 2,713 Millionen Männer und Frauen waren im November bei den Arbeitsagenturen gemeldet - noch mal 24 000 weniger als im Oktober. Der Arbeitsmarkt präsentiert sich - so vermittelt es die Bundesagentur-Statistik - als Insel wirtschaftlicher Stabilität. Krise sieht jedenfalls anders aus.

In Kurzdossiers und Kommentierungen bemühten sich die Experten deutscher Großbanken am Mittwoch um eine Einordnung der aktuellen Entwicklung. Denn nach der ungewöhnlich schwachen Herbstbelebung hatten einige von ihnen bereits über eine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt spekuliert. Folglich würden, so ihre Prognose, die November-Zahlen wohl einen ersten Vorgeschmack auf das sich abzeichnende Ende des Jobaufschwungs bringen. Es kam ganz anders: Statt des erwarteten Anstiegs überraschte die Bundesagentur noch einmal mit sinkenden Arbeitslosenzahlen.

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Dabei steht die Nürnberger Behörde mit ihrem Optimismus keineswegs allein. Auch die OECD stellte dem deutschen Arbeitsmarkt jüngst bei ihrer Wachstumsprognose für die Euro-Zone Bestnoten aus. Für 2012 rechnet die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit mit einem weiteren Rückgang der Erwerbslosigkeit um 200 000. Dieser Trend werde selbst 2013 anhalten.

Für Allianz-Volkswirte Rolf Schneider sind die jüngsten überraschenden Arbeitsmarktzahlen jedenfalls ein klares Signal dafür, “dass die deutsche Wirtschaft bisher nicht in einen Abwärtssog geraten ist“. Denn wenn Unternehmen weiterhin händeringend nach neuen Mitarbeitern suchten, könne ihre Lage wohl so schlecht nicht sein. Vor diesem Hintergrund müssten auch die jüngsten negativen Wachstumsprognosen noch einmal überdacht werden, meint Schneider.

Unter den kursierenden Erklärungsversuchen zur Deutung des Marathon-Jobwunders taucht unterdessen ein Expertenhinweis immer wieder auf: Unternehmen zögerten heute einen Stellenabbau bei vorübergehender Auftragsflaute weitaus länger hinaus als früher. Zu groß sei ihre Sorge, wegen des sich abzeichnenden Nachwuchs- und Fachkräftemangels später nicht wieder die dringend erforderlichen Arbeitskräfte zu finden. “Arbeitgeber scheinen eher als in früheren Zyklen bereit zu sein, an qualifiziertem Personal festzuhalten“, erläutert auch der Arbeitsmarktexperte der Commerzbank, Eckart Tuchtfeld.

Die Bundesagentur verweist bei der Suche nach Gründen für das Jobwunder gerne auf die Arbeitsmarktreformen. Dadurch könne die Behörde heutzutage vorausschauender und schneller auf wirtschaftliche Krisen reagieren. So müssen sich Männer und Frauen sofort nach ihrer Kündigung bei den Arbeitsagenturen melden, damit ihnen frühzeitig eine neue Stelle vermittelt werden kann. Das mit den Hartz-IV-Reformen verankerte Prinzip von Fördern und Fordern zwinge Jobsucher dazu, sich engagierter als früher um eine Stelle zu bemühen.

Arbeitsmarktskeptiker glauben dagegen, dass dieser Effekt sechs Jahre nach dem Start der Hartz-IV-Reform bereits so gut wie aufgebraucht ist. Weiter drücken lasse sich die Arbeitslosigkeit damit nicht. Sie warnen zudem davor, dass es der Bundesagentur inzwischen an Rücklagen für ein milliardenschweres Kurzarbeiterpaket fehle, wie es in den Jahren 2009 und 2010 zum Einsatz kam. Auch geben sie zu bedenken, dass sich wirtschaftliche Krisen erst mit Verzögerung von einigen Monaten auf den Arbeitsmarkt auswirken. So gesehen würden sich die Finanzmarkt-Turbulenzen und ihre Folgen für Unternehmen erst im Mai oder Juni 2012 in den BA-Statistiken niederschlagen.

Von Klaus Tscharnke

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